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Barock-Ausstellung in Potsdam : Hoffnungslos gestrig und hochaktuell

Dialektik des Schmachtens: Nur wenn er sich nicht selbst erkennt, lebt Caravaggios „Narziss“ länger. Bild: Gallerie Nazionali di Arte Antic

Die Schau „Wege des Barock“ im Potsdamer Museum Barberini zeigt, was an Preußen Italienisch war. Und dass es den einen Barock nicht gab.

          Was „Barock“ sein soll, kann niemand exakt definieren, es ist jedenfalls nicht nur das Geschwungen-Überladene. Noch nicht einmal die Abkunft der Bezeichnung von den unregelmäßig gewachsenen „Barroco“-Naturperlen ist gesichert. Möglicherweise geben die verschlungenen „Wege des Barock“ in Potsdam, eine der erstaunlichsten deutschen Ausstellungen dieses Jahres, daher die ehrlichste Antwort: Barock ist, anders als die Renaissance, genaueste Naturbeobachtung, gepaart mit maßloser Übertreibung. Die italienische Nationalgalerie Palazzo Barberini-Corsini ist nun mit diesem labyrinthischen Titel wegen Teilrenovierung des Hauses zu Gast im gleichnamigen, ab 2013 wieder aufgebauten Museum Palais Barberini des SAP-Mitbegründers Hasso Plattner – mit einer der Kernsammlungen des Barocks, die in wesentlichen Teilen die der Papstfamilie Barberini aus dem siebzehnten Jahrhundert ist.

          Stefan Trinks

          Redakteur im Feuilleton.

          Das würde schon ausreichen, um MoMA-mäßig viele Kunstbegeisterte anzuziehen; die Ausstellung aber hat zusätzlich das hehre Ziel, ausgehend von dem unter der Ägide des „Alten Fritz“ prächtig ausgebauten Bürgerpalais Barberini an Potsdams Hauptplatz, das Italienische an Preußen zu zeigen. Den Preußenkönig Friedrich II. freilich verbindet man eher mit französischer Kunst, sprach und philosophierte er doch deutlich fließender auf Französisch als auf Deutsch. Aber auch Spanier sammelte er und ließ seine Residenz von Deichbauern aus den Niederlanden kanalisieren, wovon heute noch das Holländische Viertel zeugt. Friedrich war demnach Eklektizist. Er wollte Potsdam in ein zweites, beziehungsweise im achtzehnten Jahrhundert bereits mindestens fünftes Rom verwandeln. Die alte Nikolaikirche vor Schinkel ließ er von seinem Baumeister Knobelsdorff ebenso in römischem Barock errichten wie schon seine Berliner Hedwigskathedrale am nicht zufällig Forum Fridericianum genannten heutigen Bebelplatz ein direktes Zitat des Pantheons in Rom war.

          Einsamer Höhepunkt unter den Leihgaben

          Was für heutige Ohren krude klingt – auch Friedrichs Sanssouci ist als durch und durch antik-epikureischer Ort der Lustbarkeiten gedacht: die Weinbergsterrassen spielen auf die hängenden Gärten der Semiramis an, der Park auf Kaiser Hadrians Gartenreich von Tivoli und die Eingangssäulengänge zu beiden Seiten zitieren die vatikanischen Kolonnaden des Petersdoms von Bernini. Kein Wunder, dass er seinen Leibarchitekten Knobelsdorff intern „Bernini“ nannte. Als Toleranzstifter und oberster Religionsherr in Preußen wollte er weiser als der nicht übermäßig aufgeklärte „Barock“-Papst Urban VIII. aus dem Geschlecht der Barberini sein und ein vernünftigeres „Neurömisches Reich“ errichten. Das real existierende Rom hielt er für überschätzt. Anders als Knobelsdorff, seine Schwester Wilhelmine und selbst sein schottischer General Keith, die die Ewige Stadt alle auf ihrer Grand Tour gesehen hatten, war Friedrich nie in Italien.

          Entsprechend ist das Potsdamer Palais Barberini gegenüber dem gleichermaßen italienisierenden Rathaus ebenso ein wildes Stilgemisch aus idealisierter römischer Antike wie Friedrichs Sammlung an Italienern, die mit allein zwei Artemisia Gentileschis die ohnehin schon respektable Schau erweitern. Neben klassizistischeren Vertretern einer kühlbarocken Edel-Antike gibt es den Mal-Berserker Caravaggio, der mit seiner dramatischen Hell-Dunkel-Malerei und den erdschweren Inhalten dem Barock überhaupt erst einen ernstzunehmenden Hintergrund verleiht – ein Muss in jeder damaligen Sammlung.

          Sein „Narziss“ als einsamer Höhepunkt unter den Leihgaben zeigt, dass dieses Gemälde zu Recht das Titelbild für nahezu alle theoretischen Abhandlungen über die grassierende Selfiesucht abgibt. Der Hirte Narziss ist dazu verdammt, auf ewig in sein Spiegelbild auf dem schwarz funkelnden See vernarrt zu sein. Unendliche Erschöpfung spricht aus seinen Gesichtszügen, wie bei einem Dorian Gray spürt der Betrachter instinktiv, dass der Knabe an seiner maßlosen Selbstliebe, anders als der auf ewig konservierte Moment im Bild, zugrunde gehen wird. Caravaggio skizziert das böse Ende des Narzissmus bereits mit, wenn er als hellsten Part des Denkbildes das als Einziges nackte rechte Knie derart herausstrahlen lässt, dass es wie ein Totenschädel glänzt. Nie mehr wurde nach dieser gemalten Reflexion über Vergeblichkeit und Vergänglichkeit als solche eine derartige Höhe erreicht.

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