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Banksy-Provokation : Verschwörung gegen Amerika

Der Streetart-Künstler Banksy malt einen Nazi-Offizier in ein Ölgemälde hinein und lässt es versteigern. Die gebotene Summe ist beachtlich. Welche Geschichte steckt hinter diesem Bild?

          Kunstsammler lieben Einzelstücke – je rarer, desto besser. Wenn ein Künstler zu viel produziert, fallen die Preise in den Keller, wohingegen die Verknapper und Verschwinder unter den Gegenwartskünstlern nicht nur die Phantasien des Betriebs beflügeln, sondern auch die Preise ihrer Arbeiten – und der prominenteste Unsichtbare ist zurzeit der Graffitikünstler Banksy. Seit dem 1.Oktober zieht er durch New York und hinterlässt Kunstwerke: eine aus Steinen zusammengestapelte Sphinx im Stadtteil Queens, ein Graffito in der Bronx. Erst hinterher veröffentlicht der Brite, der schon einmal eigene Arbeiten in Museen trug und dort unter die Exponate schummelte, seine dada-anarchischen Aktionen im Internet auf der Website „Better Out Than In“, einer Art Werkverzeichnis seiner New Yorker Auftritte und Aktionen.

          Niklas Maak

          Redakteur im Feuilleton.

          Nicht nur für die Ordnungskräfte im kontrollintensiven New York, die das ungenehmigte Aufstellen von Sphingen und das Bemalen von Mauern überhaupt nicht schätzen, ist Banksys artistisches Treiben eine Herausforderung, sondern auch für die Sammler, die in den allerwenigsten Fällen einen Banksy in die Hände bekommen – eben weil das Ephemere und Unfassbare Teil seines Streetart-Werks ist. Umso hysterischer fällt die Jagd auf alles aus, was nicht von Ordnungskräften weggeschrubbt wird, und ebendiesen Jägern hat Banksy nun ein eigenartiges Geschenk vor die Füße gelegt: Diesmal bemalte er keine Wand, sondern ein ausgemacht banales Landschaftsgemälde mit See und Sonnenuntergang, das er zuvor für fünfzig Dollar in einem Secondhandladen gekauft hatte.

          Nichts für echte Nazis

          In dieses Gemälde malte Banksy nun einen Nazi-Offizier in Caspar-David-Friedrichscher Rückenansicht hinein, der versonnen auf einem Bänkchen sitzt. Danach trug er das derart veränderte Werk in den Laden zurück, der von „Housing Works“ betrieben wird, einer Organisation, die HIV-infizierte und aidskranke Menschen unterstützt: Sie darf das Werk nun versteigern und den Gewinn behalten – und die Gebote der Sammler, die endlich einen Banksy nicht auf Häuser-, sondern auf Leinwand bekommen können, lagen schon kurz nach Bekanntwerden der Aktion über 200000 Dollar; sie kletterten stetig weiter.

          Trotzdem sind nicht alle begeistert von Banksys robinhoodhafter Aktion: Warum gerade ein Nazi? Und: Wer kauft denn da für Hunderttausende ein wertloses, hässliches Landschaftsbild, nur weil ein NS-Offizier hineingemalt wurde? Das waren die notorisch misslaunigen Fragen, die sofort aufkamen. Aber anders als bei den Dienstwagen von Nazi-Größen, die von Edelautohändlern bisweilen an reiche NS-Memorabilia-Fetischisten in den Vereinigten Staaten und Japan verkauft werden, dürfte der leicht vertrottelt-depressiv am Ufer sitzende Banksy-Nazi das rechte Milieu weniger erfreuen.

          Natur ist kein neutraler Fluchtpunkt

          Das Werk verulkt eher die Liebe Hitlers zum konventionellen Landschaftsbild, und wer hier Dramatischeres erkennen will, muss sich vergegenwärtigen, dass das Ölgemälde wahrscheinlich von einem amerikanischen Maler angefertigt wurde und eine amerikanische Landschaft zeigen könnte: Dann wäre das Auftauchen eines NS-Offiziers am See ein Schreckensszenario, das dem in Philip Roths Roman „Verschwörung gegen Amerika“ ähnelt – die historisch nicht völlig abwegige Vorstellung, was gewesen wäre, wenn Amerika an der Seite Hitlers in den Krieg gezogen wäre.

          Kunsthistorisch lässt sich von Banksys Bild eine Linie zu den „Besetzungen“ Anselm Kiefers ziehen, der sich als junger Künstler in europäischen Landschaften mit erhobenem Arm fotografieren ließ und so daran erinnerte, dass Landschaft eben kein neutraler Flucht- und Besinnungsprospekt ist, sondern kontaminiert mit dem Wissen um das, was in ihr stattfand. Gar nicht so unähnlich ist das bearbeitete Secondhandbild auch – und vor allem ein Werk des ansonsten unfassbaren Banksy im allerklassischsten Kunstformat auf Leinwand. Heute bei Redaktionsschluss stand das Gebot bei 310400 Dollar.

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