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Ausstellungen in Paris : Wettstreit der Romantiker

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Schönheit der romantischen Ära in der Ausstellung Paris romantique: „Femme à mi-corps, couchée sur un divan“ von Joseph-Désiré Court, 1829 Bild: Musée Fabre, Montpellier/Jaulmes

Victor Hugo, Notre-Dame und die Folgen: Zwei Pariser Ausstellungen im Petit Palais beschäftigen sich mit einer Zeit, die ihre Liebe für „ihr“ Retro entdeckte und auch vielfältig auslebte.

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          „Paris“ reimt sich auf „Romantik“ – wenn nicht unter der Feder des Dichters, so zumindest im Geist des großen Publikums. Dabei sind gerade aus der Zeit zwischen dem endgültigen Sturz Napoleons 1815 und der Revolution von 1848 nur noch recht wenige Bauwerke erhalten. Und auch die Spuren, die die Ära in der französischen Kulturgeschichte hinterlassen hat, sind weniger markant – dafür aber vielgestaltiger –, als es zunächst scheinen mag. Chopin, Delacroix und Victor Hugo (vor seinem Exil 1851) sind die Baumriesen, deren Kronen ein in jeder Hinsicht heterogenes, aber gerade in seiner Ungleichmäßigkeit auch faszinierendes Unterholz überwölben.

          Der Petit Palais, das städtische Museum der schönen Künste, das seit seiner Wiedereröffnung 2005 markant an Profil zugelegt hat, unternimmt den heiklen, aber verdienstvollen Versuch, ein Gesamtpanorama der Epoche zu entwerfen. Heikel deswegen, weil das Abdecken so weiter Themenfelder wie Tanz und Theater, Karikatur und Kunstgewerbe, Pianistik und Prostitution oder Mythenbildung und Denkmalschutz zu einem rein aufzählenden Duktus führen könnte. Doch die Ausstellung entgeht dieser Gefahr, indem sie bestimmte Sujets an einzelnen Stadtvierteln oder gar an ausgesuchten Palastbauten festmacht. Der Gang durch die Schau evoziert so eine Flanerie durch das titelgebende „Paris romantique“.

          Abwendung von der Antike und Ästhetik vergangener Epochen

          Ausgangspunkt des Parcours ist der Tuilerien-Palast, seit dem Revolutionsjahr 1789 die offizielle Residenz von Frankreichs Konsuln und dann Kaisern. Unweit des Louvres gelegen, an den ihn kurzzeitig zwei langgestreckte Flügel banden, war dieser Bau 1871 in Brand gesteckt worden. Zwölf Jahre später ließ die junge Dritte Republik seine symbolschwere Ruine abreißen. Während der Restaurationszeit bewohnten ihn drei Könige: die beiden jüngeren Brüder des 1792 guillotinierten Louis XVI, Louis XVIII (1814/15 bis 1824) und Charles X (1824 bis 1830), sowie ihr Cousin Louis-Philippe (1830 bis 1848). Keiner der drei vermochte die widerspenstigen Pariser zu zähmen. Den ersten hießen die herzlosen Hauptstädter ein „fettes Schwein“ (der gichtgeplagte Diabetiker war krankhaft übergewichtig), den zweiten hassten sie wegen seines Klerikalismus, den dritten – eigentlich ein fähiger, vorsichtiger Staatsmann – stürzten sie am Ende, weil sie ihm wirtschaftliche Engpässe und mangelnde Liberalisierung vorwarfen.

          Doch im Mittelpunkt des ersten Kapitels der Schau stehen drei andere, weniger bekannte Mitglieder der königlichen Familie. Die Duchesse de Berry, eine Schwiegertochter des künftigen Charles X., zog alle Herzen an. Jung, anmutig und voller Esprit, gab sie in Kleiderfragen den Ton an und veranstaltete die gesuchtesten Soireen. Ein Kostümball vom Winter 1829 bleibt in besonderer Erinnerung: Sechsundneunzig Gäste in Renaissance-Trachten nahmen da im Tuilerien-Palast an einer „Quadrille de Marie-Stuart“ teil. Der Abend zeugt vom neuen Interesse an einer bis dahin als obskur abgetanen Geschichtsperiode. Vieles spielt hier zusammen: die dezidierte Abwendung vom antik angehauchten Geschmack der Zeitalter von Louis XVI und Napoleon, aber auch ein ganz neues Sensorium für die Ästhetik vergangener Epochen.

          So ließ sich etwa Marie d’Orléans, eine künstlerisch begabte Tochter des Bürgerkönigs Louis-Philippe, um 1835 in den Tuilerien einen Renaissance-Salon mit Mobiliar vom Spätmittelalter bis zum siebzehnten Jahrhundert einrichten und begann um dieselbe Zeit, Gipsstatuetten mittelalterlicher Falkner oder der Jungfrau von Orléans zu modellieren. Der Kronprinz, Ferdinand-Philippe, schuf in seinen Appartements im selben Palast, was man period rooms vor der Zeit nennen mag: mit Originalen und Kopien möblierte Räume im Stil diverser Epochen. Der Historizismus in Frankreich nahm in jenen Jahren Gestalt an.

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