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Berlin Biennale : Kritik der zynischen Vernunft

Die Idee, dass der Raum der Kunst ein solches Experimentierfeld für ein neues Zusammenleben und neue kollektive Rituale sei, geht zurück auf die 1957 von Guy Debord und anderen Intellektuellen gegründete „Situationistische Internationale“, die die Realisierung der Versprechungen der Kunst im Alltagsleben sowie die Abschaffung von Waren, Lohnarbeit und jeglicher Hierarchien forderte. Sie geht auch zurück auf den anschlagartigen Protofluxus der Lettristen, die etwa 1950 beim Ostergottesdienst in Notre Dame einen falschen Mönch auftreten ließen, der zur Entgeisterung der echten Geistlichen lauthals den Tod Gottes verkündete.

Folgenlose Fragen und ergebnislose Forschung

Die Situationisten wollten 1960 für die Ausstellung „Die Welt als Labyrinth“ einen ganzen Gesellschaftsentwurf im Amsterdamer Stedelijk Museum bauen, ein urbanes Labyrinth, in dem intime Wohnräume in städtische Plätze übergehen, Nebel, Regen und Wind künstlich erzeugt und so die Dualismen öffentlich-privat, innen-außen, kalt-warm bedeutungslos werden sollten. Das Projekt scheiterte an den Sicherheitsbestimmungen des Museums, aber das Wissen um solche Projekte befeuert auch noch heute die Phantasie der Kuratoren. Nach der in ihrer Harmlosigkeit bestürzenden 6. Kunst-Biennale wirkte der Ingrimm, mit dem Zmijewski ankündigte, grundlegende Fragen an das Kunstsystem und seine goldenen Eier, den Mythos der „kritischen Infragestellung“ (aber mit welchen Folgen?) und die Behauptung eines „Laborcharakters“ (aber um was zu destillieren?) zu stellen, wie ein Befreiungsschlag.

Als Versprechen erschien eine Kunst, die nicht weniger als lebensverändernde Erfahrungsräume entwerfen will. Ob das im Museum eingeweckte Occupy-Dorf solch ein Erfahrungsraum oder nur ein trübes Tableau vivant staatlich alimentierter Subkulturdarsteller wird, hängt dabei sehr vom Programm ab, das in der Halle stattfinden wird - und was dort bisher zu sehen war, wirkte nicht so, als werde es den Ort durch aufklärerischen Furor, ästhetische und intellektuelle Brillanz zu einem Magneten machen, der die Stadtgesellschaft magisch anziehen wird. Aber man darf die Hoffnung nicht aufgeben, auch wenn einen das Camp in seiner ästhetisch wie intellektuell schlurfigen Astahaftigkeit ebenso ratlos macht wie die unreflektierte Gleichsetzung von Politik und Kunst.

Menschliches Leid wird zur Metapher

Es gab viele Künstler, die ihre künstlerische Tätigkeit eingestellt und sich ausschließlich dem politischen Aktivismus verschrieben haben, Charlotte Posenenske zum Beispiel, die mit 38 Jahren ein Studium der Soziologie begann und bis zu ihrem Tod 1985 für soziale Projekte tätig war. Die Kuratoren der Berlin-Biennale machen es andersherum - sie erklären die gegen das Putin-Regime gerichteten Sabotageakte der politischen Aktivistengruppe Voina zur Kunst und unterstützen sie mit dem Budget der Biennale. Die ist, bei allen Fragwürdigkeiten, dort am besten, wo sie politikonographisch operiert: Das Biennale-Team hat, wie Ko-Kuratorin Johanna Warsza erzählt, auch untersuchen wollen, mit welchen ästhetischen Strategien zurzeit Politik gemacht und Ideologie produziert wird.

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