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Bordeaux’ „Bassins de Lumières“ : Tauchfahrt ins Licht

  • -Aktualisiert am

We all listen to the yellow submarine: Im einstigen U-Boot-Bunker von Bordeaux werden Bilder Paul Klees zu gemalter Musik. Bild: AFP

In Bordeaux wurden betonstarrende U-Boot-Bunker aus dem Zweiten Weltkrieg in schwerelose „Bassins de Lumières“ verwandelt – eine patente Bühne für Licht-und-Ton-Vorstellungen. Den Anfang machen Klimt und Klee.

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          Wir sind in der Box Nummer vier des U-Boot-Bunkers, am Ende des hundertzehn Meter langen Wasserbeckens. Es ist dunkel, die Luft fühlt sich lau und feucht an. Aus flauer Ferne dringt der Widerhall von Werftarbeiten: kreischendes, sirrendes, geschlagenes Metall. Ein Warnlicht färbt die Betonwände blutrot – langsam taucht ein U-Boot aus dem Hafenbecken auf und gleitet durch das geöffnete Portal in seinen Liegeplatz. Immer bedrohlicher türmt sich das Monstrum vor den Besuchern auf, doch jäh erfolgt ein Szenenwechsel. Alles wird schwarz, ein Echolot ertönt, über die Wände flimmern blassblaue Diagramme, die gegenständliche Bilder gebären: Propeller, Ventile, Röhrensysteme; eine Landkarte der französischen Atlantikküste; Schwarzweißfotos von Hafenarbeitern und -anlagen; endlich bunte Gemälde aus diversen Epochen.

          Mit diesem multimedialen Vorspann präsentieren sich die Bassins de Lumières ihren Besuchern. Am 10. Juni eröffnet, ist dieses Zentrum in den vier ersten Boxen des ehemaligen nazideutschen U-Boot-Bunkers von Bordeaux untergebracht. Gewaltige Dimensionen, industrielles Ambiente, geheimnisvolles Dunkel, spiegelnde Wasserflächen – die brutalistische Betongrotte bildet eine patente Bühne für Licht-und-Ton-Vorstellungen. Kernstück des Eröffnungsprogramms ist eine Multimedia-Schau mit dem Titel „Gustav Klimt, aus Gold und Farben“.

          Rothaarige Goldfische auf Grau

          Die halbstündige Produktion ist in sechs Tableaus unterteilt. Zu den pompösen Posaunenklängen von Wagners „Tannhäuser“-Ouvertüre werden Detailaufnahmen von Wiener Gründerzeitbauten auf die Wände projiziert. Fotos vom Ausstellungsgebäude der Wiener Secession und namentlich von Klimts Beethovenfries darin leiten vom Historismus zum Jugendstil über. Die dritte Sequenz zeigt Klimts berühmteste Schöpfungen in einem schillernden Regen „aus Gold und Farben“: „Der Kuss“, „Danae“, „Adele Bloch-Bauer I“ und andere Klassiker. Ein der Welt abhandengekommenes Mahler-Lied begleitet eine beschauliche Promenade durch Landschaftsbilder, derweil eine reißerische Rachmaninow-Bearbeitung eine Montage von Schiele-Bildern untermalt. Das apotheotische Finale endlich vermählt – erstaunlich glücklich – Lehár und Puccini, zu deren ätherischen Klängen Klimts schönste Frauenfiguren gen Himmel entschweben.

          Die Reproduktionen der ausgewählten Kunstwerke werden auf fast alle vertikalen Flächen geworfen. Und auch auf etliche Böden, ja sogar auf zwei flache „Ankerbojen“, die auf den schwarzen Wassern wie riesige Seerosenblätter schwimmen. Um die gewaltigen 12.000 Quadratmeter Projektionsflächen zu füllen, sehen sich die originalen Gemälde und Zeichnungen nicht nur um ein Vielfaches vergrößert, sondern je nach Bedarf auch zu Serien geklont beziehungsweise auf zentrale Elemente zusammengestutzt. Mitunter werden einzelne Figuren gar herausgelöst und in eine neue Umgebung versetzt – etwa Judith aus dem gleichnamigen Gemälde von Klimt und der rothaarige von dessen drei „Goldfischen“, die vor dem Hintergrund eines Goldpailletten-Gestöbers enigmatisch zu den Besuchern hinablächeln.

          Eine „immersive Ausstellung“ nennen die Träger der Bassins de Lumières diese Multimedia-Schau. Das Wort „immersiv“, das unter anderem das Eintauchen in eine virtuelle Umgebung meint, ist im Kontext einer U-Boot-Basis gewiss nicht schlecht gewählt. Aber von Ausstellung kann keine Rede sein. Es gibt hier keine Exponate, keine Frage- oder Problemstellung, keinen Parcours, der einen schrittweisen Erkenntnisgewinn räumlich versinnbildlichen würde. Zwar führen auf dem Quai zwischen den beiden letzten Becken zehn Wandtafeln allerlei Informatives auf zu „Klimt, aus Gold und Farben“ sowie zu einer zweiten, kürzeren Schau über Paul Klee – namentlich ein Resümee der grob chronologischen Sequenzen. Doch die Struktur der beiden Produktionen ist auf Anhieb kaum fassbar: Im Halbstundentakt erhalten die Besucher Einlass, die Klimt- und Klee-Schauen indes laufen mitsamt Vorspann in einer 48-minütigen Endlosschleife. Man steigt also fast sicher irgendwo mittendrin ein.

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