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Architekturmuseum Basel : Reise zum Mittelpunkt der Schweiz

Zehnmal auf die Älggi-Alp: Der Videokünstler Pierre-Philippe Hofmann zeigt eine ungeschönte Schweiz zwischen Idylle und Banalität, zwischen Badeseen und Plattenbauten.

          Wie sieht ein Schweizer die Schweiz? Kommt darauf an, aus welchem Kanton er kommt. Und wie sehen Deutsche oder Österreicher den Nachbarn? Bestimmt mit Vorurteilen, würde mancher Eidgenosse vermuten. Wie ein Belgier, der familiäre Wurzeln im schweizerischen Olten hat, das Land sieht, kann man derzeit im Schweizerischen Architekturmuseum in Basel überprüfen. Es ist ein exterritorialer Blick, der mit wissenschaftlicher Akribie und nach den Üblichkeiten der Schweizer Karthographie das Land aufschlüsselt.

          Hannes Hintermeier

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Neue Sachbücher“.

          Über einen Zeitraum von vier Jahren wanderte der belgische Videokünstler Pierre-Philippe Hofmann, Jahrgang 1976, auf zehn Routen sternförmig jeweils von verschiedenen Grenzorten aus ins geographische Zentrum des Landes – die Älggi-Alp im Kanton Obwalden. Er dokumentierte die Wanderungen, die er allein und zu allen Jahreszeiten in Etappen unternahm, indem er jeweils nach einem Kilometer haltmachte und einen einminütigen Film drehte. Nach 2700 Kilometern und ebenso vielen Filmen protokollierte Hofmann jeden Stopp und erzeugte mit Hilfe eines Algorithmus eine Dauerschleife für die Einminüter, deren Rhythmus sich nicht offenbart, wenn man entlang der 72 Bildschirme flaniert, die parallel je siebenunddreißig Minuten pro Durchlauf die Filme zeigen.

          Konzeptkunst im Dienst des Dokumentarischen: Auf einem neun Meter langen Tisch ist jeder Film detailliert beschrieben und mit einer Nummer versehen. Eine Audiostation fehlt auch nicht, der Künstler liest Notate, die ihm bei seinen einsamen Wanderungen in den Sinn kamen. Die Bildschirme stehen am Fußboden leicht zur Wand hin geneigt in einem langen Rechteck, man flaniert und schaut nach unten, anstatt, wie häufig in der Schweiz, bergan.

          Die Videoinstallation ist ein zweiter Schritt des Schweizer Architekturmuseums, nach „Schweizzeit“ (2016) das Land mit künstlerischen Mitteln zu erkunden. Da ein Großteil der Landesfläche aus Bergen besteht, schlägt sich dieser Umstand auch in Hofmanns Material nieder. Schnee in allen Aggregatzuständen, Berge, Felsen, Bäume, Nebel, Seen, Skilifte, Loipen, Bergdörfer dominieren die häufig in Schwarzweiß gedrehten Kurzdokumentationen. Keinesfalls regiert das Idyll, die Postkarte soll ja gerade nicht reproduziert werden, und deswegen gibt es noch jede Menge ganz gewöhnliche Schweiz mit Wohnblöcken, Hochspannungsmasten, Rolltreppen, Parkplätzen und Bahnübergängen. Ab und zu wird der Blick voyeuristisch, wenn Skifahrer beim Verstauen ihrer Utensilien im Kofferraum gezeigt werden oder die Kamera Sonnenbadende an einem Flussbett festhält, ohne dass diese bemerken, dass sie gefilmt werden.

          Wenn der Algorithmus es vorgibt, verdunkelten sich auf einmal zwei Dutzend der Bildschirme im gleichen Augenblick, aber das ist nur eine Atempause, bevor neue Bilder erscheinen, die meisten stumm. Intuitiv folgt der Betrachter dem Ohr – wo Geräusche mitaufgenommen wurden, dorthin wendet sich der Blick. Das kann eine Kreissäge sein, ein Presslufthammer, das Zirpen von Grillen, Vogelgezwitscher, der Signalpfiff einer Lokomotive und natürlich Kuhglocken.

          Das gewollte Festhalten des ganz normalen Lebens mit dem Blick von außen – niemals in Innenräumen – erzeugt trotz der ambitionierten Versuchsanordnung am Ende einigermaßen banal wirkende Resultate. Ob sich das synästhetische Erlebnis, die gleichzeitige Zusammenschau, zu einem Bild der Schweiz fügt, hängt wohl auch davon ab, wie hoch der Grad des Wiedererkennens ist. Für Nicht-Schweizer entsteht – bei allen topographischen Besonderheiten – das Bild eines Landes, das an vielen Stellen architektonisch verschandelt und von Transitrouten geschunden ist.

          Ein Film immerhin, die Nummer 2032, fällt aus der Reihe, weil er zwei Minuten dauert. Ein Knabe kommt mit einer Plastikflasche aus einem Supermarkt. Er schafft es trotz wiederholter Anläufe nicht, den Verschluss zu öffnen. Das hat Hofmann so fasziniert, dass er seine strenge Versuchsanordnung durchbrach. Das wirkt beinahe ein wenig unschweizerisch.

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