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Ausstellung in Beirut : Augen zu und durch?

  • -Aktualisiert am

Dass die Verheerungen so sichtbar sind, ist gewollt: Blick in die Ausstellung der Villa Audi. Bild: Lena Bopp

In der libanesischen Hauptstadt zeigt eine Ausstellung die schmerzhaften Folgen der Explosion. Zerstörte Kunst wird nicht repariert – und wirft so ein Schlaglicht auf die legendäre Unverwüstlichkeit der Beiruter.

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          Weitermachen war immer ein Akt der Gegenwehr in Beirut, im vergangenen Jahr noch etwas mehr als in den Jahrzehnten zuvor. Die Pandemie hat die kollabierende Wirtschaft weiter abgewürgt, die monatelangen Proteste gegen das feudale Regierungssystem haben wenig bewirkt, und schließlich hat die Explosion im Hafen von Beirut nicht nur zweihundert Menschen getötet und Tausende verletzt, sondern die schönsten Viertel der Stadt zerstört. Nicht jeder meinte daher, es sei nun an der Zeit für autofreie Sonntage in den Trümmern von Mar Mikaël. Oder für vorweihnachtliche Konzerte in den Kirchen der Gegend. Oder für Ausstellungen in demolierten Galerien und Museen.

          Lena Bopp

          Redakteurin im Feuilleton.

          Andere aber sahen in dem business as usual eine Botschaft des Widerstandes, die man an jene Mächtigen sendet, die auf rechtlichem oder politischem Weg (noch) nicht zu fassen sind. Außerdem war bei weitem nicht alles wie sonst. Niemand kam auf den Gedanken, man könnte Kunst mitten in der Zerstörung einfach zeigen wie bisher. Fast jede Ausstellung war ein Versuch, sich zu den Ereignissen zu verhalten, sei es, indem das Geld, das die Werke einbrachten, gespendet wurde, wie von den Galerien Tanit und Janine Rubeiz oder in einer der zahlreichen Online-Auktionen, die plötzlich florierten. Sei es, weil es einer Schau wie „Beirut Year Zero“ im „Arthaus“ doch gelang, mit einer herbstlichen Vernissage die Schönheit an einen Ort zurückzubringen, den die Explosion zuvor in ein Trümmerfeld verwandelt hatte.

          Für die kürzlich eröffnete Ausstellung „L’Art blessé“ gilt das auch. Die Villa Audi, seit Generationen im Besitz einer Bankiersfamilie, zentral in der Stadt gelegen und umgeben von einem weitläufigen Garten, wurde während der Explosion schwer beschädigt. Noch immer verhüllen schwarze Planen die offenen Fenster, ist der abgefallene Stuck nicht ersetzt und liegt ein Kronleuchter an jener Stelle auf dem Boden, auf die er fiel, als am 4. August das Ammoniumnitrat detonierte.

          Weiterleben mit bleibender Zerstörung

          Dort ist er nun zum Teil einer Schau geworden, die aus meist privaten Sammlungen rund sechzig Kunstwerke zeigt, die bei der Explosion beschädigt wurden. Einige sind auch kurz nach der Explosion entstanden und erzählen von ihr. Gemeinsam ist allen die ihnen innewohnende Anregung, die Zerstörung als das zu betrachten, was sie ist – als etwas Bleibendes, mit dem man sich künftig wird auseinandersetzen müssen.

          Damit greift die Schau eine Stimmung auf, die bald nach der Katastrophe entstand. Man habe, so war oft zu hören, den Bürgerkrieg zu schnell verdrängt. Zu wenig darauf gedrungen, die Geschichte aufzuarbeiten und in eine Erzählung zu überführen, die für alle hätte gelten müssen. So aber sei ein System entstanden, in dem Konfessionalismus wichtiger wurde als staatliche Strukturen, in dem mannigfache Abhängigkeiten entstanden, Korruption und Klientelismus gediehen und jene Verantwortungslosigkeit um sich griff, die es überhaupt erst ermöglichte, dass Hunderte Tonnen eines so gefährlichen Stoffes jahrelang einfach im Hafen lagen.

          Die Ausstellung, kuratiert von Jean-Louis Mainguy, stößt den Besucher unsanft auf diese späte Erkenntnis. Kaum eingetreten, erblickt man die Überreste eines Gemäldes aus dem siebzehnten Jahrhundert, das Guido Reni zugeschrieben wird. Es zeigt, oder besser zeigte, Johannes den Täufer, von dem jetzt nur noch ein Fuß am unteren rechten Rand zu erkennen ist. Der Rest des Bildes hängt in Fetzen. Durch die Schnitte in der hinteren Leinwand dringt Licht, das den Blick auf die Zerstörung lenkt.

          QR-Codes zeigen Videos der Explosion

          Jean-Louis Mainguy versucht oft, durch diese Art der Beleuchtung von hinten die Verwüstungen hervorzuheben und zum Teil der Werke zu machen. Es finden sich auch andere Formen der Betonung, wie bei Jean-Marc Nahas, aus dessen Gemälde noch die Splitter des Spiegels ragen, die es durchlöcherten. In den Rissen weiterer Bilder stecken einzelne Leuchten einer Lichterkette und QR-Codes, die, scannt man sie mit dem Smartphone ein, arrangierte Videos von der Explosion zeigen.

          Eine Pop-Art-Büste, deren Überreste in schönem Dialog mit einem Mosaik stehen, das zur Sammlung der Villa Audi gehört, ist zerbrochen. Skulpturen sind mit Kratzern und Dellen übersät. Zwei von ihnen standen im Foyer des Le Gray Hotel, das in Beirut für die schöne Aussicht vom Pool seiner Dachterrasse bekannt war und die Druckwelle mit voller Wucht abbekam. Die Künstlerin Nayla Romanos Iliya will die Spuren der Zerstörung aber nicht beseitigen. Wie fast alle anderen in der Schau versammelten Künstler, von denen die meisten aus dem Libanon stammen, aber nur wenige über seine Grenzen hinaus bekannt sind, spricht aus der Präsentation ihrer Arbeit vielmehr der Wille, diesmal auch das zu bewahren, was zertrümmert ist. Und ein kulturelles Erbe zu beschwören, das unverwüstlich sei.

          L’Art blessé. In der Villa Audi, Beirut; bis zum 16. Februar. Der aktuelle Lockdown soll Ende Januar enden. Der Katalog kostet umgerechnet 20 Euro, die an Hilfsorganisationen gespendet werden.

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