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Beltracchi-Dokumentation : Die unerträgliche Seichtigkeit der Leinwand

„Die Kunst der Fälschung", der Film über den Kunstfälscher Wolfgang Beltracchi, feiert in Köln Premiere. Schon bei der Frage, warum die betrügerischen Freigänger so viel Zeit zum Drehen hatten, beginnt das Ärgernis.

          Das erste Problem dieses „Dokumentarfilms“ ist, dass ihn Arne Birkenstock gedreht hat. Der Regisseur, der mit einigen Preisen geehrt wurde, ist als Filmemacher zwar anerkannt. Aber er ist auch der Sohn des Kölner Anwalts des Fälschers, Reinhard Birkenstock. Da ist es fast unvermeidlich, dass sich bei dieser Konstellation erst einmal der Verdacht einstellt, das Ganze könne eben keine unvoreingenommene Dokumentation, sondern eine Fortsetzung der Verteidigung und der erfolgreichen Imagepolitik mit filmischen Mitteln sein, und da hilft es auch nichts, dass sich Beltracchi in ellenlangen Sequenzen spreizt wie ein Kakadu, was die Kamera in entlarvender Länge dokumentiert.

          Rose-Maria Gropp

          Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

          Ein solcher Film - wenn überhaupt angebracht - hätte knallhart jene Hintergründe bloßlegen müssen, die im durch einen „Deal“ zwischen Staatsanwalt und Angeklagten abgekürzten Prozess vor nun zwei Jahren im Dunkeln geblieben sind. Stattdessen insinuiert schon der Titel „Beltracchi - Die Kunst der Fälschung“ eine angesichts von rechtskräftig verurteilten Verbrechern und ihren Aktivitäten eigenartige Sympathie für den Betrug an sich, als gäbe es hier etwas Erstrebenswertes zu lernen.

          Öffentlich geförderte Beweihräucherung

          Entsprechend scheint sich Beltracchis Selbstvermarktung durchzusetzen: So hat die Wochenzeitung „Die Zeit“ dem Betrügerpaar schon zum Erscheinen seiner zwei Bücher ihr halbes Feuilleton eingeräumt, kurz darauf saßen sie im öffentlich-rechtlichen Fernsehen in der Talkshow „3 nach 9“, völlig ungebremst und von der lachenden Claque der anderen Gäste umgeben. Die Sendung „Markus Lanz“ war nur die logische Fortsetzung der allgemeinen Beltracchi-Festspiele.

          Ob die Tatsache, dass Birkenstocks Projekt von der Film- und Medienstiftung NRW, dem (früheren) Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien und dem Deutschen Filmförderfonds unterstützt wurde, eine weitere Pointe in diesem Schlamassel darstellt, liegt in den Augen der Betrachter, die freilich kaum sehr zahlreich sein werden. Denn der Film ist selbst für das interessierteste Publikum endlos langatmig.

          Freigang für den Dreh in Südfrankreich

          Was also ist überhaupt zu sehen? Beltracchi kauft auf einem französischen Flohmarkt ein Bild, genauer eine alte Leinwand, die er später vor laufender Kamera immer einmal wieder bearbeiten darf, bis sie als Nachschöpfung einer sehr unbekannten Künstlerin irgendwie cézannehaft verschachtelt erblüht.

          Dann sind Beltracchi und seine Frau in schäkernder Essensrunde mit Freunden in Südfrankreich zu betrachten, wo sie lange Zeit ihren Lebens- und Produktionsmittelpunkt hatten. Dazu wäre immerhin eine Klärung angebracht gewesen: Wieso kann das Paar, das zu Haftstrafen von sechs und vier Jahren, wenngleich mit Freigang, verurteilt ist, überhaupt so ungehindert zum Drehen ausgedehnter Szenen dorthin zurückkehren? Jeder andere Freigänger fände solche Optionen bestimmt auch ganz großartig.

          Zahme Fragen

          Weiter: Der Kunsthistoriker Henry Keazor, der bisher mit keiner kritischen Einlassung in der Causa hervorgetreten ist, gibt sich dafür her, in nachgerade wohlwollenden Kurzinterviews mit Beltracchi dessen Motivationen und Selbsteinschätzungen abzufragen. Dass ein Größen-Ich wie Beltracchi erklärt, er hätte auch Vermeer und Leonardo freihändig gekonnt - geschenkt. Gern hätte man erfahren, wofür die Lichtprojektoren waren, die in seinem Haus bekanntlich gefunden wurden; vermutlich für traute Dia-Abende.

          Dafür darf er auch noch erörtern, was der Kunstmarkt wohl für einen „echten Beltracchi“ hergebe. Oder ob er dort nicht eher als „Ernst Beltracchi“ - in blöder Anspielung auf seine zahlreichen Fälschungen im Stil von Max Ernst - gefragt wäre. Einen Preis darf er auch gleich nennen: 20.000 oder eher 25.000 Euro, weil es ja schließlich Arbeit war. Das geht entschieden zu weit. Auch wenn wir hier gelassen die Prognose wagen, dass der Kunstmarkt keinen Cent für diese Elaborate geben wird.

          Harmlose Retro-Romantik

          Was noch? Ach ja, das wilde Leben der frühen Jahre, die Beltracchis als niedliche Hippies, on the road, bekifft oder anders obenauf. Der Mann muss einen enormen Bestand an Familien-Dias und Super-8-Drehs haben, was Birkenstocks Film ein paar bunte bewegte Bilder mit Nostalgie-Touch beschert, unterlegt von munterer Musik. Hat sich also nicht doch alles gelohnt für zwei Jahrzehnte eines so wunderbaren Lebens? Was übrigens Helene Beltracchi angeht, die ja noch im Kölner Prozess als die verführte Unschuld im Wickelkleid antrat, so spricht sie nun, der Gatte sei „zum Fälscher berufen“ gewesen. Sie reifte ihm wohl zügig zur Helfershelferin entgegen.

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