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Berlin-Biennale : Das Verschwinden der Gegenwelt

Doch die neue Affirmation nimmt nicht nur auf Vorgänge innerhalb des eigenen künstlerischen Milieus Bezug. Sie beruft sich auch auf allgemeinere zeitgenössische Erfahrungen: auf das vor allem durch das Internet vermittelte Bewusstsein, Teil eines Netzwerks mit unzähligen Verbindungen und Rückkopplungen zu sein, ebenso wie auf das Gefühl, dass alles im Fluss ist, bestärkt insbesondere durch die neuen biologischen Möglichkeiten, die Geschlechtergrenzen zu überschreiten. Beides lasse das binäre Denken, die Unterteilung in Gut oder Kritikwürdig, als völlig anachronistisch erscheinen, nicht in der Lage dazu, dem Hybriden und Selbstwidersprüchlichen gerecht zu werden, das die Gegenwart präge. Die Berlin-Biennale benutzt dafür die erst mal etwas ungelenk wirkende Zusammenballung der Begriffe Paradox und Essenz: „Paradessenz“. Offenbar haben sich die Kuratoren da von der Transgendermusiker/in Terre Thaemlitz inspirieren lassen, die Queerness als „eine paradoxe Essenz der Essenzlosigkeit“ beschreibt: „Die Bewegung, das Dazwischen selbst ist die Identität.“ So etwas wie „Kritik“ wirkt da wie ein hoffnungslos veraltetes Festhalten an einem Substanzdenken, das die Paradoxien und Bewegungen der Gegenwart längst aufgelöst haben.

Die Ersetzung der Kritik durch Oberflächenerforschung

Ist das neue Einverstandensein also vielleicht doch nicht bloß eine weitere clevere Drehung in der Spirale der Ironien, Trends und Überbietungen, wie sie die Kunst üblicherweise antreiben? Sondern der Ausdruck einer Weise, auf die Gegenwart zu reagieren, die weit über die Kunstszene hinausreicht? Dafür spricht, dass die neue Kunstbewegung selbst ihren sozialen Ort in den digitalen Netzen sieht und sich bei dem Lebensgefühl und den Formeln der Start-up-Kultur bedient. Das „DIS Magazine“ bezeichnet sich als „platform“ und trägt in seinem Namen die erste Silbe des Schlüsselbegriffs dieser digital getriebenen Gründerökonomie: „Disruption“, wörtlich Störung oder Unterbrechung. Gemeint ist damit eine Aktualisierung von Joseph Schumpeters „schöpferischer Zerstörung“ unter den verschärften Bedingungen des Internets: Der ultimative Ehrgeiz dieser Art Unternehmer ist, mit ihrer Idee nicht nur ein neues Service-Produkt auf dem Markt zu landen, sondern gleich einen neuen Markt anstelle eines alten zu etablieren, so wie das zum Beispiel Steve Jobs mit den iTunes gelungen ist. Die Ersetzung der Kritik durch Oberflächenerforschung könnte man selbst als eine solche paradigmatische „Unterbrechung“ beschreiben.

Woran man sieht: Wer auf Gegenwelt und Kritik verzichtet, braucht noch lange nicht auf Jugend und Revolution zu verzichten; mit dem Begriff der „Disruption“ steht das Modell einer völlig immanenten permanenten Umwälzung zur Verfügung, das allen Anforderungen an ein zeitgemäßes Lebensgefühl gerecht wird. Es bewegt sich innerhalb eines Netzwerks aus lauter Mobiles, die gegeneinander verschoben und ausgetauscht werden, mit „Content“ als ultimativer Variable, die irgendwelche Traditionsbestände genauso gut enthalten kann wie aktuelle Theorien.

Es umfasst eben nur keine Vorstellung mehr davon, dass es eine Außenperspektive geben könnte, oder dass eine solche auch nur wünschenswert wäre. Mit dem Streit um die Volksbühne scheint man ein Beispiel dafür zu haben, wie die neuen Muster der Kombination und Verflüssigung, vertreten durch die Kunst- und Kuratorenszene, und das alte Modell der Kritik zusammenstoßen, das hier durch das traditionell widerspenstige Stadttheater repräsentiert wird. Aber wie meistens ist die Realität gemischter. Die Volksbühne verband in ihrer Dostojewskij-unterfütterten Punkigkeit immer schon die Kritik mit dem Paradoxen und Hybriden, und selbst bei der schillerndsten Oberflächenkunst kommt es auf die Schönheits- und Erkenntnismöglichkeiten des einzelnen Werks an. Die Künste selbst sind von der neuen Affirmation also vielleicht weniger betroffen, als es aussieht, wohl aber der imaginäre Haushalt der Gesellschaft: Soll der symbolische Platzhalter für eine Sphäre jenseits des Instrumentellen, den bislang die Kunst einnahm, tatsächlich verwaist bleiben? Eine schöne neue Welt der totalen Immanenz kann man sich nur als Dystopie vorstellen.

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