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Bayerische Bilder in Schweinfurt : Sujet schreit’s von der Höh’

Als Münchner Bürger ihre Bildmotive suchten: Schweinfurt zeigt, wie die Maler des neunzehnten Jahrhunderts Bayern sahen - mit sehr verliebten Augen.

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          Fotofreunde witzeln über Kameras mit eingebauter Motivklingel. Den Malern des neunzehnten Jahrhunderts wäre so ein Werkzeug überflüssig vorgekommen. Bot sich ihnen doch im Süden Deutschlands eine Landschaft an, die wie fürs Bilderbuch geschaffen war. Das Überangebot an Motiven zog die Künstler an wie Motten das Licht; bedeutende Malerkolonien entstanden, in Dachau und am Chiemsee, in Pang bei Rosenheim. So wie die Florentiner im Übergang vom späten Mittelalter zur Renaissance die Villa mit Garten und die Sommerfrische entdeckten, begann das Bürgertum aus der anschwellenden bayerischen Hauptstadt am Wochenende die Natur als Erholungsort heimzusuchen. Von 1830 bis 1900 stieg die Zahl der Münchner von 70 000 auf eine halbe Million. Die Erschließung des Oberlandes durch Eisenbahnlinien half, immer mehr Publikum zu befördern.

          Hannes Hintermeier

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

          Die malerischen Resultate dieser Landschafts- und Landlebenerkundung waren dann lange Zeit ziemlich out; langsam gewinnt die Neuentdeckung dieser oft auf ihre bloße Unterhaltungsfunktion reduzierten Malerei an Fahrt, wie die aktuelle Ausstellung über Hans Thoma im Frankfurter Städel zeigt. Wem diese Kunst ans Herz geht, wird auch im Schweinfurter Museum Georg Schäfer schöne Funde machen. Dessen Dauerausstellung deckt den Tisch überreich. Der Industrielle Georg Schäfer (1896 bis 1975) trug mehr als 900 Gemälde und 4000 Zeichnungen zusammen. Die 1997 errichtete „Sammlung-Dr.-Georg-Schäfer-Stiftung“ ist bis heute in Provenienzfragen - Schäfer ließ sich auch von Adolf Weinmüller, einer Schlüsselfigur des Kunsthandels zur Zeit des Nationalsozialismus, beraten - hartleibig: Dies trübt das Bild einer außergewöhnlichen Sammlerleistung. Ihr Gehäuse, das wunderbare, von Volker Staab entworfene und vor zwölf Jahren eingeweihte Museum, altert gut.

          Effekt trifft Präzision

          Dort widmet man sich nun einen Sommer lang, fast ausschließlich aus eigenen Beständen, dem Thema Bayern in der Malerei. Rund hundertzwanzig Gemälde, Zeichnungen und Aquarelle gruppieren sich thematisch um die Motive Landschaft, Seen, Berge, Städte. München ist dabei naturgemäß ein Schwerpunkt mit seinem Hinterland, dem Dachauer Moos. Das Oberland mit Tegernsee, Schliersee, Starnberger und Ammersee ist ebenso stark vertreten wie der Chiemgau, das Karwendel, die Berchtesgadener Alpen. Einige fränkische Motive retten die Ehre der nördlichen Landesteile. Vom späten achtzehnten bis in die zwanziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts reicht die Entstehungszeit der gezeigten Werke. Vertreten sind unter anderen Eduard Schleich der Ältere, Heinrich Heinlein, Anton Zwengauer, Johann Sperl, Heinrich Bürkel, Carl Spitzweg, August Wilhelm Julius Ahlborn, Leopold Rottmann.

          Effekt trifft Präzision, Naturalismus regiert: Wem die Schroffheit der Kluften und die Idylle der Almen zu dick aufgetragen vorkommt, der wird durch zeitgenössische Fotografien auf den Pfad der Einsicht gelenkt: Das sah tatsächlich so aus, als die ersten Maler sich daran machten, die Gipfel zu erklimmen - 1820 etwa wurde die Zugspitze erstmals bestiegen. Da existierte an der Münchner Akademie der Bildenden Künste das Fach Landschaftsmalerei schon zwölf Jahre; Johann Georg von Dillis, Exponent der ersten Generation von Landschaftsmalern, muss indes erleben, wie der neue Akademiedirektor Peter von Cornelius die Klasse 1826 abschafft. Den Boom konnte er nicht stoppen, weil fortan viele Maler als Autodidakten hinaus aufs Land zogen: die Kundschaft war ja auch dort und wollte Bilder.

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