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„Down to Earth“ im Gropius-Bau : Erdung hilft hier auch nicht weiter

Diskursiv und garantiert klimakritisch: Das Projekt „Down to Earth“ im Berliner Gropius-Bau nimmt sein Thema wörtlich, überlässt aber den Besucher ganz sich selbst.

          3 Min.

          In dieser Ausstellung ist alles klimafreundlich. Die Materialien sind recycelt, das Booklet wurde mit umweltfreundlicher Tinte aus Algen gedruckt, alle Ausstellungsräume kommen ohne Lautsprecher, Strom und energiefressende Medien aus, sie arbeiten allein mit Tageslicht, Hitze und ganz analog, die beteiligten Künstler haben auf Flugreisen verzichtet, und wo doch Strom benötigt wird, kommt er garantiert aus Solarenergie.

          Hannah Bethke

          Feuilletonkorrespondentin in Berlin.

          „Down to Earth“ ist gerade das Motto einer von Thomas Oberender initiierten Ausstellung im Berliner Gropius-Bau, die von ihm, Julia Badaljan, Anja Predeick, Tino Sehgal und Jeroen Versteele kuratiert wurde. Sie zeigt nicht nur Ausstellungsobjekte, sondern macht das Museum selbst zum Gegenstand der ökologischen Reflexion. Eingerahmt von einem Veranstaltungsprogramm, in dem performative Akte, improvisierte Musik, Vorträge und Diskussionen über Umweltschutz und Klimawandel zu erleben sind, will die Ausstellung laut Begleitband „die Grenze zwischen Natur und Kultur“ für eine kurze Zeit „porös“ machen.

          Das ist gut zu wissen, denn hätte man keine Kenntnis von dieser Selbstbeschreibung, wäre man als Besucher recht verloren. Die spärlichen Informationstafeln helfen kaum weiter, wenn man verstehen will, was uns die Künstler eigentlich genau sagen wollen. In einem Raum ist eine riesige Pfütze auf dem Boden. Es handelt sich dabei um die „Berliner Pfütze“ aus Neukölln von Kirsten Pieroth, wie im Booklet zu erfahren ist. An den Wänden hängen große Fotografien von Andreas Gursky, die den Ozean abbilden. Sollen die Besucher jetzt über das Verhältnis zwischen Pfütze und Meer nachdenken? Wasser ist Leben, mit dieser tiefen Erkenntnis ziehen wir weiter.

          Alles bleibt der Natur überlassen

          Auf einem Tisch sind in einer Arbeit von Filipa César und Louis Henderson ozeanische Diagramme und sehr viele Linsen aus Glas ausgebreitet. Weil alles bewusst der Natur überlassen ist, kann man die Glasobjekte kaum anschauen, wenn die Sonne scheint, weil sie das Licht so stark reflektieren, dass es in den Augen blendet. Inwieweit dies zur ökologischen Aufklärung beiträgt, wenn das überhaupt die Absicht ist, bleibt der Interpretation des Betrachters überlassen – sofern er eine Sonnenbrille dabei hat. Im selben Raum befinden sich dilettantisch anmutende Collagen von Simryn Gill, die „Abbildungen aus dem Bereich der Kultur und Natur“ verbinden sollen.

          Eine Leseecke lädt zur Lektüre und Diskussion des Soziologen Bruno Latour ein, der im Rahmen der Ausstellung noch zu Gast sein wird. Wer aber gar nicht weiß, worum es in seinem „Terrestrischen Manifest“ über die Folgen des Klimawandels geht, wird damit kaum etwas anfangen können. Anstatt dass die Ausstellung informiert, legt sie nur einige Bücher von Latour und ein klein gedrucktes Interview aus. Aber vielleicht soll das die Besucher zur klimakritischen Partizipation anregen? Man weiß es nicht.

          Ein kleines Orchester aus vier oder fünf Leuten verteilt sich in einem anderen Raum und improvisiert Töne, die sphärisch klingen, darüber hinaus aber nicht viel aussagen. Eine Art Impro-Theater ist in einem anderen Raum zu erleben. Eine Frau fragt, worüber die Akteure eigentlich reden. Irgendwie geht es um Institutionen von heute und früher – oder so ähnlich. Verständlich ist das nicht. Ein zersägter Porsche von Yngve Holens mag uns an die zerstörerische Kraft der Autos erinnern. Der Höhepunkt des Besuchs ist aber der Ausstellungsraum von Asad Raza, der auf dem ganzen Boden dunkelbraune Erde aus Brandenburg ausgebreitet hat – kein Ressourcenabbau natürlich, sondern alte Erde, die „durch Alltagseinflüsse“ unbrauchbar geworden sei. Wer die weiteren Ausstellungsräume ansehen möchte, muss durch diese Erde laufen, um, so darf man vermuten, auch sensorisch vollends „Down to Earth“ zu kommen.

          Wer offene Schuhe trägt – die meisten wohl –, ist danach im wahrsten Sinne des Wortes geerdet. Füße und Schuhe jedenfalls sind nach dem Gang durch diesen Ausstellungsraum braun. „Down to Earth“ klingt gut. Wer wollte nicht zurück zur Erde in Zeiten des sich zuspitzenden Klimawandels? Doch die Ausstellung zeigt, dass gute Absicht allein nicht immer ausreicht – Kenner der Materie und diskursorientierte Anhänger performativer Kunst mögen hier auf ihre Kosten kommen. Alle anderen können über den Sinn dieser Veranstaltung nur rätseln.

          Down to Earth. Klima Kunst Diskurs unplugged. Im Martin-Gropius-Bau, Berlin; bis zum 13. September. Kein Katalog.

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