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Berliner Einheitsdenkmal : Die Wippe auf der Kippe

Metaphorisch verschaukelt: Es wird teurer, es produziert schiefe Bilder, und für Rollstuhlfahrer ist es auch nichts. Sollte man den Bau des Einheitsdenkmals in Berlin besser stoppen?

          Eine der ungeschriebenen, nie ausgesprochenen Regeln der Berliner Politik lautet: Gib nie Gelder zurück, die du schon bewilligt bekommen hast. Zieh jedes Projekt, das durch den Bundestag und durch den Haushaltsausschuss kommt, durch – egal, wie unsinnig es dir vorkommt. Anders ist nicht zu erklären, was gerade in Berlin mit der Baustelle des sogenannten Einheitsdenkmals passiert: Was dort entsteht, wird ein Denkmal – aber keines für die friedliche Revolution von 1989, sondern eines für die Bizarrheiten deutscher Kulturbürokratie.

          Niklas Maak

          Redakteur im Feuilleton.

          Noch einmal die Geschichte in Kurzfassung: Am 13.Mai 1998 erreicht die damalige Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth ein offener Brief, in dem unter anderen Lothar de Maizière den Bau eines Denkmals zur Erinnerung an die Wiedervereinigung anregt. Später machen sich neben weiteren Helmut Markwort, Lothar Späth und Hans-Olaf Henkel dafür stark. 2007 ergeht ein Beschluss des Bundestags, ein solches Denkmal zu bauen, ohne dass es Ideen gäbe, wie es aussehen sollte. Man weiß nur, dass es auf dem Gelände der ehemaligen Schlossfreiheit errichtet werden soll, wo früher ein Denkmal von Kaiser Wilhelm I. stand.

          Interaktives Denkmal in Schalenform

          2008 lobt Bernd Neumann, damals Kulturstaatsminister, einen Wettbewerb aus. Als dessen Ergebnisse präsentiert werden, rollt den Preisrichtern eine veritable Metaphernlawine entgegen. Im Angebot sind: eine Art Zwiebelring, der als kreisförmige Brücke die Ufer vereinigt; ein Ring, auf dem „Freiheit“ und „Einheit“ steht und der auf sechzehn Pfeilern ruht – so viele, wie es Bundesländer gibt; ein niederknieender Riesenmann von Stephan Balkenhol; ein halb abstrakter halber Betonbaum von Axel Schultes, der vielleicht daran erinnern soll, dass auseinandergesägt wurde, was zusammengehört. Und eine monumentale, 55 Meter breite Schale, die wippen kann, ein Gemeinschaftsprojekt von Milla und Partner und Sasha Waltz: Geht eine größere Gruppe auf dieser Wippe von einer Seite zur anderen, dann neigt sie sich um maximal drei Meter.

          „Der Bürger wird selber Teil des Denkmals“, hieß es in der Begründung dieses Entwurfs, man erlebe, dass man gemeinsam etwas bewegen könne – in diesem Fall eine monumentale Schale nach unten. Das leuchtete der Jury offenbar unmittelbar ein. Die Schale, in der zur Erinnerung daran, wer hier was bewegt hat, steht: „Wir sind das Volk, wir sind ein Volk“ bekam einen ersten Preis und soll gebaut werden.

          Toxischen Halbfertigkeiten der Kulturpolitik

          Es gab Gegenargumente. Große Schalen, zumal wenn in ihnen „Wir sind ein Volk“ und „Wir sind das Volk“ zu lesen ist (das Volk schlechthin?), können auch ungute Erinnerungen an die Feuerschalen auf dem Nürnberger Reichsparteitagsgelände wachrufen. Der Wippeffekt ist symbolpolitisch nicht über alle Zweifel erhaben und kann schnell wie ein Witz auf Kosten der Demonstranten von 1989 wirken: Was passiert, wenn in Deutschland zu viele Leute in eine Richtung marschieren? Es geht bergab!

          Mag sein, dass darin unfreiwillig für bestimmte Epochen eine gewisse Wahrheit liegt, so wie das ganze Denkmal in seinem kirchentagshaften Antiindividualismus, der dem Einzelnen da oben bekundet, dass er dort nur steht, weil die Masse unten ihn hält, vielleicht ein realistisches Bild der desolaten ästhetischen und politischen Zustände in der Berliner Republik abgibt. Einwände wurden jedenfalls als irrelevant weggefegt, und Neumann überreichte das Werk zusammen mit anderen toxischen kulturpolitischen Halbfertigkeiten zur Vollendung seiner Nachfolgerin Monika Grütters, die vergebens vorgeschlagen hatte, stattdessen das Brandenburger Tor zum Einheitsdenkmal zu erklären.

          Keine Ahnung, aber bestens geplant

          Ein Einwand ließ sich nicht so leicht fortwischen: die Frage, ob die Wippe denn auch barrierefrei sei. Bei einem Denkmal, auf dem das ganze Volk seine Macht spüren soll, können die Rollstuhlfahrer nicht draußen parken müssen. Die zunächst errechneten Zuwegungen auf die Wippe waren aber zu steil. Das Denkmal wurde abgesenkt und mit einer aufwendigen Seitenzufahrt ausgerüstet. Wegen der Absenkung wird aber das historische Sockelgebäude bedrängt (für das alte Kaiserdenkmal wurde damals ein aus Ziegeln gemauertes Fundamentgewölbe errichtet, das als ingenieurgeschichtliche Meisterleistung gilt und heute unter Denkmalschutz steht).

          Die herausgenommenen alten Kaiserzeitmosaiken können nicht wieder in situ eingesetzt werden, weil dort, wo sie waren, jetzt die Schale liegen soll, was den Denkmalschutz zu Recht empört und gegen das Bundeskulturministerium aufbringt. Außerdem führt die neue Zuwegung zu einer weiteren bösen metaphorischen Fehlzündung: Wenn man einst das neue Schloss verlassen wird, dann wird man, nach dem derzeitigen Planungsstand, nicht, wie ursprünglich geplant, die Treppen hinauf in die Schale des Einheitsdenkmals laufen, sondern gegen eine mannshohe Betonmauer.

          Dafür kommen Rollstuhlfahrer nun doch bis ins Innere der Schale. Aber was tun sie dort? Es ist zwar nicht völlig unmöglich, aber auch nicht ungefährlich, in einem Rollstuhl auf einer sich um drei Meter neigenden Schale herumzufahren. Anfrage in der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt, wie man sich das genau vorzustellen habe? Antwort: Wir haben keine Ahnung. Gleiche Anfrage im Bundeskulturministerium. Antwort: Alles sei bestens geplant und untersucht worden.

          Das erwartbare Desaster stoppen

          Nach Informationen, die dieser Zeitung vorliegen, haben Tests der Stuttgarter Planer aber ergeben, dass zwar die Mitte der Schale von Rollstuhlfahrern ohne Probleme befahren werden kann, aber das gilt nicht für die Extrempunkte. Das heißt: Der Kippeffekt, der nach Jurybegründung „das Entscheidende ist, da sonst das ,Gewicht‘ des Volkes nicht erfahrbar ist“, bleibt Rollstuhlfahrern verschlossen. Zwar hätten einige sehr sportliche Rollstuhlfahrer oder die von Elektrorollstühlen beim Test die Steigung bewältigt, andere aber hätten sich unsicher gefühlt. Nun soll eine Markierung eingezeichnet werden, bis zu der Rollstuhlfahrer gefahrlos rollen können. Achtung, Sie verlassen den Rollstuhlsektor!

          Was bedeutet all das konkret? Man stelle sich allein die Eröffnungsfeier vor: Angela Merkel, Helmut Markwort und das gesamte Kabinett schreiten von links nach rechts, um das „Gewicht des Volkes“ oder der Politik zu erspüren, während Finanzminister Wolfgang Schäuble unten an der Markierung parken muss? Kann man dieses erwartbare Desaster nicht stoppen?

          Mittlerweile ist Sasha Waltz aus dem Projekt ausgestiegen, das Projekt wird teurer, die Berliner Senatsverwaltung nimmt die Schale eher stoisch als Teil des metaphorischen Tafelsilbers der Bundesregierung hin, und die unglückliche formale Nähe zu einem kippenden Flüchtlingsboot macht die Sache nicht besser. Freut sich überhaupt noch jemand, außer den Planern selbst, ein paar Skatern und vielleicht dem Bundesverband deutscher Obstschalenhersteller, auf die Riesenschüssel im Zentrum von Berlin? Und könnte man sich nicht ein Vorbild nehmen an den Leipzigern? Dort stoppte der Stadtrat nach Protesten das Vorhaben, als Einheitsdenkmal „siebzigtausend bunte Würfel zum Wegtragen“ aufzustellen, eine Entscheidung, die doch viel näher am Geist der Demonstranten von damals war – zu deren Erkenntnissen ja auch gehörte, dass nicht alles, wofür der Staat Gelder bewilligt hat, auch gut ist.

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