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Ausstellungen : Affe als Freund, Affe als Feind

Unhold ohne Namen: Emmanuel Frémiets frauenraubender Gorilla als Entree zur Dresdner Ausstellung. Bild: dpa

So grausam ist nicht die Natur, sondern die Kultur: In Leipzig und Dresden zeigen zwei unabhängig voneinander konzipierte Ausstellungen, wie aus Abgrenzung zum Tier der Hass auf andere Menschen entsteht.

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          Der Gründer des Leipziger Zoos, Ernst Pinkert, war auch Tierhändler. 1893 kaufte er von einem weiteren Nebenerwerbler, dem auf der Route Singapur-Borneo fahrenden deutschen Kapitän Hugo Storm, zwei ausgewachsene männliche Orang-Utans. Im Vergleich zu den Weibchen waren sie größer, und ihre markanten Schläfenlappen entsprachen dem Klischeebild, das die Spezies in Europa berühmt gemacht hatte, seit im frühen neunzehnten Jahrhundert erste akkurate Zeichnungen angefertigt worden waren.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Zuvor hatte man sich anderthalb Jahrhunderte lang auf einen Kupferstich von Nicolaes Tulp verlassen, der aber einen weiblichen Orang-Utan zeigt und dadurch menschenähnlicher ist als die wild aussehenden Männchen. Nur vereinzelt wurden in der Folge Tiere dieser Art in Europa gezeigt, also stellten gleich zwei eine Sensation dar. Pinkert ließ sie zunächst in Brüssel und Paris vorführen und plante, sie auch nach Deutschland zu bringen. Deutsche Namen aber erhielten die beiden schon einmal: Max und Moritz, nach den berühmtesten Lausbuben der Welt. Die stolzen Franzosen machten Max und Maurice daraus.

          Gezeigt wurden sie von Ende November 1893 an im Bois de Boulogne, und anderthalb Monate später waren sie tot, gestorben an Lungenentzündung im europäischen Winter. Solch kurze Lebensspannen in hiesiger Gefangenschaft waren damals üblich bei Menschenaffen, nur wenige überstanden das erste Jahr. In die Kaufpreise wurde das einkalkuliert: Bei Langlebigkeit wurden Nachschläge an die Lieferanten fällig. Aus heutiger zoologisch-ethischer Sicht erscheint das Geschäft mit Menschenaffen zynisch, aber es existiert nach wie vor, nur spielt es sich mittlerweile im Verborgenen ab.

          Hierarchisierung von Rassen

          Die Faszination war und ist einfach zu groß, und die Debatte, ob es sich bei Orang-Utans, Schimpansen oder den erst 1847 entdeckten Gorillas um enge Verwandte des Menschen handelte, hatte Anteil daran. Der Kulturhistoriker Mustafa Haikal hat in der reich bestückten Leipziger Universitätsbibliothek Albertina Publikationen vom fünfzehnten Jahrhundert bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs analysiert, die sich Menschenaffen widmen, und einen großartigen Bildband zusammengestellt, der dank Förderung durch Bibliothek und Leipziger Zoo nicht nur für einen Spottpreis zu haben ist, sondern auch als Grundlage für die Ausstellung dient.

          So ist der Schauraum der Albertina nun als Panoptikum eingerichtet, in dem wie in Gehegen hinter Glas die vielfältigsten Menschenaffendarstellungen zu sehen sind. Einzelne illustrierte Seiten aus französischen, englischen oder deutschen Zeitschriften sind vergrößert und zu einem grandiosen Wandbild kombiniert worden, darunter vor allem zeitgenössische Berichte über Max und Moritz, von der Euphorie bei ihrer Ankunft bis zum Katzenjammer nach dem Tod.

          Vor allem aber sieht man über ein halbes Jahrtausend hinweg in diesen Bildern und Texten die Selbstbestimmung des Menschen am Werk - in Abgrenzung zum wilden Leben der Affen. Und zugleich ist dabei die Hierarchisierung von Rassen zentrales Thema. Stets füllt der europäische Blick die Abstände zu den Menschenaffen mit Stereotypen, die einen fließenden Übergang vom dunklen Tier über farbige Ureinwohner Afrikas und Asiens zum weißen Europäer suggerieren.

          Rokoko-Eleganz und Fin-de-siècle-Trauma

          Dass Haikal seine Auswertung 1914 enden lässt, ist passend. Der Erste Weltkrieg verschärfte über die wechselseitige propagandistische Abwertung des jeweiligen Gegners - die Franzosen mit ihren afrikanischen Kolonialtruppen, die Deutschen als „Hunnen“ - die schon vorhandenen rassischen Vorurteile noch einmal. Und danach setzte mit den verheerenden Gesellschaftsreinigungsprogrammen des Nationalsozialismus ein radikaler Rassendiskurs ein, der in der „Bestialität“ der Darstellung von Menschenaffen eine wichtige Grundlage fand.

          Die Angst vor der Bestie fand bereits im Jahr 1859 eine populäre künstlerische Umsetzung, als der französische Bildhauer Emmanuel Frémiet mit seinen Plastiken von frauenverschleppenden Gorillas Grusel, Erotik und Rassismus gleichermaßen bot - und das so erfolgreich, dass er noch 1894 eine Ausführung schuf, deren Gipsmodell dann nach Dresden verkauft wurde. Nun steht sie in der Rotunde des Lipsiusbaus, dem am Elbufer gelegenen Sonderausstellungsgebäude der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, und zwar auf Stahlträgern über das Oberlicht des Tiefgeschosses gewuchtet. Darunter wiederum, im Tiefgeschoss selbst, liegen die Gussformen zu Johann Gottlieb Kirchners 1732 geschaffenen Affen aus Meißner Porzellan - also einmal Rokoko-Eleganz und einmal Fin-de-siècle-Trauma, das erste in Stücken, das zweite in voller gewaltsamer Pracht. Das ist der Auftakt zur von Wolfgang Scheppe kuratierten Ausstellung „Die Vermessung des Unmenschen - Zur Ästhetik des Rassismus“.

          Max wurde noch vor seinem Tod von Adolphe Philippe Millot porträtiert...

          In Dresden nicht länger willkommen

          Kirchners Affen waren aber auch Repressionsmittel, denn kein Geringerer als Moses Mendelssohn war als Jude in Preußen verpflichtet, zur Erlangung des Bürgerrechts Porzellan im staatlich kontrollierten Handel zu kaufen. Der niederländische Künstler Gert Jan Kocken hat diese Diskriminierung zum Gegenstand seiner Installation „Judenporzellan“ gemacht, deren Bestandteil die Gussformen sind - als Abschluss von Scheppes Ausstellung.

          „Die Vermessung des Unmenschen“ ist die vierte und letzte Schau, die der Berliner Kulturwissenschaftler für die Staatlichen Kunstsammlungen konzipiert hat; mit dem Weggang des früheren Generaldirektors Hartwig Fischer ans Britische Museum ist der in Dresden heftig umstrittene Scheppe mit seinen aus Archivbeständen kunstvoll arrangierten Assoziationsausstellungen nicht länger willkommen - wobei auch Fischer zuletzt seinem Protegé die Unterstützung versagt hatte. So bleibt es also bei vier optisch grandiosen und inhaltlich provokativen Präsentationen: Nach Gefäßen aus aller Welt und allen Zeiten, japanischen Färberschablonen sowie chinesischen Totengaben findet der Zyklus jetzt seinen Höhepunkt in einem weiteren Archivfund: der Foto- und Ausschnittsammlung des Dresdner Ethnologen Bernhard Struck (1888 bis 1971), der seine Afrika-Forschungen in Weimarer Republik, NS-Zeit und DDR bruchlos fortgeführt hat.

          ...genauso wie Moritz.

          Trennung Tier-Mensch, Trennung Mensch-Mensch

          Die Strucksche Sammlung umfasst Dutzende von Sammelordnern, deren Blätter Scheppe in dichtester Nachbarschaft auf neun langen Tischvitrinen im Hauptsaal des Lipsiusbaus ausgestellt und thematisch sortiert hat: nach „Die Spektakularisierung des Tiers“ zum Beispiel oder nach „Der Affe als Argument“. Es ist, als wären die Dresdner und die Leipziger Ausstellung als Komplementärveranstaltungen gedacht, doch sie entstanden unabhängig voneinander.

          In Leipzig bringt man uns die Affen ganz nahe, während in Dresden der distanzierte Blick von Struck und seinem wissenschaftlichen Umkreis, darunter der Direktor des Völkerkundemuseums und SS-Rassentheoretiker Michael Hesch, in der Ausstellungsarchitektur bewusst bewahrt wird, um dessen Unmenschlichkeit zu dokumentieren. Struck wagte sich nur einmal, 1930/31, selbst auf Feldforschung nach Afrika. So viel er dort auch sammelte - auch das wird in den Nebenräumen des Lipsiusbaus gezeigt -, wahrte er dabei doch immer die Distanz zu den Objekten seiner Neugier.

          Selten bekommt man so gedankenvolle und auch so klug durch Publikationen begleitete Ausstellungen geboten. In Dresden muss man für den Katalog gar nichts bezahlen; er besteht aus einer Zeitung, in der sich profunde Aufsätze zu den Gegenständen der Schau finden - zu Mensch und Tier. Deren Trennung hat immer auch die Trennung von Mensch und Mensch begünstigt. Das belegt Wolfgang Scheppe eindrucksvoll. Beide Ausstellungen lohnen jeden Umweg. Gut, dass Leipzig und Dresden relativ nahe beieinander liegen.

          Die Vermessung des Unmenschen - Zur Ästhetik des Rassismus. Im Lipsiusbau, Dresden; bis zum 7. August. Die höchst material- und bilderreiche Katalogzeitung ist gratis erhältlich.

          Unheimliche Nähe - Menschenaffen als europäische Sensation. In der Universitätsbibliothek Albertina, Leipzig; bis zum 25. September. Der opulente Katalog, erschienen beim Passage- Verlag, kostet in der Bibliothek 15, sonst 25 Euro.

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