https://www.faz.net/-gqz-9e01m

Balthus-Ausstellung bei Basel : Sie alle waren Puppen seiner Phantasie

Das Häusermeer ein Käfig, die Stadt ein Verlies: In einer Ausstellung der Fondation Beyeler bei Basel wird die eingesperrte Ideenwelt des Malers Balthus sichtbar – inklusive Moraldebatte um sein bevorzugtes Sujet.

          4 Min.

          Die Straße liegt erkennbar in einer Großstadt. Man sieht Laternen, Trottoirs, ein Bistro. Aber die Menge, die das Viertel bevölkert, ist in der Bewegung erstarrt. Ein Arbeiter mit einem Brett, das sein Gesicht verdeckt, hält auf der Fahrbahn inne. Ein Kind mit Mütze und Schläger blickt auf seinen Ball, als sähe es ein Tier. Eine Frau trägt einen Jungen mit dem Gesicht von Stan Laurel. Ein anderer Junge hält mit einer Hand ein Mädchen fest und greift ihm mit der anderen an den Rock. Ein Küchenjunge, steif wie eine Schachfigur, steht vor einer Ladentür. Ein Knabe im Anzug und eine schwarze Frauengestalt schweben aufeinander zu. Im Hintergrund, unscharf, prangt an einer Hauswand ein Heiligenbild.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Bei Balthus tritt man aus der Moderne aus, ohne sie zu verlassen. Das Altmeisterliche, das seiner Kunst immer wieder nachgesagt wird, die an den klassischen Malern geschulte Form, ist schon in der „Straße“ von 1933 mehr Firnis als Essenz. Der Pinselstrich ist flächig, die Posen der Passanten stammen, wie ihre Gesichter, aus Kinderbüchern und Katalogen. Meisterlich aber ist die Art, wie Balthus sie arrangiert. Seine Figuren sind so im Raum verteilt, dass größtmögliche Nähe und unendliche Ferne verschmelzen. Sie bilden ein Ballett der Beziehungslosigkeit. Das Häusermeer ist ein Käfig, die Stadt ein Verlies.

          Mit der Arroganz des Autodidakten

          In der Ausstellung der Fondation Beyeler in Riehen bei Basel kann man die eingesperrte Phantasie des Malers Balthasar Klossowski, genannt Balthus, über siebzig Jahre bei der Arbeit betrachten. Balthus, der nie eine Kunstschule besuchte, hatte sein Handwerk beim Kopieren von Masaccio und Piero della Francesca gelernt. Mit der Arroganz des Autodidakten setzte er sich über die arrivierten Malstile hinweg, den Surrealismus, die Sachlichkeit, die Pittura metafisica, und schmiedete aus ihnen ein neues Vokabular. Die Surrealisten spielten mit Symbolen, Balthus aber meinte es mit der Kombination aus Quattrocento und Kinderbuch furchtbar ernst. „Hilfe! Zu Hilfe! Alle sind nur mehr Puppen! Tote!“ Die Briefstelle von 1934 könnte ein passender Untertitel für „Die Straße“ sein. Bis ins Spätwerk hinein wird die Kunst von Balthus von der Angst angetrieben, von Toten und Puppen umgeben zu sein. Er bannt sie, indem er sie malt.

          Aber nicht darum dreht sich die Moraldebatte, die Balthus’ Bilder seit Jahrzehnten begleitet. Es geht um sein bevorzugtes Sujet. Balthus hat mit Hingabe halbwüchsige Mädchen gemalt, die er auf Sesseln, Stühlen, Sofas und Teppichen drapierte. Es ist, als hätte er die Mädchenfigur aus der „Straße“ ausgeschnitten und in die Horizontale gedreht. In „Thérèse“ von 1938 trägt das Modell die gleiche rote Jacke zum grünen Rock wie auf dem älteren Bild. „Thérèse, träumend“, im gleichen Jahr entstanden, zeigt das Mädchen schlafend im roten Rock mit geöffneten Schenkeln. Das erste Bild zeigt den Blick von Thérèse, das zweite gibt sie unseren Blicken preis. Die Szene ist mit kalter Raffinesse komponiert: Ober- und Unterschenkel des Mädchens bilden mit der Korbliege ein Dreieck, das auf die Symmetrie seiner im Schlaf gekreuzten Arme antwortet. Links schimmern zwei Glasvasen auf einem Tisch, rechts frisst eine Katze gierig einen Teller leer. Als „König der Katzen“ hat sich Balthus drei Jahre zuvor selbst porträtiert.

          Das Gemälde, das aus dem New Yorker Metropolitan Museum nach Basel gereist ist, löste im letzten Herbst eine Petition aus, die seine Abhängung forderte. Elftausend Besucher unterschrieben. Die Kunstwelt verteidigte „Thérèse, träumend“ in gewohnter Einmütigkeit. Auch der späte Balthus hat, unterstützt von seinen Modellen, immer die Lauterkeit und Strenge seines Tuns betont. Aber der Maler der dreißiger Jahre hätte den Skandal womöglich genossen.

          Die Sittenwächter tobten

          Er wolle „den Erotismus als Bohrer“ handhaben, um „die Marionetten“ auf den Straßen in Aufruhr zu versetzen, schrieb Balthus damals an Antonin Artaud, der in ihm das malerische Pendant seines Theaters der Grausamkeit begrüßte. In der Originalversion der „Straße“, die Balthus auf Wunsch des Käufers 1955 änderte, griff der Junge am Bildrand dem Mädchen zwischen die Beine. Die „Leçon de guitare“ mit ihrer obszönen Pietà-Parodie malte er eigens für seine erste Einzelausstellung in Paris. Der Trick funktionierte, die Sittenwächter tobten, ein Feuilletonist nannte Balthus einen „Freud der Malerei“. Das war damals noch ein Schimpfwort.

          Die Tragödie des Anti-Avantgardisten Balthus besteht darin, dass seine Provokation, wie die seiner Gegner, auf Dauer zur Pose erstarrt. Auch darin ist er zutiefst modern. In Basel, wo jede Etappe seines Schaffens an Beispielen dokumentiert wird, spürt man, wie beim Gang durch die Räume die Spannung in den Bildern nachlässt. Das biographische Scharnier dieser Entwicklung sind die Nachkriegsjahre in Paris und Chassy, in denen Balthus, von seiner Familie getrennt, mit einigen seiner Modelle zusammenlebt. In den Aktdarstellungen, die er von ihnen malt, hadert sein Kunstwollen mit der Wirklichkeit. Er setzt erwachsene Gesichter auf pubertierende Körper. Er verpuppt seine Frauen, macht sie zu Marionetten seines Blicks. In „La chambre“ und „La victime“, zwei Bildern, die in Basel nicht zu sehen sind, dekoriert er sie zu Opfern namenloser Verbrechen.

          Es ist die Zeit, in der Balthus reich und berühmt wird. Der Kunstmarkt, der sein virtuoses Frühwerk lange Zeit unterschätzt hat, reißt ihm dessen Nachbilder aus der Hand. Der Maler, der sich selbst zum Grafen Klossowski de Rola erhebt, wohnt jetzt in Schlössern, wird von André Malraux zum Leiter der Villa Medici in Rom berufen und von Fellini, Guttuso und Jacques Lacan hofiert. Auf einer diplomatischen Mission in Japan lernt er seine zweite, fünfunddreißig Jahre jüngere Frau Setsuko kennen, die er 1965 in „La chambre turque“ als Odaliske mit Handspiegel vor einer Wand aus Iznik-Kacheln porträtiert, mädchenhaft, makellos, zeitlos, ein Körper als atmendes Ornament. Sie wird die Gefährtin seines Alters.

          Zuvor aber, noch in den fünfziger Jahren, zwischen der traumhaft leuchtenden „Kartenpartie“ aus Madrid und der cézannehaften „Großen Landschaft mit Baum“ aus dem Centre Pompidou, malt Balthus den zweiten seiner großen Straßeninnenräume, die „Passage du Commerce Saint-André“. Die Figuren, die in der „Straße“ mechanisch aufeinander zustrebten, sind jetzt voneinander abgewandt. Rechts kauert ein Mann auf dem Trottoir, links tritt eine Gestalt aus einem Hauseingang. Zu ihren Füßen sitzt ein Kind und spricht mit seiner Puppe. Ein Mädchen, das Kinn in eine Hand gestützt, schaut nach vorn aus dem Bild. Die Mitte der Straße ist leer, nur ein Hund schnuppert auf dem Pflaster herum. Der Mann, der mit einem Baguette in der Hand auf das Haus im Hintergrund zugeht, könnte mit der alten Frau am Krückstock zusammenstoßen, die, von links kommend, seinen Weg kreuzt. Aber das wird nie geschehen, denn das Bild hat nicht nur den Moment fixiert, den es zeigt, sondern auch alle Augenblicke, die ihm folgen. Es hat die Passage zur Ewigkeit gedehnt.

          Der Mann mit dem Baguette gilt als Selbstporträt. So, abgewandt von seiner Gegenwart und Nachwelt, wollte Balthus gesehen werden. Doch den Gefallen können wir ihm nicht tun. Dafür ist seine Kunst zu groß.

          Balthus. Fondation Beyeler, Riehen bei Basel; bis zum 1. Januar 2019. Der Katalog kostet 58 Euro.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Ein Gewehr des Waffenherstellers Haenel auf einer Fachmesse für Jagd, Schießsport, Outdoor und Sicherheit im Jahr 2019.

          Nachfolger des G36 : Ein Sturmgewehr namens „Sultan“

          Ein sehr kleiner Waffenfabrikant aus Thüringen soll die neue Standardwaffe der Bundeswehr bauen. Wie konnte ein Zwerg, der sich mit seiner frisierten NS-Vergangenheit brüstet, den Branchen-Goliath schlagen? Und wer sind die wahren Entwickler des Gewehrs?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.