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Baselitz-Ausstellung im Städel : Mit dabei ist auch dagegen

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Endlich Altmeister: Eine riesige Ausstellung im Städel Museum Frankfurt zeigt die „Helden“ von Georg Baselitz. Aber was für Helden sind das genau?

          Was Georg Baselitz in den vergangenen Jahren erkennbar fehlte, war eine gute Museumsausstellung. Von sich reden machten eher die Preise: die acht Millionen Euro etwa, die François Pinault, der französische Unternehmer, Kunstsammler und Museumsbetreiber, angeblich insgesamt für die Werke bezahlte, die der Künstler auf der Biennale in Venedig im Sommer 2015 zeigte. Von dieser Summe sollte die Welt erfahren, üblicherweise werden die auf der Biennale getätigten Verkäufe nicht öffentlich bekanntgegeben. Öffentlich war auch der Rekordpreis von 5,2 Millionen Euro für ein einzelnes Gemälde, das bei Christie’s in New York 2014 versteigert wurde, dem Auktionshaus, das zu Pinaults Firmengruppe gehört. Das Bild war mit einer Garantie versehen, eine Praxis, die wegen der Intransparenz des tatsächlich gezahlten Preises viel Kritik auf sich zieht.

          Hinter den ehrgeizigen Summen schien der kunsthistorische Furor zurückzubleiben. In der großen Schau in Münchens Haus der Kunst von 2014 hingen die Gemälde wie Kraut und Rüben durcheinander. Einen ähnlich unsortierten Eindruck machte 2013 die Ausstellung im Essl Museum, selbst der Royal Academy gelang es 2007 nicht, eine überzeugende Werkauswahl zu treffen. Einfach ist das sicherlich auch nicht. Baselitz selbst schätzt, bisher etwa 2800 Bilder geschaffen zu haben. Eine bemalte Leinwand scheint eher selten verworfen zu werden. Nun aber kuratiert Max Hollein, der ehemalige Direktor des Städel Museums und neue Leiter des Fine Arts Museum of San Francisco, die Ausstellung „Georg Baselitz. Die Helden“ – zusammen mit Eva Mongi-Vollmer. Aus dem großen Kuchen wird dafür eine Tranche herausgeschnitten: die Jahre 1965/66 und das Motiv der Helden. Der Auftritt ist selbst für das Städel Museum, das für seine Freude am Inszenieren bekannt ist, monumental. Beide Schauetagen wurden für die siebzig Gemälde und Papierarbeiten reserviert. Diese Fläche wurde zuvor Monet oder Dürer zugestanden, darunter scheint es bei Baselitz nicht zu gehen. Schon sein „Oberon“ von 1963, der dem Städel gehört, musste in der Altmeisterabteilung hängen. Das Bild wirkte dort wie ein unsicherer Sohn, der gerne sagt, dass er einen berühmten Vater hat.

          Wer sind also die Helden? Eine großformatige Werkgruppe, in dichter Folge gemalt, mit Titeln wie „Rebell“, „Ein neuer Typ“, „Der moderne Maler“ oder „Der Hirte“. Die Leinwände sind riesig, die Helden dementsprechend. Auf ihren breiten Schultern sitzt häufig ein kleiner Kopf. Man sieht sie aus der Untersicht, Szenerie und Malweise wirken wie Splatter: blutig, rußig, schnell und wütend.

          Im Städel ist der Aufmarsch der Helden stark entzerrt, fast jedes Bild erhält eine eigene Wand, die noch dazu farbig gestrichen ist. Die farbgewaltige Rahmung bringt das überraschend Liebliche des Helden-Kolorits hervor. Wer das Motiv ausblendet, kann den Eindruck haben, Max Beckmann sei in eine Eisdiele eingebrochen. Die dunklen Umrisslinien ringeln sich um Pastellfarben: Mintgrün, Himbeerrosa, Hellgelb, blitzendes Blau.

          Von Raum zu Raum setzen sich die Helden zu einer Armee zusammen, die fast gefällig wirkt im Vergleich zu Baselitz’ berühmtem Bild „Die große Nacht im Eimer“, wo man einen in Schlammtönen gemalten Gnom sieht, hässlich, entstellt, mit einer riesigen Erektion, ein böser Oskar Matzerath. Mit den Helden gab Baselitz seinem Zombieheimkehrer eine erkennbar angenehmere Gestalt, etwas mehr Landser-Romantik: zerschlissen, lädiert, verwundet, aber dafür jung, groß und gewalttätig. Wenn es eine ältere Generation gab, die nach dem verlorenen Krieg an ihrer Männlichkeit zweifelte, dann schienen diese Figuren anzutreten, um sie wieder einzufordern.

          Der Katalog vermeidet es, die angebliche Außenseiterrolle von Baselitz zu strapazieren. Der Künstler selbst hat in Interviews jedoch die übliche Begleitmusik in Moll angestimmt. Darum doch kurz zur Einordnung - wann sind die Helden entstanden? Baselitz begann die Arbeit 1965, als Stipendiat der Villa Romana in Florenz, was als frühe Auszeichnung gelten muss. Wo wurden sie gezeigt? Bereits 1966 wurden „Die großen Freunde“ in der Galerie Springer ausgestellt, die in Berlin als führend galt und die modernen Klassiker vertrat. Neun Jahre später bezog Baselitz ein Schloss im niedersächsischen Derneburg.

          In vielen Helden-Bildern kehrt ein Detail wieder: Die Finger und die Füße stecken in Fallen, die sie behindern, zwicken, quälen. Dass die Figuren ein Alter Ego des Künstlers sind, ist kein Geheimnis, sie tragen Pinsel und Palette. Das Gefühl, auf boshafte Weise behindert zu werden, taucht in vielen Äußerungen von Baselitz selbst auf. Mit besonderer Aggressivität hat er sich jüngst gegen folgende Gruppen ausgesprochen: malende Frauen, Steuerbeamte und Politiker, die das Kulturgutschutzgesetz befürworten, das er mit den NS-Rassegesetzen vergleicht.

          Im Jahr 1965, also gleichzeitig mit den Helden, malte Gerhard Richter den vergleichsweise kleinen „Onkel Rudi“. Richter fand darin den Ausdruck für ein vielleicht sehr deutsches Gefühl: dass etwas mit der Erinnerung nicht stimmt, dass man sich nicht auf die Überlieferung verlassen kann. Mit Ölfarbe knetete Baselitz dagegen seine Golems und arbeitete noch einmal am Bild des Heimkehrers, als müssten die Söhne die Verletzungen der Väter rächen.

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