https://www.faz.net/-gqz-9vu2h

Barlach-Schau in Hamburg : Diese Lust an der Grenzüberschreitung

  • -Aktualisiert am

Das Ernst-Barlach-Haus in Hamburg befreit seinen Namensgeber von Klischees, die sich über sein Werk gelegt haben. An Überraschungen herrscht kein Mangel.

          4 Min.

          Er gehört zu den bekanntesten Künstlern der Moderne. Und doch scheint sich über Ernst Barlachs Werk in den vergangenen Jahrzehnten allmählich eine Staubschicht gelegt zu haben. Den Höhepunkt öffentlicher Präsenz und Wertschätzung erlebten seine Skulpturen und Grafiken in den fünfziger Jahren. Damals galt Barlach als Künstler einer protestantisch gefärbten Innerlichkeit, seine Figuren wurden als tiefgründige Chiffren menschlicher Existenz gedeutet. Dieses Pathos der Eigentlichkeit prägte vor allem die westdeutsche Rezeption. In der DDR stempelte die parteikonforme Kunstkritik Barlach zunächst als Reaktionär ab, bevor er dann als Pazifist, Russland-Freund und Darsteller der Armen und Unterdrückten politisch eingemeindet und zum Vertreter einer fortschrittlichen Kunst erklärt wurde.

          Beide Arten der Rezeption haben eine Glocke über Barlachs Arbeiten gestülpt. Sie im Jahr seines hundertfünfzigsten Geburtstages zu lüften, dem Werk frische Luft zuzuführen und neue Funken daraus zu schlagen ist das erklärte Ziel der Ausstellung „Werden, das ist die Losung!“ im Hamburger Ernst-Barlach-Haus. Die funktionalistische Eleganz des weißen Flachdachbaus aus den frühen sechziger Jahren bildet den denkbar größten Kontrast zum Werk seines Namensgebers.

          Aber gerade darum bringen die hellen, nüchternen Räume die Expressivität der Exponate gut zur Geltung. Der Titel der Ausstellung stammt aus Barlachs Drama „Der blaue Boll“ und verweist auf einen besonderen Aspekt der Schau: Sie rückt auch das dramatische Werk Barlachs in den Blick und beleuchtet dessen Wechselspiel mit den plastischen und grafischen Arbeiten. Ihr Versprechen eines neuen Blicks auf Barlachs Werk löst die Ausstellung ein. Das ist nicht zuletzt den zwölf Kunstgeschichtsstudenten zu verdanken, die die Ausstellung unter der Ägide des Museumsleiters Karsten Müller und der Kunsthistorikerin Petra Lange-Berndt von der Universität Hamburg kuratiert haben.

          Seine Neigung zum Puppentheater zeigt Barlach auf mit „Der Puppenspieler“ (1922).
          Seine Neigung zum Puppentheater zeigt Barlach auf mit „Der Puppenspieler“ (1922). : Bild: Andreas Weiss

          Den Theaterautor Barlach lernt der Besucher durch Szenenfotos, BühnenbildiIllustrationen, Werbeplakate, Kritiken und die Buchausgaben seiner acht Dramen kennen. In der heutigen Theaterlandschaft führen Barlachs Stücke eine Randexistenz, aber in der Weimarer Republik waren sie auf den Bühnen sehr präsent. Die Hauptrolle in der Berliner Inszenierung des „Blauen Boll“ spielte kein Geringerer als Heinrich George unter der Regie von Jürgen Fehling. Die legendenhaften, zwischen Phantastik und Realismus changierenden Bühnenhandlungen – nicht selten mit Brutalität und makabrem Humor gespickt – erzeugten bei Kritik und Publikum allerdings ein geteiltes Echo. Alfred Döblin attestierte dem Dichterkollegen wegen des dunklen Mystizismus seiner Stücke „schwerste seelische Verstopfung“.

          Ernst Barlach in seinem Atelier im Jahr 1935.
          Ernst Barlach in seinem Atelier im Jahr 1935. : Bild: Andreas Weiss

          Wie eng Barlachs theatralische Welt mit seinem grafischen Werk verwoben ist, zeigt ein Raum mit Holzschnitten und Lithographien zu seinen Dramen. Was sich hier entfaltet, ist ein Panorama grotesker Figuren und Szenen, eine Mischung aus Mysterienspiel und Horrortheater im Stil des Grand Guignol. Vorlagen für die Theaterarbeit sah Barlach in diesen Illustrationen jedoch nicht. Versuche, sie auf der Bühne umzusetzen, missbilligte er, wie ihn ohnehin kaum eine Inszenierung zufriedenstellte. Was die Dramenillustrationen anschaulich machen, ist Barlachs Neigung zum Puppentheater, die die Ausstellung durch einen besonderen Akzent hervorhebt: An der Stelle im Haus, wo sonst die Skulpturen aus Barlachs „Fries der Lauschenden“ stehen, blicken dem Besucher jetzt bunte Kasperle-Puppen aus dem Lübecker Figurentheater entgegen.

          Weitere Themen

          Mein Avatar und ich

          Sci-Fi im Ersten: „Exit“ : Mein Avatar und ich

          Das kleine deutsche Startup „Infinytalk“ verspricht ewiges digitales Leben in der Cloud. Das ruft einen chinesischen Investor auf den Plan. Und es beginnt Science-Fiction, wie sie die ARD selten hat: „Exit“, ein Thriller.

          Wie gut kennen Sie die deutschen Kandidaten? Video-Seite öffnen

          Quiz zur Kulturhauptstadt 2025 : Wie gut kennen Sie die deutschen Kandidaten?

          Heute entscheidet sich, welche deutsche Stadt europäische Kulturhauptstadt 2025 wird. Zur Wahl stehen Chemnitz, Hannover, Hildesheim, Magdeburg und Nürnberg. Sagt Ihnen nichts? Oder haben Sie die alle schon bereist? Hier können Sie Ihr Wissen testen!

          Ganz ausweglos zu Hause

          Tschaikowsky in Wien : Ganz ausweglos zu Hause

          Wie viel Ingmar Bergman steckt in Peter Tschaikowsky? Dmitri Tschernjakows Inszenierung von „Jewgeni Onegin“ ist eine Meisterleistung.

          Topmeldungen

          Bundeskanzlerin Merkel mit Berlins Bürgermeister Müller (links) und Bayerns Ministerpräsident Söder (rechts) vor der Pressekonferenz

          Neue Corona-Regeln ab Montag : Merkel verkündet „nationale Kraftanstrengung“

          Merkel und die Ministerpräsidenten haben sich verständigt: Im November wird das Land in eine Art „Lockdown light“ versetzt. Restaurants werden geschlossen, Veranstaltungen und private Hotelübernachtungen verboten, Kontakte beschränkt. Alle stünden hinter dieser Entscheidung, sagt die Kanzlerin.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.