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Berlin Biennale : Der Kiez wird schwarzweiß

  • -Aktualisiert am

Viel Video und ein bisschen Adolph Menzel: Die Berlin Biennale für zeitgenössische Kunst zieht nach Kreuzberg um und setzt der Ausstellungsflut politische Statements entgegen. Das Ergebnis ist ernüchternd.

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          Die sechste Berlin Biennale hat sich davongemacht. Früher war sie originär eine Veranstaltung im Stadtteil Mitte, wo Leerstellen zu füllen waren. Vollzogen hat sie jedoch nicht einen radikalen Schritt in die Banlieues - wie sie die Videos im Programm des Kunstfestivals dokumentieren -, sondern sie folgt dem Mainstream nach Kreuzberg, in die neue Mitte. Die Wiener Kuratorin Kathrin Rhomberg will mit ihrer Ausstellung „Was draußen wartet“, die heute Abend eröffnet wird, die gesellschaftspolitische Wirklichkeit „attackieren“, die „zu einem problematischen Zustand geworden ist“.

          Die Auswahl der dreiundvierzig Künstler offenbart auch einen Wunsch: das dringliche Thema unserer Zeit, die Migration, als roten Faden durch die Kunst, die Straßen, die Museen bis in die Wohnungen zu führen. Ein Beispiel dafür ist der Künstler Petrit Halilaj; er wurde 1986 in Skenderaj im heutigen Kosovo geboren und lebt und arbeitet in Runik, Bozzolo und Berlin.

          Kreuzberg dient dem Festival als Zoo

          Zu den sechs Orten der Biennale gehören ein leerstehendes Kaufhaus, ein kleiner Raum um die Ecke, eine private Künstlerwohnung, eine Lagerhalle, die Alte Nationalgalerie und das Stammhaus als Rückzugsort, die Kunst-Werke. Auf Werbetafeln in den Straßen und in Zeitungen erzählen außerdem Michael Schmidts schwarzweiße Fotografien von selbstbewussten Frauen der neunziger Jahre. Überhaupt: Schwarzweiß ist die Farbe dieser Biennale. Von Ron Tran, geboren 1972 in Saigon, zusammengerückte Parkbänke auf dem Oranienplatz sollen dafür stehen, dass die diskursive Kunst den Kiez übernimmt.

          Kunst erzwingt Kommunikation? Rhomberg berichtete schon begeistert, wie dort die Menschen zusammensäßen und sprächen. Kreuzberg dient dem Festival als bunter Zoo, in dem die Migration kulminiert. Der Beigeschmack ist nicht zu ignorieren. Die Karawane ist weitergezogen.

          Menzel als manischer Dokumentarist

          Neben Kreuzberg-Flair verschreibt Rhomberg den Besuchern eine Exkursion ins neunzehnte Jahrhundert: Der amerikanische Kunsthistoriker Michael Fried konnte als Kurator für eine kleine Schau mit Zeichnungen Adolph Menzels in der Alten Nationalgalerie gewonnen werden. Er hat die Sammlung des Kupferstichkabinetts durchforstet und zeitgenössisch-radikale Bilder zum Vorschein gebracht. Skepsis drängt sich trotzdem auf: Was hat Menzel, der berühmte Maler des neunzehnten Jahrhunderts, mit der Biennale für zeitgenössische Kunst zu tun? Nichts!

          Aber die Ausstellung zwischen zwei Gegenwartsstandorten zu sehen macht trotzdem Sinn. Unterbricht sie doch zumindest die Dauerschleife der dokumentarischen Videokunst - die Themen sind Diktatoren des zwanzigsten Jahrhunderts, Wanderarbeiter oder russische Banlieues - und lässt über die Geschichte der Dokumentation in der Kunst nachdenken; denn nichts anderes macht Menzel, wenn er manisch alles auf seinem Zeichenblock festhält, nicht nur seine eigenen Füße und Hände und sein Bett.

          Die Filmkamera hat den Bleistift abgelöst

          Die kraftvolle Dokumentation beherrscht neben Menzel auch George Kuchar: Jedes Jahr im Mai fährt er nach Oklahoma, um dabei zu sein, wenn die Tornados kommen. Seine „Weather Diaries“ - natürlich wieder Filme - gehen zurück bis in die achtziger Jahre. Seine Heimvideo-Ausrüstung gibt die filmische Ästhetik vor. Was für Menzel der Bleistift war, ist für Kuchar die Kamera. Er geht virtuos mit ihr um, nutzt zwar Blenden, schneidet seine Filme aber nicht. Wir sehen ihn, wie er in einem einfachen Motel auf das Unheil wartet. Der Fernseher läuft, der Moderator warnt mit scharfen Tönen, man solle seinen Kindern Helme aufsetzen und „so viel wie möglich Wand zwischen sich und der Welt da draußen bringen“. Es dauert lange, aber der Sturm kommt immer.

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