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Baccio Bandinelli im Louvre : Ehrgeizig, geltungssüchtig, geldgierig

  • -Aktualisiert am

Man hat sich daran gewöhnt, Baccio Bandinelli als ewig Zweiten abzutun, als ehrgeizigen, geltungssüchtigen und geldgierigen Künstler im Schatten Michelangelos. Jetzt ehrt das Louvre in Paris den Vielgescholtenen.

          Im Rauschen um den großen Michelangelo vernimmt man immer deutlicher neue Klänge. Eine ganze Symphonie wird derzeit im ersten Geschoss der Aile Denon des Louvre gleich über den beiden Sklaven des Divino aufgeführt - mit vielen unbekannten Melodien. Die Ausstellung „Baccio Bandinelli 1493-1560. Dessins et sculptures du Louvre“ ehrt den vielgescholtenen Konkurrenten Michelangelos, der bereits zu Lebzeiten im Schatten seines Ruhmes stand. Nach Bandinellis Tod sorgten seine Erzrivalen Giorgio Vasari und Benvenuto Cellini mit literarischen Vermächtnissen für ein Negativbild des Bildhauers, das in der Kunstgeschichte seinesgleichen sucht. Man hat sich daran gewöhnt, Bandinelli als ewig Zweiten abzutun und verwehrt ihm jede Sympathie, weil er so ehrgeizig, geltungssüchtig und geldgierig war. In Paris bietet sich nun Gelegenheit zu einer kritischen Revision dieser Vorurteile, die häufig den Blick auf seine Kunst versperrten.

          Nach einer Ausstellung von Zeichnungen Bandinellis aus britischem Besitz in Cambridge 1988 ist dies die zweite Bandinelli-Schau überhaupt. Von den über vierhundert in alle Welt verstreuten Zeichnungen des Florentiners befinden sich in Paris rund hundert. Den Besucher erwartet keine große Retrospektive, sondern eine auf zwei Räume verteilte, ausschließlich aus eigenen Beständen rekrutierte Kabinettausstellung. Zu sehen sind vierzig der besten und interessantesten im Cabinet de Dessins bewahrten eigenhändigen oder Bandinelli zugeschriebenen Zeichnungen. Die meisten davon stammen aus der Sammlung des Kölner Kaufmanns und Kunstsammlers Eberhard Jabach, der dem König 1671 jene 5227 Zeichnungen vermachte, die heute den Fundus der Louvre-Zeichnungen bilden.

          Unentwegt brachte er seine Ideen bildhaft zu Papier

          Der Fokus liegt ganz auf dem zeichnerischen Medium, selbst Druckgraphik wurde ausgespart. Enttäuscht wird, wer hier plastische Werke sucht: Neben dem frühen Selbstbildnisrelief begleiten die Blätter nur das um 1600 entstandene Bronzerelief nach einer verlorenen Kreuzabnahme Bandinellis sowie die fragmentierte Figur eines vor wenigen Jahren im Depot des Louvre aufgetauchten Merkur, der für Bandinelli aber keineswegs gesichert ist.

          Die Kunst des Zeichnens beherrschte Bandinelli - darüber waren sich selbst die Zeitgenossen einig - wie kaum ein anderer nach Michelangelo. Selbst Vasari zollte ihm hierfür uneingeschränktes Lob. Vasari, der im Disegno den „Vater“ aller Künste erkannte, war einer der ersten Sammler von Künstlerzeichnungen. Sein „Libro del Disegno“ enthielt mehrere Zeichnungen Bandinellis, eine davon ist in Paris zu sehen. Die Blätter veranschaulichen eindrucksvoll, dass Bandinelli zeichnend dachte, unentwegt brachte er seine Ideen bildhaft zu Papier - rasch im Duktus und groß in der Zahl.

          Das Vorbild Michelangelo ist omnipräsent

          Welche Bedeutung er der Zeichenpraxis zumaß, zeigen zwei in Paris fehlende Stiche seiner privaten Zeichenakademie im vatikanischen Belvedere. Erst 2004 erschien Bandinellis im hohen Alter verfasste theoretische Schrift „Libro del Disegno“. Dort preist er die Zeichenkünste seiner Vorbilder Donatello, Leonardo und Michelangelo und erinnert sich nostalgisch an jene Zeit, wo er im Belvedere zeichnend den Laokoon, den Apoll und antike Flussgötter studierte.

          Die versammelten Blätter geben Einblick in Bandinellis Ideenwelt und die Zeichenpraxis der Zeit. Neben akademischen Studien finden sich Entwürfe, pensieri und schizzi, ebenso wie modelli - elaborierte, teils lavierte Präsentationszeichnungen. Es überwiegen mittlere Formate, davon sind zwei Drittel in Feder und ein Drittel in Rötel oder auch schwarzer Kreide ausgeführt. Bevorzugte Themen sind der Männerakt und Antikenvariationen, biblische Historien und mythologische Figuren sowie immer wieder Porträts. Von Bandinellis Begegnung mit Leonardo in der Werkstatt seines Lehrers Giovanfrancesco Rustici zeugen die Rötelbildnisse von seiner Frau Iacopa Doni, das ausgestellte Blatt stammt aus dem Besitz des Florentiner Kunsttheoretikers Filippo Baldinucci. Leonardos Empfehlung folgend, ließ sich Bandinelli von Donatello inspirieren, dies zeigt eine Reihe von Beweinungen und Grablegungen. Omnipräsent ist das Vorbild Michelangelos: Hinter einer Porträtstudie steht die Lybica von der Sixtinischen Decke, und ohne die Erschaffung Adams ist Bandinellis Bestrafung Kains durch Gottvater nicht denkbar, die als Bronzerelief den Florentiner Domchor schmücken sollte.

          Bleibt die Frage nach der Authentizität mancher Zeichnung

          Besondere Aufmerksamkeit gebührt einigen Entwürfen, die unausgeführt blieben. Eine figurenreiche Schiffsschlacht zeigt etwa das unvollendete Sockelrelief des Monumentes für den Genueser Admiral Andrea Doria. Neben Studien für Bandinellis Hauptwerk, den Hercules auf der Piazza della Signoria, findet sich der Modello für einen Hercules mit Löwenfell, dessen subtiles Helldunkel die Hand des Bildhauers verrät. Der Florentiner Tugendheld, mit dem Bandinelli sich identifizierte, ist Sinnbild eines lebenslangen Wettstreits mit den Werken der Antike auf der einen und Michelangelo auf der anderen Seite. Die Spannung, die aus Bandinellis künstlerischem Ehrgeiz und den Ansprüchen seiner prominenten Auftraggeber erwuchs, setzte hier eine geradezu sprühende Kreativität frei.

          Der kleine Katalog bildet alle Zeichnungen ganzseitig in Farbe ab, Einträge zu den drei Skulpturen aber fehlen. Nach Besuch und Textlektüre bleibt die Frage nach der Authentizität mancher Zeichnung - einige der ausgestellten Blätter sind eher Schülern wie Vincenzo de' Rossi oder Zeitgenossen wie Francesco Salviati zuzuweisen. Eine stringente Gruppierung nach Kriterien wie Ikonographie, Funktion, Datierung oder Zuschreibung hätte hier das Bild des Florentiner Künstlers noch verfeinern können, der in Paris seine Renaissance erfährt.

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