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Aktionskünstler Tehching Hsieh : „Ich war im Käfig so frei wie irgendwo anders“

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Ein Jahr lang nur drinnen, ein Jahr nur draußen: Der Aktionskünstler Tehching Hsieh bei einer seiner „One Year Performances“ Bild: Tehching Hsieh

Der Aktionskünstler Tehching Hsieh inhaftierte sich selbst für ein ganzes Jahr ohne jede Zerstreuung oder Gespräche. Wie denkt er seitdem über das Vergehen der Zeit? Eine Begegnung in Venedig.

          Tehching Hsieh – was macht der noch mal? Seit längerem gar nichts, der in New York lebende Taiwanese hat sein künstlerisches Werk schon vor geraumer Zeit eingestellt. Anfangs wollte er diese Abstinenz selbst als Werk verstanden wissen, irgendwann war dann auch das für ihn einfach vorbei. Aber von seinen um 1980 entstandenen „One Year Performances“ haben einige sehr wohl schon gehört, die in diesem Sommer auf der Biennale in Venedig unterwegs sind, wo Hsieh den taiwanesischen Pavillon bespielt; auch wenn der – aus politischen Gründen und mit Rücksicht auf China – offiziell nicht so heißen darf.

          Die es etwas genauer wissen, finden die Aktionen des 1950 geborenen radikal, manche sagen gar: Wahnsinn, was der mit sich angestellt hat. Gemeint ist nicht die früheste Aktion Hsiehs, das weithin unbekannte „Jump Piece“ aus dem Jahr 1973, an dessen Folgen er, wie er beim Treffen in Venedig erzählt, noch immer leide. Einen Super-8-Film davon hat er vernichtet, doch in Venedig hängen sechs Fotos übereinander, die ein Freund gemacht hatte: Zu sehen ist, wie der Künstler aus dem zweiten Stock eines Wohnhauses springt, auf den Boden prallt, sich krümmt und die Beine hält. An beiden Füßen hatte er sich den Knöchel gebrochen.

          „Unerwachsen und destruktiv“

          „Jump Pieces“ hatten damals auch andere Künstler erprobt – Bas Jan Ader etwa, der sich drüben in der Hauptausstellung der Biennale in einem kurzen Sechzehn-Millimeter-Film von 1971 von einem Ast in einen Bach fallen lässt. Hsieh nennt seinen Sprung heute schlicht „unerwachsen und destruktiv“, ganz einfach „schlechte Kunst“. Nur wenige Arbeiten hat er später noch hervorgebracht, diese waren reflektiert und souverän: jene fünf „One Year Performances“ in der Zeit von 1978 bis 1985, die sich jeweils über ein ganzes Jahr erstreckten. Eine ungewöhnliche, beeindruckende Kunst der Selbstbeherrschung legte Hsieh darin an den Tag, die Pose des Märtyrers lenkte er in produktive Bahnen.

          Sich in einer winzigen, fensterlosen Zelle in Downtown Manhattan wegzusperren und mit Brief und Siegel zu verpflichten, in der ganzen Zeit weder Radio zu hören noch Fernsehen zu gucken, nicht zu lesen und zu schreiben; selbst dann nicht zu sprechen, wenn ein Freund tagtäglich das Essen bringt oder alle drei Wochen Besucher für ein paar Stunden zu der Zelle vorgelassen werden: Warum tut sich einer das an? Wie hält man das durch?

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          Geholfen habe er sich mit ein paar Tricks, erzählt der kleine, drahtige Mann in noch immer gebrochenem Englisch über seine freiwillige Einzelhaft, die er, wie alle anderen einsamen Performances, erst mal eine Woche lang ausprobierte. Die wenigen Quadratmeter, die er mit Gitterstäben eingezäunt hatte, teilte er sich ein: Die Ecke mit der Liege, „das war mein Zuhause“, in der anderen „ging ich spazieren: Das war draußen“. Hsieh hatte es sich zur Übung gemacht, auf den Fußboden zu gucken und dort Bilder zu imaginieren. Auch darüber verstrich Zeit. „Vor allem aber musste ich eine Menge denken, was auch immer, egal was, sonst hätte ich in dieser Situation die Kontrolle über mich verloren.“ Wenn er dachte und sich aufs Denken konzentrierte, so Hsieh in cartesianischer Diktion, „dann wusste ich, dass ich da bin. Dann war ich im Käfig genauso frei wie irgendwo anders.“

          Warum aber überhaupt diese Isolation? Er sei frustriert gewesen über ein Leben in der Anonymität mit Hilfsarbeiterjobs in SoHo, nachdem er 1974 auf einem Öltanker illegal nach New York eingereist war, ausgestattet mit vagen Vorstellungen von zeitgenössischer Kunst, dafür in der Gewissheit, dass er mit der Malerei abgeschlossen hatte.

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