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Bronzeskulptur „Mars“ : Der Bayer-Konzern sollte sich schämen

Eine Besucherin betrachtet 2006 im Grünen Gewölbe in Dresden die Bronze „Mars“ des italienischen Bildhauers Giambologna von 1587. Bild: Picture-Alliance

Im letzten Moment ist der verantwortungslose Verkauf der Mars-Figur verhindert worden. Doch die Bayer AG hat sich in dieser Sache impertinent und dumm verhalten.

          Natürlich kann ein in Deutschland ansässiger Pharma- und Agrarchemiekonzern ein Werk aus seiner Kunstsammlung ins Ausland verkaufen, wenn ihm das in seine Unternehmensstrategie passt. Das ist legal, solange ihn dabei nicht ein Eintrag auf der Liste des national wertvollen Kulturguts bremst. Dass jener Mars des Giambologna mit seiner besonderen Herkunft nicht auf dieser Liste verzeichnet war und dass ihm die zuständige Stelle in Nordrhein-Westfalen 2015 die unbefristete Ausfuhrgenehmigung erteilte, ist ziemlich unerhört. Die Kulturstaatsministerin Monika Grütters spricht gegenüber dieser Zeitung von ihrer „Empörung über das Behördenversagen, insbesondere in Nordrhein-Westfalen unter der Regierung von Hannelore Kraft“. Denn tatsächlich hat es ja bereits vor dem Inkrafttreten des novellierten Kulturgutschutzgesetzes im Sommer 2016 die nationale Liste gegeben.

          Entscheidend ist im Fall dieser Kleinbronze, die am kommenden Mittwoch in London, versehen mit einer Schätzung von drei bis fünf Millionen Pfund, versteigert werden sollte, noch ein zweiter Aspekt: Es geht um den Umgang des Bayer-Konzerns mit der Statuette, deren Herkunft weit zurückreicht in die deutsche Geschichte, bis ins sechzehnte Jahrhundert, als Giambologna, schon damals ein berühmter Künstler, sie dem sächsischen Kurfürsten Christian I. zum persönlichen Geschenk machte. Der Mars blieb in Dresden, bis er 1924, im Zuge des „Fürstenausgleichs“, an das Adelshaus Wettin zurückgegeben wurde. Schon drei Jahre später versilberten ihn die Wettiner auf dem Kunstmarkt. Sein erster (und einziger) Käufer, Theodor Plieninger, vermachte den Mars später dem Unternehmen, dessen Direktor er war; über zwei weitere Stationen kam er an die BayerAG – als eine Schenkung!

          Vor diesem Hintergrund macht der von Bayer angestrebte Verkauf sprachlos. Es geht da um so etwas Überholtes wie Moral. Es geht um Geschichtsvergessenheit und Tumbheit. Denn wie töricht ist es denn, als eine Firma, die einst ihren Aufstieg aus dem industriellen Komplex der I.G.Farben nahm, ein solches Kunstwerk abstoßen zu wollen? Ohne die Dresdner Museen darüber vorher auch nur zu informieren. Ein Sprecher der Bayer AG hat, laut der „Süddeutschen Zeitung“, geäußert, dass man es den Aktionären schulde, den höchstmöglichen Preis zu erzielen – weshalb ein Verkauf an die Dresdner Museen nicht in Frage komme. Das ist nicht nur dumm – an einem positiven Image in der Bevölkerung scheint Bayer freilich schon länger nicht mehr interessiert zu sein –, es ist auch impertinent. Schon deshalb, weil der Konzern den Mars 1988 eben als Geschenk erhielt, so dass auch der Hinweis auf den Shareholder Value zur glatten Provokation wird. Der Konzern sollte sich schämen. Und wenn übrigens das umstrittene Kulturgutschutzgesetz für irgendetwas gut ist – dann dafür, die Sinne der Öffentlichkeit für das Fehlen moralischer Maßstäbe zu schärfen.

          Eine gemeinsame Anstrengung

          Monika Grütters hat dafür deutliche Worte. Sie ist „erschüttert darüber“, sagt sie gegenüber dieser Zeitung, „wie rücksichtslos und kaltherzig erfolgreiche und gutverdienende deutsche Firmen nationales Kulturerbe mit Gewinnabsicht zu verscherbeln“ bereit sind. Solche mangelnde Sensibilität hat quasi Tradition: So ließ die marode Westspiel GmbH, obendrein ein Unternehmen im Besitz der landeseigenen NRWBank, 2014 in New York zwei Bilder Warhols, die Filetstücke ihres Kunstbesitzes, versteigern, trotz aller Proteste dagegen. Im Jahr 2015 hat die TUI die kostbare Münzsammlung der einstigen Preussag an eine Münzhandlung verhökert, die sie nach England verbrachte, um sie dem Eintrag auf der Liste zu entziehen, im Wissen darum, das der kurz bevorstand. In allen Fällen geht es, so Grütters, um das fahrlässige Fehlen von „gesellschaftlicher Verantwortung und Ethos“.

          Der vielstimmigen Aufforderung, den Mars den Dresdner Museen zu schenken, ist Bayer nicht nachgekommen, was die Hartleibigkeit des Konzerns bloß unterstreicht. Dafür ist es in der Kürze der verbleibenden Zeit zu einer gemeinsamen Anstrengung der Museen, des Landes Sachsen, der Kulturstiftung der Länder, der Ernst von Siemens Kunststiftung und des Bundeskulturministeriums gekommen, aus dessen Etat Grütters eine Million Euro bereitstellt. Ohne hier eine konkrete Gesamtsumme zu nennen, muss man sich klarmachen, dass dieses Engagement für alle zehn Museen Dresdens zusammen bedeutet, auf ihren gesamten Ankaufsetat bis Ende 2020 zu verzichten. Das sagt so viel über die Verhältnismäßigkeit in dieser Angelegenheit.

          Der Bayer-Konzern hat daraufhin am gestrigen Montag Giambolognas Kriegsgott von der Londoner Auktion zurückgezogen und wird ihn an das Konsortium verkaufen. Alles andere wäre fahrlässig gewesen.

          Rose-Maria Gropp

          Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

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