https://www.faz.net/-gqz-7le29

Beltracchi-Buch „Selbstportrait“ : Der Wolf im Kunstmarkt

Spektakuläre Geschichten hat Wolfgang Beltracchi schon immer erzählt, jetzt schreiben er und seine Frau Helene ihre Version des größten Kunstfälscherskandals in Deutschland. Was verrät es uns?

          8 Min.

          Ein Selbstporträt, sechshundert Seiten lang: 1951 wird in Höxter ein Mann namens Wolfgang Fischer geboren, sechshundert Seiten später heißt er Wolfgang Beltracchi, ist weltberühmt und im Gefängnis, Hunderte seiner Kunstfälschungen kreisen wie wilde Satelliten durch Auktionen, Museen und Expertenköpfe, Teile der Kunstwelt stehen als rauchender Trümmerhaufen da.

          Niklas Maak
          Redakteur im Feuilleton.

          Der Fall Beltracchi ist der größte Kunstfälschungsskandal der deutschen Nachkriegsgeschichte: Über Jahrzehnte hatte Beltracchi, teilweise mit, teilweise ohne seine Frau sowie den Hehler und Pleitier Otto Schulte-Kellinghaus, über zweihundert gefälschte Werke von Max Ernst, Heinrich Campendonk, Max Pechstein, Fernand Léger und anderen Malerinnen und Malern in den Kunstmarkt geschleust, die angeblich aus der Sammlung von Helene Beltracchis Großvater Werner Jägers stammten, aber allesamt Fälschungen - besser: „Erfindungen im Stile von“ waren. (F.A.Z. vom 19. September 2010). Wo andere Betrüger versuchen, ein gefälschtes Meisterwerk der Moderne an kunstfremde Laien in Odessa oder Peking loszuwerden, und hoffen, dass die Experten in Europa keinen Wind davon bekommen, gingen die Beltracchis mit einer aberwitzigen Chuzpe direkt ins Zentrum des Systems, zu den besten Auktionshäusern, den renommiertesten Experten, und lange merkte keiner etwas.

          Wie eine Vorlage für einen Scorsese-Film

          Zwei Jahre nach ihrer Verurteilung veröffentlichen die Beltracchis jetzt gleich zwei Bücher, die die ganze Vorgeschichte von den ersten Fälschungen bis zur Verhaftung erzählen sollen. Auf dem Weg dorthin gibt es viel LSD, Schlägereien mit der Polizei, Malversuche auf Acid, Fahrten im Strichachter-Mercedes quer durch Europa, Punks, die sich wegen ihres Irokesenkamms beim Sex nicht hinlegen wollen, eine Kuh wird erschossen, ein Priester von einer Frau aufgefordert, ihr ein Jesuskind zu machen, Otto Schulte-Kellinghaus knallt bekifft mit seinem Golf gegen einen Baum, Beltracchi kauft für 230 000 Mark einen 23 Meter langen Stagsegelschoner, um Piratenfilme zu drehen, und lernt seine große Liebe Helene Beltracchi kennen; dann ein Sommer mit der jungen Tochter unter den Pinien von Arcachon,

          Hippieleben an thailändischen Stränden, in Berlin fahndet schon die Polizei, Fischer aber ist unauffindbar und heiratet, nimmt Helenes Namen an, kauft ein Anwesen im südfranzösischen Marseillan, beginnt die Arbeit an erfundenen Max-Ernst-Gemälden, Auftritt des Kunsthändlers Marc Blondeau, der von seiner Zucht schwarzer Schweine erzählt und die Spinnweben von einem falschen Max Ernst fegt, bevor er für das Bild 1,7 Millionen Euro zahlt; ein paar Stationen später kauft es der Verleger und Sammler Daniel Filipacci für sieben Millionen Dollar; Beltracchi hat eine millionenteure Villa in Freiburg und verkleidet seine Frau im Stil der späten Weimarer Republik, macht ein Foto vor einigen Fälschungen, patiniert es und behauptet, es zeige Helenes Großmutter vor der Sammlung Jägers: Eigentlich kann man sich dieses vaudevillehaft turbulente Buch nur als Film von Martin Scorsese vorstellen, dessen „Wolf of Wall Street“ gestern in den Kinos anlief und das Leben des Finanzbetrügers Jordan Belfort als eine dreistündige, ähnlich allerbestgelaunteste Dauerparty aus Koks, Ferraris, Poolvillen, Zigarren und Größenwahn, also als epische Feier des Gangstertums darbietet. Und entsprechend wütende Reaktionen hervorrief: Scorsese verharmlose den Verbrecher, kritisiert die Tochter eines seiner Komplizen, und blende das Leid der Opfer aus.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Extremwetterlagen in Amerika : Klimaflüchtlinge im eigenen Land

          Amerikaner müssen wegen des extremen Wetters immer häufiger umziehen. Das hat soziale Folgen für Städte wie Flagstaff und macht inzwischen jene Häuser in Miami teuer, die nicht am Meer liegen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.