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Berlin Biennale : Kritik der zynischen Vernunft

Sie haben einen sehr religiösen polnischen Künstler entdeckt, der die größte Christusstatue der Welt errichtet hat und in Berlin deren Kopf in Originalgröße nachbaut. Sie haben ein bemerkenswertes Plakat des ägyptischen Telekommunikationskonzerns Mobinil gefunden, der bei Ausbruch der Revolte das Mobilfunknetz blockierte und so zu den Massendemos am Al Tahir-Platz beigetragen hat - und ein Jahr später versucht, sich als Motor der Revolution zu präsentieren. All das sind kluge Entdeckungen.

Das Problem der Biennale ist, neben den undurchdachten Begriffen, mit denen hier Welt beschrieben wird, ihr lauwarmer Zynismus. Eine in London und Warschau lebende Künstlerin, schreibt Zmijewski, habe „als Kunstaktion“ ihr Kind Rosa in Berlin bekommen; das Kind litt aber an einer Krebsform, die die Zellen der Retina angreift. In Zmijewskis Text ist dieses Schicksal nichts als eine willkommene Metapher: „Könnte es sein, dass Rosa die Stadt, in der sie lebte ... nicht sehen wollte?“ Zmijewski ist nicht nur ein Kitschier (“Ost und West treffen sich in Rosas Augen“), sein Zynismus entspricht hier genau dem Menschenbild jenes inhumanen Kapitalismus, den er als Feind ausmachte: Das Mädchen Rosa ist bloß metaphorisches Humankapital.

Gefällige Birkensetzlinge

Israel erscheint in dieser Biennale vor allem als Problem: in Zmijewskis Worten zu Grass, in den Aktionen zur „Verteidigung palästinensischer Ansprüche“, wie er das nennt. Kein Wort darüber, dass viele Israelis bei entsprechenden Sicherheitsgarantien nichts gegen einen palästinensischen Staat einzuwenden hätten, kein Wort zu der wirkungsvollen Polit-Aktion „Iranians - we love you“. Selbst Yael Bartanas halbironisches Projekt, zur Rückkehr von 3,3 Millionen Juden nach Polen aufzurufen, wirkt im Kontext dieser Biennale seltsam. Wo sollen sie herkommen? Aus Israel, um Platz für den Palästinenserstaat zu machen? Das Occupy-Plakat, auf dem bekundet wird, man sei unter anderem auch gegen Antisemitismus, wirkt wie ein Pfeifen in einem sehr dunklen Wald.

Aber die Bäume, rufen die Anhänger von Zmijewksi: Die Bäume! Der polnische Künstler Lukasz Surowiec hat Bäume aus Auschwitz-Birkenau in Berlin gepflanzt, was von der örtlichen Presse allgemein gefeiert wurde. Bloß warum? In den Kunst-Werken kann man außerdem Setzlinge von Birken aus Auschwitz kostenlos nach Hause nehmen, in Bechern, die an Take-away-Kaffee erinnern.

Auschwitz to go - die gefeierte Arbeit ist eine der problematischsten. Das Foto einer im KZ ermordeten Familie ist etwas sehr Konkretes. Ein Baum ist etwas Abstraktes, er ist das Gegenteil von einem absoluten Ende, das Gegenteil des Bildes eines Verbrechens. Ein Baum stört nicht, er steht für das Zyklische, Heilende, Hoffnungsvolle: Nicht so schlimm, da wächst Gras drüber und Wald. Auch den Setzlingen wohnen Züge jenes Politkitschs inne, der im Gemisch mit einem unscharf argumentierenden Zynismus diese Biennale durchzieht, die spannend hätte sein können - und vielleicht noch werden könnte, wenn die richtigen Leute den Occupy-Raum besetzen würden: Occupy Occupy könnte ihre Rettung sein.

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