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„Baumeister der Revolution“ : Sie blickten in den Himmel der Zukunft von gestern

Die Architekten der frühen Sowjetunion suchten nach neuen Bauformen für eine neue Gesellschaft. Die Berliner Ausstellung „Baumeister der Revolution“ zeigt, was von ihren Utopien blieb.

          3 Min.

          In dem Stummfilmklassiker „Die Reise zum Mond“ von Georges Méliès trifft die Rakete mit den Raumfahrern den runden Mond genau ins rechte Auge. Wüsste man es nicht besser, dann könnte man glauben, das Geschoss sei von Wladimir Schuchows Funkturm an der Moskauer Schabolowkastraße abgefeuert worden. Denn Schuchows Turm von 1922, der aus sechs nach oben sich verjüngenden, durch fachwerkartige Streben zusammengehaltenen Stahlkäfigsegmenten besteht, hat bei aller Funktionalität etwas Märchenhaftes. Dieselben Radiowellen, die er aussenden soll, scheinen ihn erst hervorgebracht zu haben, als metallenes Kondensat eines Unsichtbaren, als Gittergeflecht aus Elektrizität plus Ideologie. Man sollte dem Turm ansehen, dass die Sowjetmacht nach den Sternen griff. Heute weiß man, dass sie nur den Mond getroffen hat.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Was für den Schuchow-Funkturm gilt, lässt sich über viele der kühnen Konstruktionen sagen, welche die Ausstellung „Baumeister der Revolution“ im Berliner Gropiusbau präsentiert: Sie sind nicht ganz von dieser Welt. Sie greifen in Räume aus, von denen die Menschheit bis zum zwanzigsten Jahrhundert nichts geahnt hat. Konstantin Melnikows Gosplan-Parkhaus von 1936, vielleicht der schönste aller Autoabstellplätze, ist selbst eine große Maschine, mit Karosserie, Schwungrad und Zylinder; nur der Kraftstoff, die Zeit, ist dem Gefährt ausgegangen, heute wird es als Werkstatt genutzt. Oder Melnikows Arbeiter-Klubhaus an der Stromynkastraße: ein Trumm, aus dem sich drei Riesenfäuste herausboxen wollen, aber im Beton stecken bleiben und zu eckigen Klötzen erstarren, ein Transformer, der jederzeit zu dämonischem Leben erwachen kann.

          Ein Zustand, der schon bald Geschichte sein könnte

          Das Wohnhaus des Architekten ist auf ganz andere Weise revolutionär, denn es nimmt in Gestalt zweier weiß verputzter, in der Mitte zusammengewachsener Ziegel-Zylinder, die von sechseckigen Fensterwaben durchbrochen werden, den Kollektivismus zurück: In seinem eigenen Domizil gönnte sich der Funktionalist mit verrückbaren Wänden und lichtdurchfluteten Räumen eine Freiheit, die allen Fünfjahresplänen zuwiderlief. Mitte der dreißiger Jahre fiel Melnikow wegen seiner „Phantastereien“ bei Stalins Regime in Ungnade, für den Rest seines Lebens schlug er sich mit Privataufträgen durch. Um das Haus, in dem inzwischen Melnikows Sohn lebt, aufnehmen zu dürfen, musste der britische Fotograf Richard Pare Geld für die Renovierung des baufälligen Gebäudes spenden. Man kann nur hoffen, dass nach Pare, dessen Architekturfotos den Kern der Berliner Ausstellung bilden, noch viele Spender den Weg nach Moskau finden.

          Die Schau, die seit einiger Zeit durch Europa tourt und zuletzt in Madrid zu sehen war, könnte nebenbei die in Sottisen und Funktionärsgerede erstarrte deutsche Debatte über Bewahrung und Rekonstruktion historischer Bausubstanz wiederbeleben. Den russischen Avantgardisten, die für den neuen sowjetischen Menschen neue Städte und Fabriken bauen wollten, war die Idee der Bestandspflege suspekt, sie glaubten an das Gesetz von Zerstörung und Neuaufbau. Es gebe nichts Ewiges, alles sei vergänglich, erklärte Alexander Rodtschenko, der Maler, Fotograf, Architekt und Theoretiker des Konstruktivismus, und sein Kollege Wladimir Tatlin gab diesem Gedanken mit seinem Entwurf von 1917 für das Monument der Dritten Internationale, einer stählernen Spirale, die sich wie ein gigantisches Fernglas in den Himmel der Zukunft schraubt, eine pathetische Form.

          Heute schmückt Tatlins damals nicht gebauter Turm in stark verkleinertem Maßstab ein Apartmenthaus im Moskauer Nobelviertel Presnja. Der Fortschrittsglaube ist, wie der Sozialismus, ein Opfer des Fortschritts geworden. Und anders als die konstruktivistischen Zeichnungen und Gemälde von Ljubow Popowa, El Lissitzky, Gustav Kluzis und anderen, mit denen die Ausstellung die Symbiose von Kunst und Architektur in den zwanziger Jahren illustriert, sind die Hauptwerke des kollektivistischen Bauens dem russischen Wetter ausgesetzt. Die Vergänglichkeit, deren Triumph sie verkörpern wollten, nagt an ihnen. Und während das südliche Licht, das etwa auf Miron Merschanows Woroschilow-Sanatorium in Sotschi fällt, manchen von ihnen ein verlängertes Leben schenkt, stehen andere wie Iwan Nikolajews Moskauer Studentenwohnheim oder die Leningrader Textilfabrik Rotes Banner, deren Steuerungszentrale der deutsche Architekt Erich Mendelsohn wie die elegant geschwungene Kommandobrücke eines Ozeandampfers aussehen ließ, vor dem Exitus. Insofern dokumentiert die Berliner Ausstellung einen Zustand, der schon bald Geschichte sein könnte. Der Baukunst der Revolution geht es dabei nicht anders als den Werken anderer Epochen: Entweder sie wird zum Denkmal ihrer selbst. Oder sie wird vergessen.

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