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Ausstellungs-Doppel : Napoleons Frieden, des Kaisers Kriege

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Hier wie dort modernisierte er ohne Rücksicht auf Verluste: Paris widmet sich dem Wirken des französischen Kaisers in seiner Hauptstadt, in Ingolstadt untersucht man seine kurze und heftige Beziehung zu Bayern.

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          Bei den Franzosen firmiert das Jubiläum, das Europa in diesem Jahr feiert, nicht etwa unter der Bezeichnung „Waterloo“, sondern unter „das Ende des Ersten Kaiserreichs“. So ist es jedenfalls in der Schau zu lesen, die das der Stadtgeschichte von Paris gewidmete Musée Carnavalet gerade zeigt und die das Augenmerk nicht nur auf die Spuren lenkt, die Napoleon in Paris hinterlassen hat, sondern zum großen Teil auf jene, die bereits verschwunden sind, sowie auf Pläne, die es über den Status als Skizzen nicht hinaus geschafft haben. Am besten versteht man diese Ausstellung als eine Art Wegweiser – durch eine versunkene und imaginierte Stadt.

          Nicht, dass die Schau nicht auch in ihrem chronologischen Teil interessant wäre. Denn sie konzentriert sich dort auf Napoleons frühe, als prägend verstandenen Erfahrungen in Paris: etwa auf seinen ersten Aufenthalt in der Kaserne auf dem Marsfeld 1784, auf seinen ersten Ausflug ins Rotlichtviertel um das Palais Royal ein paar Jahre später und besonders auf den 20. Juni 1792, an dem der junge Napoleon mitansah, wie die aufständische Bevölkerung in den Tuilerienpalast stürmte, aus dem sie König Ludwig XVI wenig später tatsächlich vertrieb.

          Pragmatische Bemühungen

          „Das Volk verdient es kaum, dass man sich so viel Mühe gibt, um seine Gunst zu gewinnen“, schrieb Napoleon ein paar Tage darauf an seinen Bruder. Wie sich diese Geringschätzung später in handfestes Misstrauen gegenüber dem Volk wandelte, das seinen Ausdruck in einer straff organisierten und zentralisierten Administration fand, ist in der Folge ebenfalls zu sehen: Als Kaiser ließ Napoleon sämtliche Ein- und Ausgänge von Paris genauso durch die Polizei überwachen wie öffentliche Plätze, Zeitungen, Theater und Geschäfte. Täglich ließ er sich ein Bulletin überreichen, das ihn über die öffentliche Meinung informieren sollte. Den Vorsitz im „Conseil d’administration“, in dem alles besprochen wurde, was Paris betraf, hatte er natürlich selbst inne, während seine Innenminister so schnell wechselten, dass keinem von ihnen die Zeit blieb, eine eigene Handschrift zu entwickeln.

          In ihrem zweiten, weitaus interessanteren Teil führt die Schau allerdings vor Augen, auf welche Weise sich Napoleon eben doch um die Gunst der Pariser bemühte: indem er seinen Herrschaftsanspruch nämlich nicht nur durch eine Reihe von prestigeträchtigen Bauten untermauerte. Sondern auch, indem er sich, ganz pragmatisch, um die Infrastruktur verdient machte, also Brunnen anlegte, den Canal de l’Ourcq ausheben und drei neue Brücken über die Seine spannen ließ. Und das alles nicht auf Kosten der Bevölkerung, deren Steuern für die Arbeiten nicht angetastet wurden. Sondern auf Kosten der besiegten europäischen Herrscherhäuser, deren beschlagnahmte Reichtümer auch dafür sorgten, dass die französische Luxusgüterindustrie florierte, wovon etwa mit goldenen Fäden gewirkte Kleider und reich verzierte silberne Becher zeugen.

          Eine Lagerhalle für das „Wasser des Lebens“

          Besonders kurios mutet in diesem Zusammenhang übrigens die „Halle aux vins et à l’eau-de-vie“ an, eine riesige, 1811 fertiggestellte (und 1908 abgerissene) Lagerhalle für die offenbar dringend benötigten alkoholischen Vorräte der Stadt: Das von Étienne Bouhot stammende Gemälde, das den Kaiser beim Besuch der Bauarbeiten zeigt und sich im Besitz des Musée Carnavalet befindet (womit wieder einmal bewiesen wäre, über was für eine feine Sammlung dieses oft unterschätzte Haus verfügt), lag als Aquarell auch dem „Journal des monuments de Paris“ bei, einem Heft mit lauter Stadtansichten, das Napoleon für den russischen Zaren anfertigen ließ. Ein ähnliches Journal, das in Auszügen zu sehen ist, ging übrigens auch an seine zweite Ehefrau Marie-Louise – zur Einstimmung auf ihren künftigen Wohnsitz.

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