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Berlin-Biennale : Das Verschwinden der Gegenwelt

Auf die Spitze getriebene Albträume von Adorno

Wer aus der Ferne und nicht aus dem Inneren des Kunst-Milieus auf dieses Tableau blickt, kann durchaus erschrecken. Adornos Albträume scheinen da auf die Spitze getrieben zu werden: Ist das nicht der definitive Triumph einer Bewusstseinsindustrie, die die Macht, die Ökonomie und die Künste umstandslos ineinander aufgehen lässt, wenn da jegliche Gegenwelt nicht nur faktisch aufgesogen, sondern schon als Möglichkeit preisgegeben wird? Einzelne Künstler von Warhol bis Koons haben schon immer ihr Spiel mit der Feier der Oberflächen getrieben, nun aber scheint sich das gesamte Bewertungsgefüge daran auszurichten, der Rahmen, der Modelle für das Selbstverständnis von Künstlern ebenso wie von Kritikern bereitstellt – vielleicht so ähnlich wie damals in der Musik, als in den siebziger Jahren das Rebellentum und der Authentizitismus des Rock durch den schillernden und glitzernden Pop abgelöst wurde.

Und zugleich natürlich noch viel prinzipieller, weil es hier nicht bloß um eine ästhetische Sparte unter anderen geht. Seitdem die Kunst autonom wurde, also im Museum hängt, nimmt sie auch die frei gewordene Platzhalterstelle für etwas ein, das im Getriebe der Welt nicht aufgeht und daher in der Lage ist, dieser einen Spiegel vorzuhalten. Bei der Einforderung von „Kritik“ geht es also nicht bloß um die Stellungnahme zum Kapitalismus oder zu sonst einem Wirtschaftssystem. Es geht um den Glauben, dass man überhaupt ein Außen für möglich hält, das den Bereich der Zwecke und Interessen überschreiten kann. Daher nun das Erschrecken beim Anblick der Fitnessgeräte: Ist es tatsächlich so, dass dieser Glaube, womöglich auch außerhalb der Kunstkreise, schon so sehr geschwunden ist, oder vielmehr, dass man ihn für so unwichtig, entbehrlich hält?

Eine Zusammenballung der Begriffe Paradox und Essenz

Innerhalb des Kunst-Milieus selbst sieht die Sache schon weit weniger dramatisch aus. Das Künstlerkollektiv DIS wird der „Post-Internet Art“ zugerechnet, die ihre offen ausgestellte Affirmation schon seit Jahren ihrerseits als Kritik versteht – nämlich an der sich selbst genügenden und daher längst leergelaufenen, affirmativ gewordenen Verpflichtung auf „Kritik“, der sich die Branche ausgesetzt sieht. Bezeichnend ist der Fachterminus „Criticality“ für das, was den Künstlern abverlangt wird, um Erfolg bei Kritikern und Käufern zu haben: eine Kategorie, die von konkreten Gegenständen der Kritik ganz losgelöst ist, eine sich in sich selbst erschöpfende Geste. Nicht unerheblich hängt der Marktwert eines Künstlers von seinem Ruf ab, dem Marktsystem kritisch gegenüberzustehen. Für eine junge Generation, die unter einem solchen Regiment aufgewachsen ist, kann Widerstand tatsächlich bedeuten, sich den Oberflächen zuzuwenden. Der Wiener Publizist Thomas Edlinger hat letztes Jahr unter dem Titel „Der wunde Punkt“ ein ganzes Buch über dieses sich verbreitende „Unbehagen an der Kritik“ geschrieben und merkte an: „Vielleicht ist es an der Zeit, die Fetischisierung der kritischen Differenz zu überwinden.“

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