https://www.faz.net/-gqz-9e01m

Balthus-Ausstellung bei Basel : Sie alle waren Puppen seiner Phantasie

Auf Dauer erstarrt seine Provokation zur Pose: „Die Straße“, Balthus’ Hauptwerk von 1933 Bild: Balthus

Das Häusermeer ein Käfig, die Stadt ein Verlies: In einer Ausstellung der Fondation Beyeler bei Basel wird die eingesperrte Ideenwelt des Malers Balthus sichtbar – inklusive Moraldebatte um sein bevorzugtes Sujet.

          Die Straße liegt erkennbar in einer Großstadt. Man sieht Laternen, Trottoirs, ein Bistro. Aber die Menge, die das Viertel bevölkert, ist in der Bewegung erstarrt. Ein Arbeiter mit einem Brett, das sein Gesicht verdeckt, hält auf der Fahrbahn inne. Ein Kind mit Mütze und Schläger blickt auf seinen Ball, als sähe es ein Tier. Eine Frau trägt einen Jungen mit dem Gesicht von Stan Laurel. Ein anderer Junge hält mit einer Hand ein Mädchen fest und greift ihm mit der anderen an den Rock. Ein Küchenjunge, steif wie eine Schachfigur, steht vor einer Ladentür. Ein Knabe im Anzug und eine schwarze Frauengestalt schweben aufeinander zu. Im Hintergrund, unscharf, prangt an einer Hauswand ein Heiligenbild.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Bei Balthus tritt man aus der Moderne aus, ohne sie zu verlassen. Das Altmeisterliche, das seiner Kunst immer wieder nachgesagt wird, die an den klassischen Malern geschulte Form, ist schon in der „Straße“ von 1933 mehr Firnis als Essenz. Der Pinselstrich ist flächig, die Posen der Passanten stammen, wie ihre Gesichter, aus Kinderbüchern und Katalogen. Meisterlich aber ist die Art, wie Balthus sie arrangiert. Seine Figuren sind so im Raum verteilt, dass größtmögliche Nähe und unendliche Ferne verschmelzen. Sie bilden ein Ballett der Beziehungslosigkeit. Das Häusermeer ist ein Käfig, die Stadt ein Verlies.

          Mit der Arroganz des Autodidakten

          In der Ausstellung der Fondation Beyeler in Riehen bei Basel kann man die eingesperrte Phantasie des Malers Balthasar Klossowski, genannt Balthus, über siebzig Jahre bei der Arbeit betrachten. Balthus, der nie eine Kunstschule besuchte, hatte sein Handwerk beim Kopieren von Masaccio und Piero della Francesca gelernt. Mit der Arroganz des Autodidakten setzte er sich über die arrivierten Malstile hinweg, den Surrealismus, die Sachlichkeit, die Pittura metafisica, und schmiedete aus ihnen ein neues Vokabular. Die Surrealisten spielten mit Symbolen, Balthus aber meinte es mit der Kombination aus Quattrocento und Kinderbuch furchtbar ernst. „Hilfe! Zu Hilfe! Alle sind nur mehr Puppen! Tote!“ Die Briefstelle von 1934 könnte ein passender Untertitel für „Die Straße“ sein. Bis ins Spätwerk hinein wird die Kunst von Balthus von der Angst angetrieben, von Toten und Puppen umgeben zu sein. Er bannt sie, indem er sie malt.

          Der Stein des Anstoßes: Gegen „Thérèse, träumend“ (1938) gab es im vergangenen Jahr eine Online-Petition Bilderstrecke

          Aber nicht darum dreht sich die Moraldebatte, die Balthus’ Bilder seit Jahrzehnten begleitet. Es geht um sein bevorzugtes Sujet. Balthus hat mit Hingabe halbwüchsige Mädchen gemalt, die er auf Sesseln, Stühlen, Sofas und Teppichen drapierte. Es ist, als hätte er die Mädchenfigur aus der „Straße“ ausgeschnitten und in die Horizontale gedreht. In „Thérèse“ von 1938 trägt das Modell die gleiche rote Jacke zum grünen Rock wie auf dem älteren Bild. „Thérèse, träumend“, im gleichen Jahr entstanden, zeigt das Mädchen schlafend im roten Rock mit geöffneten Schenkeln. Das erste Bild zeigt den Blick von Thérèse, das zweite gibt sie unseren Blicken preis. Die Szene ist mit kalter Raffinesse komponiert: Ober- und Unterschenkel des Mädchens bilden mit der Korbliege ein Dreieck, das auf die Symmetrie seiner im Schlaf gekreuzten Arme antwortet. Links schimmern zwei Glasvasen auf einem Tisch, rechts frisst eine Katze gierig einen Teller leer. Als „König der Katzen“ hat sich Balthus drei Jahre zuvor selbst porträtiert.

          Das Gemälde, das aus dem New Yorker Metropolitan Museum nach Basel gereist ist, löste im letzten Herbst eine Petition aus, die seine Abhängung forderte. Elftausend Besucher unterschrieben. Die Kunstwelt verteidigte „Thérèse, träumend“ in gewohnter Einmütigkeit. Auch der späte Balthus hat, unterstützt von seinen Modellen, immer die Lauterkeit und Strenge seines Tuns betont. Aber der Maler der dreißiger Jahre hätte den Skandal womöglich genossen.

          Weitere Themen

          Filmpremiere von autobiografischem Erfolgsroman Video-Seite öffnen

          Hape ist zurück : Filmpremiere von autobiografischem Erfolgsroman

          Im Film schlüpft Julius Weckauf in die Rolle des neunjährigen Hape Kerkeling. Der zehn Jahre alte Weckauf bekam die Rolle nachdem er sich laut Pressemitteilung der Produzenten „mit großer Spielfreude und mit seinem komödiantischen Talent“ in einem bundesweit angelegten Casting durchsetzte.

           Transformers wird gerettet Video-Seite öffnen

          Filmkritik „Bumblebee“ : Transformers wird gerettet

          Wer bisher kein Fan von den Transformers-Filmen war, sollte sich „Bumblebee“ auf keinen Fall entgehen lassen: Wie Charlie Watson, gespielt von Heilee Steinfeld, zusammen mit dem gelben Metallkäfer die Filmreihe rettet, erklärt Dietmar Dath.

          Topmeldungen

          Neuer Datenmissbrauch : Facebook ist von innen faul

          Fast jede Woche kommen neue Belege für ein ruchloses Verhalten von Facebook ans Licht. Jetzt wird bekannt, dass der Konzern munter Daten mit mehr als 150 Unternehmen geteilt hat – ohne Einverständnis seiner Nutzer. Apple zeigt, wie es besser geht. Ein Kommentar.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.