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Azteken in Stuttgart : Der Tribut war nicht nur Blut

Auch für die Azteken war alles voller Götter – hier Chalchiuhtlicue, Gemahlin des Regengottes und zuständig für alles Süßwasser. Bild: © D.R. Archivo Digital de las Colecciones del Museo Nacional de Antropología, Secretaría de Cultura

Ziemlich rätselhaft, dann wieder eigentümlich vertraut: Eine umfassende Ausstellung im Stuttgarter Linden-Museum holt die Azteken endlich aus der Opferecke.

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          Mictlantecuhtli, dem Herrn der Unterwelt, nähert man sich nur vorsichtig. Das erste Mal sieht man ihn aus der Ferne – und etwas von oben. Dann steigt man hinab in sein Reich und erreicht damit das Finale der großen Landesausstellung „Azteken“, die gestern im Stuttgarter Linden-Museum eröffnet wurde. Mannshoch gebietet der tönerne Gott mit fleischlosem Grinsen über den Raum, Leber und Gallenblase aus dem Brustkorb baumelnd. Ihm gegenüber eine nicht minder unheimliche Gestalt: Quetzalcoatl in seiner Eigenschaft als Herr der Dämmerung, vollendet aus grünem Stein gehauen mit eingesetztem korallenroten Mund, und gleich dahinter noch einmal als geschnabelter Windgott mit dem Leib eines Wirbelsturms. Vorher kam man bereits an Xipe Totec vorbei, der sich die abgezogene Haut eines Menschen übergestreift hat, an Opfermessern mit Gesichtern und gelangt schließlich auch zu zwei Totenschädeln. Einer ist zu einer Maske umgearbeitet, dem anderen klaffen an den Schläfen große Löcher. Damit war er zusammen mit den entfleischten Köpfen Hunderter anderer geopferter Menschen auf einem Querbalken aufgefädelt, an dem gigantischen Schädelgestell gegenüber dem großen Tempel der aztekischen Hauptstadt Tenochtitlan.

          Ulf von Rauchhaupt

          Verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Besuchte man einzig diesen vorletzten Saal der Ausstellung, man bliebe vielleicht genau so verstört, wie man sich das von Azteken möglicherweise erwartet hatte. Denn so stellt man sie sich doch vor: Als Kultur mit etwas morbiden Neigungen, von der sonst nur wichtig sei, dass sie Opfer goldgieriger Conquistadoren unter Hernán Cortés wurde, die ihnen im Sommer 1521 den jähen Untergang bereiteten. Doch das ist genau nicht, oder nur zum kleinsten Teil, das Aztekenbild, mit dem man das Haus am Stuttgarter Hegelplatz wieder verlässt. Denn vor der ersten Begegnung mit Miclantecuhtli hat der Besucher bereits eine Welt durchschritten und ein ganzes Imperium mit manchmal äußerst rätselhaften, dann aber auch wieder eigentümlich vertrauten Zügen kennengelernt: eine Zivilisation, eine Gesellschaft, ein Wirtschaftssystem.

          Die Zivilisation der Azteken war der europäischen metallurgisch und transporttechnisch unterlegen, in manch anderem aber – dem Schulwesen etwa oder der Hygiene – war sie ihr deutlich voraus. Die Gesellschaft wiederum, deren Alltag und religiösen Kosmos die Ausstellung durch eine geschickte Kombination aus Objekten und Abbildungen aus Bilderhandschriften erklärt, war mindestens so komplex und stratifiziert wie die der spanischen Eroberer. Es gab eine Oberschicht mit zuweilen ausuferndem Luxusbedürfnis, wobei Gold nur eine untergeordnete Rolle spielte. Jade, bunte Federn und die leider fast überhaupt nicht erhaltenen Baumwolltextilien waren weitaus wichtiger. Von aztekischen Federarbeiten wiederum sind heute weltweit nur eine Handvoll erhalten.

          Gott der Dämmerung: Der Stuttgarter Posterboy ist knapp 23 Zentimeter hoch.

          Zwei davon, prachtvoll gemusterte Schilde, werden in Stuttgart aufbewahrt und sind – zusammen mit dem grünsteinernen Dämmerungs-Quetzalcoatl – der eigentliche Grund für die Ausstellung. „Wir wollten diese Objekte endlich einmal in ihrem Kontext zeigen“, sagt Inés de Castro, die Direktorin des Linden-Museums. Dass die Schau nun im fünfhundertsten Jahr der folgenreichen Landung des Cortés im aztekischen Machtbereich eröffnet wird, spielt inhaltlich keine Rolle. „Cortés war hier absolut sekundär“, erklärt Doris Kurella, Kuratorin am Linden-Museum und maßgeblich für das Ausstellungskonzept verantwortlich. Die Spanier sind hier vor allem als historische Quellen wichtig. Einziges Ausstellungsobjekt mit direktem Conquista-Kontext ist ein zwei Kilo schwerer Goldbarren. Wahrscheinlich besteht er aus eingeschmolzenen aztekischen Kunstgegenständen und wurde verloren, als die Spanier 1520 nach der Geiselnahme und Tod des Aztekenherrschers Moctezuma II. unter schweren Verlusten aus Tenochtitlan fliehen mussten.

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