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Die Kunst der Gipsformerei : Laokoon für den Preis eines Sportwagens

Nachahmung der Natur: Der männliche Kopf aus schellackiertem Gips wurde 1894 als Schulmodell gefertigt Bild: SMB/Gipsformerei/Philip Radowitz

Vor zweihundert Jahren wurde die Berliner Gipsformerei als königlich preußisches Unternehmen gegründet. Jetzt zeigt eine erste Ausstellung in der James-Simon-Galerie, was man mit der Abgusstechnik alles anstellen kann.

          3 Min.

          Gipsabgüsse sind eine Art, der Kunst zu huldigen; Ausstellungen sind eine andere. Die einen betreiben den Kult des Originals durch seine Reproduktion, die anderen durch seine Zurschaustellung. Eine Ausstellung über die Berliner Gipsformerei, wie sie die Staatlichen Museen in der gerade eröffneten James-Simon-Galerie auf der Museumsinsel zeigen, wäre deshalb eine gute Gelegenheit gewesen, über das Verhältnis von Aura, Marktwert und Originalität nachzudenken.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Die Gipsformerei wurde 1819 von Friedrich Wilhelm III. als gewinnorientiertes Unternehmen gegründet, und so funktioniert sie bis heute. Das Landesdenkmalamt verzeichnet die Werkstätten in Charlottenburg als „Fabrikationsgebäude“. Auf ihrer Website kann man „Berühmtheiten der Weltkunst“ online bestellen: eine bemalte Kopie der Nofretete für 8900 Euro, eine Laokoongruppe für 48.900, ein altindisches Liebespaar für 290, eine ägyptische Katzenstatuette für 490 Euro. Die Versandkosten, heißt es, könnten „erst nach Ende der Fertigung verbindlich ermittelt werden“. Stoff genug für Fragen an die Produzenten der Abgüsse, ihre Preiskalkulation, ihre Traditionen, ihre ästhetischen Kriterien und ihr handwerkliches Ethos.

          Die Ausstellung „Nah am Leben“ stellt sie nicht. Sie stellt andere Fragen, die mit der Gipsformerei nur bedingt zu tun haben, Fragen zum Gebrauchswert, zur Realitätsnähe, zum Kolonialismus, zur Kunstpädagogik und zur zeitgenössischen Plastik. Es sind Gesichtspunkte, die naheliegen, wenn man sich überlegt, wie man ein Thema interessant machen kann, aber diese Überlegung impliziert, dass das Thema an sich eher langweilig ist.

          Erlaubte und unerlaubte Abformungen

          Von den sechs Abteilungen der Ausstellung widmet sich nur eine der Gipsformerei im engeren Sinn. Sie zeigt, gleich am Eingang des Saals, einen Werkstatt-Querschnitt: eine Juno Ludovisi, eine Nofretete, ein Apoll aus Olympia und einer aus Kassel, zwei Köpfe aus Benin, der Moses von Michelangelo, die Büste des Niccolò Strozzi nach Mino da Fiesole und anderes mehr. Aber hier soll der Besucher nicht stehenbleiben, die Ausstellung drängt ihn weiter, sie will über Stillleben und Totenmasken räsonieren, über erlaubte und unerlaubte, von Ethnologen in deutschen Kolonien gefertigte Abgüsse, über „Abgussverdacht“ in der klassischen Kunst und über Reproduktion als Kunstmittel in der Moderne.

          Vom Altertum ins Mittelalter: Nofretete und der Bamberger Reiter als Gipsmodelle Bilderstrecke

          Dazu hat die Kuratorin Veronika Tocha Leihgaben aus Berliner und anderen Museen, Fotografien aus Privatsammlungen und Werk von heutigen Künstlern zu den Exponaten aus der Gipsformerei dazugestellt. Das ist beglückend, wenn man die Abformungen menschlicher Gliedmaßen, die in Charlottenburg entstanden sind, auf Adolf Menzels Gemälde „Atelierwand“ von 1852 wiederentdeckt, und augenöffnend, wenn Gipsköpfe von Ebern und Panthern mit einem Kopf des Eisbären Knut aus dem 3D-Drucker des Leibniz-Instituts für Zoo- und Wildtierforschung und einer mit emaillierter Kleinfauna geschmückten Prunkschale des Renaissancekünstlers Bernard Palissy kombiniert werden. Aber es grenzt ans Makabre, wenn die Totenmasken von Liszt, Wagner, Bruckner, Lessing und Dante auf Abgüsse zweier Männer und eines Kettenhundes aus der Asche des Vesuvs in Pompeji treffen.

          Vor allem geht in all der Fülle der Exkurse der zentrale Punkt des Gipsformer- Handwerks verloren: die Vervielfältigung des Einmaligen, die Kopie des Unikats. In Dostojewskis Roman „Die Dämonen“ streitet Anarchisten und Ästheten darüber, ob Raffaels Sixtinische Madonna mehr wert sei als ein Paar Stiefel. Vor dem Abguss des Laokoon aus der Gipsformerei könnte man jetzt darüber nachsinnen, ob der Kunstwert der Kopie nicht ebenso groß ist wie der des Originals. Als Rodin sein „Ehernes Zeitalter“ 1876 vorstellte, wurde er beschuldigt, die Bronzeplastik von seinem Modell abgeformt zu haben. Als Antwort zeigte er den Kritikern ein Foto des Modells. Donatello, dessen „David“ ähnliche Nachreden auf sich zog, hatte dieses Hilfsmittel nicht, er konnte nur die Zeit für sich arbeiten lassen.

          Eines beweist die Ausstellung in jedem Fall: Der langgestreckte, sechshundert Quadratmeter große Saal, den David Chipperfield in die James-Simon-Galerie hineingebaut hat, ist nicht nur ausstellungstauglich, er fordert zu Experimenten mit Kunst und Geschichte geradezu heraus. Die Ausstellung „Nah am Leben“ hat sich noch nicht getraut, mit diesem Raum zu spielen, deshalb stopft sie ihn so mit Objekten voll, dass sich die Dinge gegenseitig zum Verschwinden bringen. Aber das ist erst der Anfang. Andere werden folgen, die die Leere des Saals zum Klingen bringen, und so wird die Simon-Galerie immer nah am Leben sein.

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