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Ausstellungseröffnung in Peking : Wir sind ein Museum, keine Visa-Abteilung

In Peking eröffnet Guido Westerwelle die Ausstellung „Kunst der Aufklärung“. Dann wird diskutiert, allerdings nicht über politische Fragen. Ein kritischer Einwurf wird gar von den anwesenden deutschen Wirtschaftführern niedergebuht.

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          Lü Zhangshen, der Direktor des Chinesischen Nationalmuseums, ist auch Kalligraph, und so ließ er es sich nicht nehmen, dem deutschen Außenminister für seine Rede mit einer eigenhändig gefertigten Kalligraphie zu danken, die dem Sinn nach sagte: „Möge die Freundschaft zwischen Deutschland und China wie ein immergrüner Baum ewig blühen“. Wie schon bei der Eröffnung der Ausstellung am Tag zuvor trug Lü ein traditionell chinesisches schwarzes Hemd, das ihn inmitten der Krawattenträger ringsum (Frauen waren nicht auf das Podium geladen) einen Hauch altes China verbreiten ließ - passenderweise, wie man sagen muss, denn kaum ein Redner unterließ es, auf die Begeisterung der deutschen Aufklärer für Konfuzius und seinesgleichen hinzuweisen.

          Mark Siemons

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Das war schon der szenische Höhepunkt dieses Samstagmorgens, mit dem das diskursive Begleitprogramm zur deutschen Ausstellung „Die Kunst der Aufklärung“ in Peking begann. Über Westerwelles Rede selbst wurde später dann nicht mehr gesprochen. Das war schade, denn die Rede holte die Aufklärung aus dem fernen Prinzipienhimmel, in dem sie bei vielen Festrednern sonst schwebte, auf die Erde der politischen Realitäten zurück, Deutschlands ebenso wie Chinas.

          Westerwelle erinnerte daran, dass die Formulierungen des Grundgesetzes erst nach dem „dunkelsten Kapitel der deutschen Geschichte“ gefunden wurden, und er griff das Argument der Stabilität auf, mit dem die chinesische Regierung ihre Zensur begründet. Nicht Freiheit, sondern Unterdrückung richte Chaos an, und deshalb könne er sagen: „Menschenrechtschutz richtet sich nicht gegen Staaten, sondern unterstützt ihre Stabilität und Entwicklung“. Er zeigte sich dessen bewusst, dass nach den Erfahrungen mit dem Kolonialismus das Reden von Menschenrechten vielerorts als „Instrument der Bevormundung“ verstanden werde. Doch jedes Land könne seinen Weg zur Aufklärung finden: „Wir stehen nicht am Ende der Geschichte; wir stehen am Beginn der Zukunft.“

          Das Schauspiel eines „Dialogs“

          Bei der anschließenden, von der Essener Stiftung Mercator organisierten Diskussion „Aufklärung im Dialog“ sollte es um die Entstehung der Ausstellung und um unterschiedliche Aufklärungsbegriffe gehen. Aber die Teilnehmer der Runde, links die deutschen, rechts die chinesischen Museumsdirektoren, schienen sich darauf verständigt zu haben, darüber dann doch nicht zu sprechen und lieber ihre Zufriedenheit über den jetzigen Stand der Zusammenarbeit zum Ausdruck zu bringen. Gegen die guten Wünsche, die insbesondere die chinesischen Gesprächspartner für die Zukunft äußerten, war dabei schwerlich etwas einzuwenden. Lü Zhangshen wollte aus dem Chinesischen Nationalmuseum eine „Schule zur Verbreitung von Wissen“ machen, gerade auch über das Ausland. Und Chen Xiejun, der Direktor des Shanghai Museums, meinte, der Idee einer „Aufklärung im Dialog“ komme „entscheidende Bedeutung für das neue Jahrhundert“ zu. Doch das verblieb in einer solchen Allgemeinheit, dass niemand sich näher dazu äußern wollte. Möglicherweise gefährden chinesische Kulturoffizielle ja ihre Kooperationsprojekte, wenn sie zu konkret öffentlich darüber reden. Doch dann fragt sich natürlich, warum man darauf besteht, sie in das Schauspiel eines „Dialogs“ einzubeziehen. Es bleibt die Hoffnung auf die Salons, bei denen im Lauf des kommenden Jahres auch weniger repräsentative Intellektuelle miteinander sprechen werden.

          Ganz am Ende sprengte ein Deutscher aus dem Publikum die einvernehmliche Abstraktion und bat um eine Stellungnahme zu Tilman Spengler, der das Dialogprogramm mit vorbereitet hatte, aber wegen einer Rede auf Liu Xiaobo keine Einreiseerlaubnis bekommen hat. Die chinesische Reaktion („Wir sind keine Visa-Abteilung, wir sind Museumsleute und wollen die Diskussion jetzt beenden“) war erwartbar. Bemerkenswert waren die Buhrufe, die den Fragesteller von Seiten deutscher Wirtschaftsführer erreichten, die um ihn herum saßen.

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