https://www.faz.net/-gqz-9j7j0

Ausstellungen in Russland : Wenn der Zar träumt

  • -Aktualisiert am

Unterm Wäschebaldachin: Das Museum von Moskau lädt zum Träumen ein. Bild: Museum Moskau

Gleich zwei russische Museen klären in diesem Jahr über die Geschichte des Landes und ihre Träger auf: Im Moskauer Stadtmuseum und in der Zarenresidenz Peterhof geht es um die Bewältigung von Realem und Geträumtem.

          4 Min.

          Die Phantasieräume, welche die digitalen Medien eröffnen, scheinen in Russland infolge der räumlichen Entfernungen und der oftmals umgeschriebenen, an Erfolgsgeschichten eher armen Historie an Sogkraft noch zu gewinnen. Hier gilt sogar die zweite Hauptstadt Sankt Petersburg, die nicht gewachsen, sondern durch einen Willensakt von Zar Peter dem Großen als barock-klassizistisches Gesamtkunstwerk aus dem finnischen Sumpfboden gestampft wurde, als im Grunde halluzinatorisches Projekt.

          Das erklärt uns der Petersburger Philosoph und Psychoanalytiker Viktor Mazin, den wir in dem von ihm geleiteten Freud-Traummuseum auf der Petrograder Seite besuchen, gleichsam dem institutionellen Niederschlag der russischen Unfassbarkeiten. Mazin gründete das kleine Museum, das mit hochkarätigen Vorlesungen, Seminaren und Filmvorführungen zum Ankerplatz der international vernetzten Kultur- und Zeichenwissenschaften wurde, vor zwanzig Jahren bewusst an diesem Ort, wo Freud nie war.

          Denn Petersburg, das nur in den Werken von Alexander Puschkin, Fjodor Dostojewski, Andrej Belyj real werde, gleiche im Grunde einer Wahnidee, findet der Universitätsdozent. Auch deswegen, so Mazin, verzichte sein Haus prinzipiell auf Originaldokumente.

          In kantianischer Mission

          Den Besucher, der das fensterlose Museum nur durch den Eingangsbereich der offiziösen Osteuropäischen Hochschule für Psychoanalyse betreten kann, umfängt dort ein Dämmerlicht, wie es um diese Jahreszeit auch draußen vorherrscht. Nach einem mit Informationstafeln geschmückten Saal, der für Veranstaltungen genutzt wird, gerät man ins Traumkabinett mit Vitrinen voller Kunstobjekte, Spiegel, Fotos mythologischer Figuren aus Freuds altägyptischer Sammlung ohne erkennbare logische Anordnung.

          Er verstehe seine Mission dennoch als kantianisch, betont der sechzig Jahre alte Mazin; die Bekanntschaft mit unsteuerbaren unbewussten Energien solle, betont er, eigenverantwortliche Subjekte heranziehen. Das liege leider nicht im Trend. Die Zukunft gehöre unreflektierten Menschen mit hochgezüchteter Informationstechnologie, befürchtet der Gelehrte und zitiert eine seiner Filmgeschichtsstudentinnen, die fordere, auf Analyse zu verzichten.

          Umso mehr freut Mazin sich, dass derzeit gleich zwei hauptstädtische Museen versuchen, mit modisch immersiven Mitteln über Geschichte und ihre Träger aufzuklären: Während die Zarenresidenz Peterhof die Traumwelten Peters des Großen veranschaulicht, bringt das Moskauer Stadtmuseum Realien der sowjetischen Vergangenheit im Idiom der digital sozialisierten Jugend zum Sprechen.

          Zar Peter, der den Aberglauben seiner Landsleute bekämpfte, notierte gleichwohl seine Traumvisionen. In den Akten seiner Geheimkanzlei, die der Historiker Michail Semewski (1837 bis 1892) in seinem Buch „Wort und Tat“ (Slovo i delo) publizierte, das von der Russischen Akademie der Wissenschaften 2006 neu aufgelegt wurde, finden sich elf Träume aus der Zeit zwischen 1714 und 1717, aufgeschrieben von ihm selbst oder einem Sekretär.

          Der große Herrscher im kleinen Holland

          Der Träumer maß ihnen keine ominöse Bedeutung bei, doch sie vermitteln ein lebendiges Bild von dem, was ihn auch im Wachen beschäftigte. Neben barock anmutenden Allegorien wie einem Adler, der einen Drachen bekämpft, oder einem Löwen in Begleitung eines Bibers kehrt die Schifffahrt als Dauerthema wieder, seine Studien in Holland sowie die osmanische Türkei, sein strategischer Gegner.

          Eine junge Kuratorenmannschaft hat die Traumwelten als Multimediaschau in der vom Erneuerer-Zaren gegründeten Residenz Peterhof inszeniert und mit seinen persönlichen Gebrauchsgegenständen bestückt. In dem von Peters Nachkommen pompös ausgebauten Palast, den trotz des klirrenden Frostwetters Scharen chinesischer Touristen durchwandern, setzt die kleine Ausstellung einen protestantisch schlichten Gegenakzent. Aus einer goldglänzenden Banketthalle führt eine Zerrspiegelgasse in den Weißen Saal, der die funktionellen Dinge vorführt, mit denen Peter sich umgab.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Brexit-Gegner protestieren in London

          Brexit-Abstimmung verschoben : Johnsons Chancen

          Abermals ist es den Brexit-Gegnern gelungen, den Ausstiegsprozess aufzuhalten. Es klingt widersinnig, aber Johnson ist seinem Ziel, einem Austritt Ende des Monats, dennoch ein Stück näher gekommen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.