https://www.faz.net/-gqz-8lc5d

Barock-Ausstellung : Bei Gott, was haben wir getan?

Bakterien und Sonnenflecken: Eine Ausstellung in Mannheim nimmt den Barock in den Blick. Sie zeigt eine Epoche bahnbrechender Erfindungen und erinnert an das Entsetzen der Zeitgenossen.

          4 Min.

          Wenn einem Forscher endlich der Durchbruch gelingt, wenn ein Ergebnis vorliegt, um das er lange gerungen hat, dann kann er wohl Beifall erwarten. Der Alchemist jedenfalls, der im Halbdunkel seiner Werkstatt fassungslos auf das bauchige Glas starrt, in dem sich tatsächlich ein Homunculus befindet, ein künstlich erschaffenes Menschlein, hätte vielleicht anderes verdient, als dass seine Frau im Hintergrund entsetzt die Hände ringt. „Was hast du getan?“, scheint sie zu sagen, aber auch im Blick ihres Mannes auf sein Werk liegt nicht nur Stolz, sondern auch Schreck. Schaut man genauer hin, erschließt sich das: Denn das Männlein im Glasbehälter ist ein Skelett.

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          Das Bild des flämischen Malers David Rijckaert III., entstanden um 1650, ist nur eines von vielen, in denen er wie auch seine Zeitgenossen das Sujet vom Alchemisten in der Kammer aufgriff. Aber anders als etwa in Rijckaerts ungleich berühmterem Alchemistenbild von 1649, das im Prado hängt und ebenfalls den Forscher mit seiner Frau zeigt, liegt hier der Schwerpunkt nicht auf dem Glück des „Heureka“-Moments, sondern auf dem Grauen vor den Folgen der Entdeckung.

          Das Schillernde und Problematische

          Das Homunculus-Skelett ist nun in einer Ausstellung in den Mannheimer Reiss-Engelhorn-Museen zu finden, die sich dem Barock-Zeitalter widmet. Dass die Wahl ausgerechnet auf diese Version der Alchemisten-Malerei gefallen ist, mag daran liegen, dass sich das Werk in den Beständen der Museen befindet, aber zugleich sticht es in einer Weise aus den übrigen heraus, die bestens in den Ausstellungskontext passt: Es repräsentiert in seiner Ambivalenz eine Zeit, die geprägt ist von Aufbruch und Entdeckergeist, dabei die Grundlagen legt für Ausbeutung und Zerstörung und schließlich nur zu gut den Schwindel kennt im Angesicht dessen, was sie da so forsch in die Wege leitet - das Händeringen der Alchemistenfrau, die auf ähnlich gelagerten Gemälden eher Wein nachschenkt oder dem Mann still über die Schulter schaut, ist kein schlechtes Bild dafür.

          Was also ist unter dem Wort „Barock“ zu verstehen, das die Ausstellung im Titel trägt? Die Beteiligten um die Kuratorin Uta Coburger jedenfalls geben sich in ihren Katalogbeitragen redlicherweise einige Mühe, das Schillernde und Problematische des Begriffs zu markieren, der in etwa die Jahre zwischen 1580 und 1770 mit allen Ungleichzeitigkeiten erfassen und dann auch noch für unterschiedliche künstlerische, wirtschaftliche, weltanschauliche oder politische Bereiche gelten soll: Von einer Schimäre ist da die Rede, von einem „Trugbild in den Assoziationsblasen unserer Vorstellung“, bis hin zu einem Aufsatz, der kess unsere Vorstellungen von Barockmusik als „Hirngespinst“ bezeichnet, weil man eben allenfalls eine Reihe von neben- und nacheinander bestehenden Erscheinungen dingfest machen könnte, nicht aber einen musikalischen Stil, der mit Recht den Namen der fraglichen Epoche trage. Einig sind sich freilich die meisten Autoren, dass es vorerst beim B-Wort bleiben kann, und zwar, weil kein anderes, präziseres zur Verfügung stehe.

          Fabulöse Bilder vom Fremden

          So gesehen ist es ein kluger Schachzug in dieser Aporie, die Abteilungen, in die eine solche Ausstellung notwendig zerfällt, als Inseln anzulegen: jede von ihnen aus eigenem Recht und in beliebiger Reihenfolge zu rezipieren. Sie heißen „Körper“, „Glaube“ oder „Ordnung“, angelegt sind diese Stationen jeweils um eine Stele mit dem betreffenden Wort, gezeigt werden Bilder, Bücher, Gebrauchsgegenstände und einige moderne Installationen, die das sonst Gezeigte spiegeln, und dem allermeisten davon begegnet man mit Gewinn: Da sind Preziosen wie ein Schachspiel aus Porzellan, dessen Figuren in ihrer Gestaltung und Bemalung eine Partie Orient gegen Okzident versprechen, da sind Chinoiserien wie eine Reihe von Tellern und Vasen, die im unmittelbaren Vergleich von Original und Kopie davon erzählen, wie versiert man in Sachsen oder England das feine Porzellan Asiens nachahmte, oder da ist eine Fülle kostbarer Bücher, zumeist als Erstausgaben, die von tatsächlichen oder fiktiven Reisen berichten. Und allein für die thematisch klug ausgewählten Bilder, von denen viele als Leihgaben aus dem Kunsthistorischen Museum in Wien stammen, lohnt sich der Besuch.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          NRW-Ministerpräsident Armin Laschet

          CDU-Parteitag : „Die CDU muss wieder zur Ideenschmiede werden“

          Es ist der Tag der Entscheidung: Wer setzt sich im Rennen um den CDU-Vorsitz durch? Auf dem Parteitag macht NRW-Ministerpräsident Armin Laschet den Auftakt, wirbt um Vertrauen – und teilt eine Spitze gegen Friedrich Merz aus.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.