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Berlin Biennale : Kritik der zynischen Vernunft

Man kann den Rednern, die da antraten, ihre rhetorischen Pannen nicht vorwerfen. Aber man kann den meisten von ihnen die chlorophylarme Leut- und Trübseligkeit ihres Auftritts, die offensichtliche Abwesenheit von irgendeinem Differenzierungsvermögen, das völlig unanalytische Vorsichhingemeine und die laue Undurchdachtheit vorwerfen, mit der da Begriffe wie „Kapitalismus“, „Banken“ und das weite Obamawort „Change“ aufeinandergetürmt wurden, als käme so schon von allein ein interessantes Gedankengebäude zustande. Was bedeutet notwendiger Wandel in Ägypten, was in Deutschland, was in Italien? Dass Aufklärung etwas mit Anstrengung, Präzision und Reflexion der Begriffe und Werkzeuge, mit denen man operiert, und eventuell - interessant für eine Kunstbiennale - auch mit der Verdichtungskraft von Bildern zu tun haben könnte, hat sich hier noch nicht in alle Zeltwinkel herumgesprochen. Wären die Studenten Ende der sechziger Jahre mit einem begrifflich derartig diffusen, derart mau vorgetragenen Programm angetreten, würde einem heute die Zahl 1968 überhaupt nichts sagen.

Streit um Bourriauds „Relationale Ästhetik“

Man kann dieser Ausstellung viel vorwerfen. Sie ist in Teilen von einer erstaunlich tiefsitzenden Dummheit geprägt, was umso ärgerlicher ist, als die Fragen interessant und berechtigt waren, die zu Beginn dieser Biennale gestellt wurden - wie auch die Wut des Chefkurators über folgenlose Provokationen, ermattete Utopien und eine Kunst, die „sich begnügt mit der Präsentation von Ideen, die ohnehin niemand umzusetzen gedenkt“. Es gibt einen Klärungsbedarf, was das Verhältnis von Politik und Kunst und ihrer gesellschaftlichen Relevanz betrifft.

Es gibt seit Jahren eine aggressive Polemik in der französischen Philosophie, einen Grundsatzstreit zwischen dem Kurator Nicolas Bourriaud und dem Philosophen Jacques Rancière um Bourriauds Idee einer „Esthétique relationnelle“, zu deutsch „Relationalen Ästhetik“, womit der Kurator Projekte und Aktionen bezeichnet, die im klassischen Sinne keine Kunstwerke, Gemälde, Skulpturen oder Videoinstallationen sind, sondern „Treffen, Rendezvous, Demonstrationen, verschiedene Typen von Zusammenarbeit zwischen Personen, Spiele, Feste, Orte der Geselligkeit, kurz die Gesamtheit der Begegnungsarten und der Erfindung von Beziehungen“.

Von Situationisten und Lettristen

Jacques Rancière sieht in diesen Aktionen eher eine sedative, therapeutische Wirkung: Die Kunst spiele nur vor, „die Brüche im sozialen Gefüge“ zu kitten und werde zu einer Ersatzbefriedung, die den Blick auf „eine neue Landschaft des Sichtbaren, des Sagbaren und des Machbaren“ eher verstelle als eröffne. Die zentrale Frage in diesem Grundsatzdisput ist die, ob Kunst ein Experimentalfeld für eine andere Formen von Gemeinschaft in einer Zeit werden könne, in der alle anderen öffentlichen Räume, also die von Läden, Cafés und Kinos gesäumten Plätze der Stadt, maßgeblich durch Konsumvorgaben strukturiert sind: Man kann nirgendwo sitzen, ohne einen Kaffee bestellen, Schuhe anprobieren oder einen Film sehen zu müssen.

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