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Berlin Biennale : Kritik der zynischen Vernunft

Grass und Auschwitz to go und ein Occupy-Camp zum Gaffen: Die Berlin-Biennale verspielt mit Zynismus und Politkitsch ihre wichtigste Idee.

          7 Min.

          Günter Grass ist nicht mehr, wo er mal war. Am Abend der Eröffnung der 7. Berlin-Biennale für Gegenwartskunst stand sein Porträt - gemalt auf eine braune Pappe, mit einem Stiel darunter, als wolle jemand das Konterfei des Schriftstellers auf einer Demonstration in die Höhe halten - noch in der zentralen Ausstellungshalle der Kunst-Werke, in denen ein Großteil der Biennale stattfindet. Einen Tag später war Grass weg: stattdessen fanden sich in der Wandnische Plakate mit der Überschrift „Occupy Nazifrei“, unter der zu lesen war, in diesem Raum versammle sich „ein Kollektiv von Individuen“, das „Teil eines globalen Aufstands“ sei, sich dabei allerdings „klar gegen Rassismus, Sexismus und Antisemitismus“ aussprechen wolle. Ein paar Stunden später tauchte das Grass-Porträt wieder auf - diesmal direkt unter einem der Plakate.

          Niklas Maak

          Redakteur im Feuilleton.

          Aber warum Grass’ Kopf auf einem Demoplakat? Bei welcher Kundgebung hält man es hoch - und was bedeutet es dann? Ist Grass zur Ikone des deutschen Manwirdjanochmalsagendürfen geworden?

          Ein Reservat für die Occupy-Bewegung?

          Was all das zu bedeuten hatte, wurde klar bei der Pressekonferenz des 1966 geborenen Chefkurators Artur Zmijewski, der seine „Solidarität“ mit Günter Grass bekundete und sein Konzept erläuterte: Die Biennale solle in „ein Verfahren zur Gestaltung von Politik“ verwandelt werden, er wolle Kunst vorstellen, die „tatsächlich wirksam ist, Realität beeinflusst und einen Raum öffnet, in dem Politik stattfinden kann“. Wie dieser Raum aussehen könnte, soll das Ausstellungshaus vorführen, das der Kurator zu großen Teilen den Aktivisten diverser Occupy-Camps überlassen hat.

          Sie haben dort eine Zeltstadt und eine Küche aufgebaut, über ein paar Bierbänken hängt ein trotziges Banner, auf dem „It is not our Museum it is your action space“ zu lesen ist, und man wünscht ihnen, dass es zu ein bisschen mehr Action kommt, schon damit sich der fatale erste Eindruck verflüchtigt, hier habe sich eine Bewegung in eine Art Protestindianerreservat sperren lassen - wo sie nun wie die Insassen der Völkerschauen, die ab 1875 in Hagenbecks Zoo stattfanden, von einem mäßig amüsierten Museumspublikum mit eher ethnologischen Blicken bedacht wird: Schau mal der da mit den langen Haaren; was macht der wohl, wenn man ihm zehn Euro oder ein paar schöne Loafer runterwirft?

          Deokrawall und Undurchdachtheit

          Man kann von Occupy halten, was man will - eine Bewegung, die den öffentlichen Platz als Ort für Diskussion und Aufklärung wiederentdecken und den normalen Gang der Dinge aushebeln wollte, im zweiten Hinterhof eines Ausstellungshauses unterzubringen und davon „tatsächlich wirksame“ Effekte auf das politische Bewusstsein zu erwarten, ist, vorsichtig gesagt, sehr optimistisch. Einen ersten Eindruck, der nichts Gutes verhieß, bekam man bei der Pressekonferenz, bei der Zmijewski das Mikrophon bald an ein Kollektiv von acht Sprechern der Occupy-Bewegung überreichte, die mit leiernden Stimmen ein paar laue Thesen zum Kapitalismus im Allgemeinen vortrugen und dann die anwesenden Journalisten zum Dialog bewegen wollten - und zwar mit der nicht ganz so spezifischen Frage, ob sie fänden, dass es mit der Gesellschaft so weitergehen könne wie bisher. Das anwesende Berliner Premierenpublikum fand das herrlich, die Sache entsprach offenbar genau seinem Bedürfnis nach höflich-wohltemperiertem Dekokrawall.

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