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Barockmalerei in Schwerin : Die Geheimnisse der alten Niederländer

Das Staatliche Museum Schwerin bekam die Gemäldesammlung des Journalisten Christoph Müller geschenkt. Nun zeigt es seine neuen Schätze - in der Ausstellung „Kosmos der Niederländer“.

          3 Min.

          Das schönste Nashorn der Welt ist in Schwerin zu sehen. Seine Panzerhaut ist dickledriger als die aller anderen Nashörner, es ist größer, schwerer, nashornhafter als sie. Und es hängt im Museum. Als Gemälde. Allein wegen dieses überlebensgroßen Tiergemäldes des Franzosen Jean Baptiste Oudry (1686-1755), Hofmaler im Dienst Ludwigs XV., lohnt sich die Fahrt nach Schwerin. Der damals dort regierende Herzog Christian Ludwig II. hatte von 1732 an zehn monumentale Bildnisse exotischer Tiere der königlichen Menagerie bei Oudry gekauft, und so kam auch das indische Panzernashorn Clara, das Oudry 1749 in Paris sah und malte, nach Nordostdeutschland.

          Niklas Maak

          Redakteur im Feuilleton.

          Wenn die niederländischen Gemälde, die der Sammler Christoph Müller dem Museum in einer spektakulären Schenkung überlassen hat, etwas mit Oudrys Tieren verbindet, dann ist es oft die geradezu hyperrealistische malerische Vergegenwärtigung des Gezeigten: So wie es Oudry gelingt, die Haut eines Nashorns, seine Schwere und Gewalt, in Szene zu setzen, so schafft es etwa der Antwerpener Maler Alexander Adriaenssen Mitte des 17. Jahrhunderts, die Saftigkeit einer halb geschälten, an den Rändern schon leicht austrocknenden Zitrone, die glatte Widerständigkeit eines dünnen Krabbenpanzers oder die Pelzigkeit einer Pfirsichhaut vor Augen zu führen.

          Die Freude am scharfen Blick aufs Alltägliche

          Die Sammlung umfasst 155 holländische und flämische Gemälde des 16. bis 18. Jahrhunderts, zusammengetragen hat sie der Verlegersohn und Journalist Müller, der fünfunddreißig Jahre lang die Lokalredaktion des „Schwäbischen Tagblatts“ in Tübingen leitete. Die Niederländer - allen voran Claes Jansz Bergoijs mit seinen schmierig schimmernden Fischen und krümelig gemalten Brötchen - sind bekannt für die präzise malerische Untersuchung des scheinbar Nebensächlichen, und wer will, kann die Sammlung als Reflex von Müllers Tätigkeit als Journalist sehen: Es ist dieselbe Freude am scharfen Blick aufs Alltägliche, die sich in den Werken der niederländischen Maler findet.

          Wichtig ist aber vor allem das museumspolitische Zeichen, das Müller setzt: Oft drängen Sammler den öffentlichen Häusern ihre tatsächlichen oder vermeintlichen Kunstschätze als Dauerleihgaben auf, delegieren so den kostspieligen Unterhalt an die öffentliche Hand und ziehen dann nach Belieben ihr Eigentum wieder ab, um es mit der wertsteigernden Aura musealer Weihe weiterzuverkaufen. Müller tut das Gegenteil und damit das, was die öffentlichen Museumssammlungen einst groß und bedeutend machte, er schenkt seine Kollektion dem Haus dauerhaft - und damit der Öffentlichkeit.

          Wie man den Zeitgeist ertastet

          Es ist die größte Schenkung von Altmeistergemälden, die ein deutsches Museum nach 1945 erhalten hat, jedenfalls der Menge nach. Denn man findet in Müllers Sammlung kaum große, bekannte Namen, dafür viele Kleinmeister wie Gerrit de Jong oder Laurence Neter, nichts von Rubens, dafür ein wunderbares Stillleben mit Krabben und toten Vögeln von seinem Nachbarn, dem schon erwähnten Künstler Alexander Adriaenssen.

          Auch Schiefgegangenes ist dabei, Seestücke von Aert Anthonisz, in denen die im stürmischen Meer herumgeworfenen Wale aus den Wellen herausschauen wie erstaunte Gummienten. Aber all das ist kein Nachteil: Was die Sammlung Müller dokumentiert, ist die Formsuche eines Zeitalters, und gerade das Scheiternde, Tastende, Ausprobierende, Prototypenhafte in vielen Bildern, die als „Meisterwerke“ nicht taugen, fügt sich in der Zusammensicht zu einer ganz eigenen Bildgeschichte, anhand deren man etwa die Entwicklung der Landschaftsmalerei neu nachvollziehen kann.

          Man verfolgt, wie der Horizont sinkt, wie der Himmel ins Zentrum der Bilder rückt und die Figuren nur noch Anekdoten am Rande sind: Hauptdarsteller ist jetzt das Treibende, Übereinanderstürzende der Wolkenberge, ein ganz anderes Bild des Wandels und der Vergänglichkeit vertrauter Formen entsteht, als man es noch in den Vanitasbildern mit ihren überreifen, süßlichen Früchten findet.

          Zeugnisse vom Optimismus einer Epoche?

          Und wenn in den Stillleben plötzlich Früchte und Blumen aus verschiedenen Jahreszeiten zusammen in einem Bild auftauchen, was in der Realität gar nicht möglich war - lag dann darin auch eine Apotheose des neuen, internationalen Handels mit Amerika, Indonesien und Afrika, der alles gleichzeitig verfügbar machte? Was nach einem Vanitasbild aussieht, könnte so ein geradezu hemdsärmelig optimistisches Bild der Hoffnungen sein, die man in den ökonomischen Aufschwung Amsterdams setzte: Alles schien jetzt möglich, sogar die Überwindung der Jahreszeiten.

          Und sind die bizarren Phantasielandschaften des Rombout van Troyen, die düstere Welt von „Salomons Götzendienst“ mit ihrem unheilvollen Licht und ihren Höllenkerkern die mythologisch verbrämte Kehrseite dieses Optimismus? Es sind solche Fragen an eine Epoche ökonomischer Expansion und Überhitzung, die diese Ausstellung spannend machen.

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