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Ausstellungen für Kinder : Bilderbücher, die den Raum erobern

Für alle, die Ausstellungen suchen, in denen Kinder ihre helle Freude haben, wird in Hannover und Frankfurt Bilderbuchkunst gezeigt. Von Menschenfressern und fleischfressenden Sitzmöbeln.

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          Oben - wo auch sonst? - findet das Gipfeltreffen statt. Ein Zeichnerquintett der Extraklasse ist da auf einer gemeinsamen Wand im Obergeschoss mit jeweils mehreren kleinen Arbeiten eng nebeneinander arrangiert. Sonst treten sie in der Ausstellung getrennt auf mit den Zeichnungen zu ihren berühmten Bilderbüchern: Tomi Ungerer, F. K. Waechter sowie dessen Sohn Philip Waechter, Volker Kriegel und natürlich Wilhelm Busch, gewissermaßen der Hausherr hier in Hannover im nach ihm benannten Deutschen Museum für Karikatur und Zeichenkunst. Einen Zeitraum von anderthalb Jahrhunderten deckt diese Ausstellung also ab und fünf Bildersprachen, die, jede für sich, von höchster Individualität sind. Wie geht das zusammen, zumal auf jener einen kollektiven Wand im Obergeschoss? Es geht deshalb so gut, weil gerade dort das Verbindende dieser fünf Illustratoren deutlich wird: die tiefe Zuneigung zu ihren Figuren.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Das ist nicht selbstverständlich, wenn man wie Busch der Hexe aus „Hänsel und Gretel“ in seiner Bildergeschichte von 1863 noch einen feisten Menschenfresser als Gefährten beigesellt oder mit seinem berühmtesten Werk, dem 1865 publizierten „Max und Moritz“, zwei kindliche Terroristen vorstellt, die am Schluss geschrotet werden. Doch wie Busch diese Spitzbuben und jenen Kannibalen in seinen Bilderhandschriften skizzierte, die dann als Vorlage für die Holzstiche dienten, das ist von einer Leichthändigkeit, die nur aus schierer Begeisterung für sein eigenes Personal zu erklären ist. Und seinen späteren Nachfolgern Ungerer, Kriegel, Waechter und nochmals Waechter geht es erkennbar genauso, auch wenn wir es da mit viel sympathischeren Protagonisten zu tun haben.

          Wobei man sich nicht wundern sollte, wenn etwa Papa Schnapp am Ende von Tomi Ungerers gleichnamigem Buch aus dem Jahr 1971 von einem fleischfressenden Sitzmöbel verschlungen wird. Die entsprechende Illustration, eine der schönsten im Gesamtwerk, ist in Hannover ganz versteckt in einer Nische des Erdgeschosses zu sehen. Das ist aber keine falsche Scheu vor Drastik in Kinderbüchern, die ohnehin beim eigentlichen Zielpublikum viel besser anzukommen pflegt als bei den Eltern. Sonst hätte F. K. Waechters fabelhaftes Bilderbuch „Da bin ich“ (1997), das ganz beiläufig damit anhebt, dass ein Wurf kleiner Katzen fast komplett ertränkt wird, keine so prominente Präsentation finden dürfen. Das Vorschlussbild des Bands, ein Wunderwerk an Ausdruckskraft, ist als überlebensgroße plastische Installation in die Ausstellung gesetzt - Ausrufezeichen für eine Zeichenkunst, die ihre Dimensionen sprengt.

          Märchenstunde auf Knopfdruck

          Das ist auch das Gestaltungsprinzip einer gleichzeitig laufenden Ausstellung zu Bilderbüchern, die im Frankfurter Museum für Angewandte Kunst (MAK) gezeigt wird. Deren Titel „Kindheitsräume, Kindheitsträume“ verweist auf ihren Clou: Hier wird Plastisches ausgestellt. Oder sagen wir besser: Dreidimensionales. So wie im Falle des französischen Illustratorenpaars Anouck Boisrobert und Louis Rigaud, die ihren „Ozean“ (2013) als Pop-up-Buch gestaltet haben, das den Betrachtern eine anschauliche Vorstellung davon gibt, was sich so alles unsichtbar unter der Meeresoberfläche abspielt. In Frankfurt hat man die Ausklappseite zu Eisbergen in monumentalem Format nachgebildet, wobei der beste Blick darauf von einem Podest herab erfolgt, das den Bug eines Eisbrechers simuliert. Dort oben ist man als Besucher auf Meeresniveau, hat somit Über- wie Unterseeisches zugleich im Blick und lernt das Staunen.

          Vier internationale Künstler hat das MAK ausgewählt. Neben Boisrobert und Rigaud sind das noch der australische Illustrator Shaun Tan und sein norwegischer Kollege Øyvind Torseter. Beide haben jeweils ein Bilderbuch publiziert, für deren Motive sie akribische Modelle anfertigten, die sie dann abfotografierten. Torseter hat zur Illustration von Stein Erik Lundes Geschichte „Papas Arme sind ein Boot“ (2008), die von einer Halbwaise und deren Vater erzählt, kleine Papiertheater gebastelt. Und Shaun Tan formte 2013 zu Grimms Märchen in Nacherzählungen des berühmten Jugendbuchautors Philip Pullman Figürchen aus Modelliermasse, von denen in Frankfurt nun zwölf wie Pretiosen in dunklen Kabinetten arrangiert sind, in denen man auf Knopfdruck die jeweiligen Märchen vorgelesen bekommt.

          Pullman lieferte übrigens auch die Vorlage für ein von Volker Kriegel 1998 illustriertes Bilderbuch, das in Hannover ausgestellt ist: „Das eiserne Herz“. Von dem 2003 gestorbenen Kriegel kennt man meist nur noch seine „Olaf“-Bilderbücher, die im Wilhelm-Busch-Museum reich vertreten sind, und seinen „Erwin mit der Tröte“, der dort leider fehlt. Dafür wird Philip Waechter als Jüngster des Hannoveraner Quintetts ebenso in wunderbarer Breite präsentiert wie Tomi Ungerer, der das ganze Erdgeschoss für sich beanspruchen darf - auch als Zugeständnis ans Ungerer-Museum in Straßburg, das die Ausstellung übernehmen wird -, allerdings ohne das Original von Buschs Bilderhandschrift zu „Max und Moritz“, die selbst in Hannover aus konservatorischen Gründen nur kapitelweise gezeigt werden kann. Aber dann muss man eben für jeden weiteren Streich noch einmal kommen, was angesichts des Bilderreichtums der Schau ohnehin angeraten ist.

          Beide Ausstellungen sind mustergültige Beispiele für die Präsentation von Bilderbuchkunst. Und ein Riesenvergnügen für die Besucher. Was letztlich noch mehr zählt.

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