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Berlin : Der Pergamonaltar ist restauriert

  • -Aktualisiert am

Der Pergamonaltar ist ein Schlüsselwerk der europäischen Kunst, dessen Intensität und Vollkommenheit sich bewahrt hat. Nach achtjähriger Restaurierung hat seine Botschaft nun an Bedeutung noch gewonnen.

          Ohne Pergamon wäre unsere Kunst nicht, was sie ist. Der Antike war seine hellenistische Kunst Leitbild, und selbst in all den Jahrhunderten, in denen sie verschüttet unter Trümmern lag, lieferte sie dank Kopien oder Urkunden Europas Künstlern das Maß aller Dinge.

          Mosaike, Fresken, Gemälde und Statuen schmückten die Residenz auf dem 335 Meter hohen Burgfels. Alle waren bewundernswert, doch das Beeindruckendste war der riesige Altar, den Eumenes II. 166 vor Christus in Auftrag gab. Der römische Schriftsteller Lucius Ampelius lobte ihn und seine "Gigantomachie" im "Buch der Denkwürdigkeiten", und die Johannes-Apokalypse nennt ihn, widerwillig fasziniert, "Sitz des Satans".

          Stolz und uneinnehmbar

          So war es denn fast ein Wiedersehen, als zwischen 1871 und 1898 die mächtigen Reliefplatten der Gigantomachie und die kleineren des Telephosfrieses ausgegraben und nach Berlin transportiert wurden, wo sie in Schinkels Altem Museum Tausende Bewunderer fanden. Die Werke waren von ihrem Entdecker, dem Ingenieur Carl Humann, in letzter Sekunde gerettet worden: "Ich sah alles um- und überwuchert: daneben rauchte der Kalkofen, in den jeder Marmorblock, welcher dem schweren Hammerschlag nachgab, zerkleinert wanderte." Rohmaterial für den Verputz neuer Häuser im Nest Bergama - das war vom "stolzen uneinnehmbaren Herrschersitz" geblieben.

          In Berlin entstand 1898 ein "Interimsbau" für die Funde aus Pergamon. Das zierliche spätklassizistische Gebäude wich 1908 dem gigantesken heutigen Pergamonmuseum, das 1910 begonnen, aber erst 1930 eröffnet wurde. In ihm entstand die Rekonstruktion der Schauseite des Altars mit ihrer riesigen Freitreppe und den krönenden, dreiseitigen Säulenhallen. 1941 wurden alle Reliefs in einen Bunker am Zoo ausgelagert, im Mai 1945 schafften sowjetische Truppen sie in die Petersburger Eremitage, bis sie 1958 zurückgegeben wurden.

          Sakral- und Palastbau

          Kunst und Wissenschaft waren weiterhin gebannt. Peter Weiss bezog den Kampf zwischen Barbarei und Kultur, symbolisiert im Ringen der olympischen Götter mit den Giganten, auf die jüngste Vergangenheit, Archäologen entschlüsselten die Gigantomachie als Verweise der Attaliden auf ihren Sieg über die Gallier und deuteten den ungewöhnlichen Altaraufbau als Synthese aus Sakral- und Palastbau, worin folgerichtig der Telephosfries dem Gründungsmythos der Herrscher, die sich auf Herakles und seinen Sohn zurückführten, Gestalt gab.

          Die Restaurierung und Neuordnung dieses zuvor - wegen seines äußerst fragmentarischen und verwirrenden Zustands - trotz gleicher Qualität zuwenig beachteten Reliefzyklus war 1994 Auftakt, bevor zwei Jahre später die Restaurierung der Gigantomachie begonnen wurde. Sie war die zweite, zwar nicht in letzter Sekunde erfolgte, aber doch überfällige Rettung: Die Eisenklammern und -dübel, mit denen man die Platten, Figuren und Fragmente fixiert hatte, waren wegen der hohen Luftfeuchtigkeit im Museum, die die täglich rund zweitausend schwitzenden Besucher noch erhöhten, verrostet. So drohten sie den teilweise nur zehn Zentimeter dünnen Marmor zu sprengen und zu verflecken. Hinzu kamen Schmutzschichten, die den Farbton des Steins dämpften und dem dumpfen Grau der Ergänzungen in Zement anglichen.

          Acht Jahre Arbeit

          Der Restaurator Silvano Bertolin ersetzte in acht Jahren Arbeit die Halterungen durch nichtrostende, befreite den 118 Meter langen Fries von Schmutz und Zement, demontierte falsch angebrachte Fragmente und identifizierte andere eingelagerte, die nun an ihre ursprüngliche Stelle kamen. Folgenreiche Korrekturen erfuhren die Figur der Hera, die jetzt in größerem Abstand zu ihrem Vierergespann agiert, sowie eine fackelhaltende Göttin, die einen zuvor leeren Platz einnimmt.

          Zementflächen ersetzte Bertolin in Kalkstein, der momentan noch hell vom antiken Grund absticht, aber bald patinieren wird. Ungelöst aber bleibt vorerst die Lichtfrage: Das milchige Licht der Glasdecke weicht gleichsam die feinziselierten Konturen, die das Restaurieren zutage gebracht hat, wieder auf. Doch mit etwas Geduld wird dem Betrachter mehr denn je offenbar, daß er einem Schlüsselwerk der europäischen Kunst begegnet, dessen Intensität und Vollkommenheit sich bewahrt - und dessen Botschaft an Bedeutung noch gewonnen hat.

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