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Ausstellung zur Prostitution : Glanz und Elend der Voyeure

  • -Aktualisiert am

Tut sie’s oder tut sie’s nicht? Das Musée d’Orsay in Paris zeigt die Ausstellung „Splendeurs et misères - Images de la prostitution“ und labt sich an Klischees von Melancholie und Ambiguität.

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          Es gibt manches, was an der neuen Schau im Musée d’Orsay skeptisch stimmt, noch bevor man den schönen, alten Bahnhof an der Seine überhaupt betreten hat: „Splendeurs et misères“ will Bilder zeigen, die sich Künstler von der Prostitution in Paris gemacht haben, und zwar zwischen 1850 und 1910, als die Prostitution im Zuge der Industrialisierung so viele Formen annahm, dass mehr als ein Dutzend Begriffe entstanden, um die Frauen zu bezeichnen, die ihr nachgingen: pierreuses, filles insoumises, verseuses und pensionnaires sind nur einige von ihnen, die gedanklich gleich hinführen auf jenen Montmartre, auf dem sich ein großer Teil des Geschäftes abspielte. Aber ist das nicht ein bisschen nah an den Klischees, mit denen man auf dem Hügel ja nach wie vor versucht, vor allem Touristen heiße Maronen anzudrehen? Und hätte das Musée d’Orsay eine solche Verbeugung vor dem allzu Bekannten überhaupt nötig, gerade jetzt, da es erst erfahren hat, mit mehr als 3,6 Millionen Besuchern im vergangenen Jahr wieder zu den am besten besuchten Museen in Frankreich zu gehören? Welches Ziel verfolgt das Haus mit „Splendeurs et misères“? An welche Legenden wagt es sich heran?

          Lena Bopp

          Redakteurin im Feuilleton.

          Um Letzteres gleich zu beantworten: an gar keine. Man verlässt die Ausstellung mit derselben Skepsis, mit der man sie betreten hat, was nicht bedeutet, dass es gar nichts gebe, das angenehm überraschend herausragt. Zu den (Wieder-)Entdeckungen, die hier zu machen sind, gehört dabei vor allem ein Künstler, der im Laufe der Jahre ein wenig zum Opfer seiner eigenen Beliebtheit geworden ist, denn man kann Henri de Toulouse-Lautrec heute eigentlich nicht mehr betrachten, ohne die leichte Abwertung mit zu spüren, die ihn die millionenfache Ikea-Reproduktionen seiner Werke gekostet haben. Aber im Rahmen dieser Schau - die Gemälde, Skizzen, Monotypien, Daguerreotypien und Fotos ausschließlich von Künstlern, kein einziges von einer Künstlerin zeigt - fällt Toulouse-Lautrec als einer von wenigen auf, der die meist halbnackten Prostituierten nie ausstellt. Und der deswegen auch mit dem Begriff der ambiguité nicht zu fassen ist, der die Räume wie ein roter Faden durchzieht.

          Ohne erhobenen Finger

          Bei Toulouse-Lautrec ist nichts zweideutig. Im Gegenteil haben die Szenen bei ihm eine Klarheit, die brutal sein kann - wie die großartige Lithographie „Lassitude“ (1896) zeigt, auf der eine Frau, nur mit schwarzen Strümpfen bekleidet, quer auf dem Bett liegt, konturlos, gesichtslos, zu kraftlos, um eine wie auch immer intendierte Pose einzunehmen. Oder anrührend, wie das 1892 entstandene „Dans le lit“, auf dem (vermutlich) zwei Frauen in einem Bett liegen, das hier kein Sex-, sondern ein Schutzraum ist, in dem sie für einen Augenblick die Decken bis unters Kinn ziehen und wem auch immer vertrauen können. Ist es Zufall, dass die beiden aussehen wie ein altes Paar in einem dieser Momente, die auf andere Weise, aber nicht minder intim sind? Sicher nicht, denn Toulouse-Lautrec, der selbst ja lange in besagten Etablissements gelebt hat, nutzt die Schlüssellochperspektive eigentlich immer, um eine Wirklichkeit zu zeigen, die mit der (sowohl in den Wandtexten als auch den Titeln der Gemälde) vielzitierten mélancholie, geschweige denn mit splendeurs in keiner Weise zu tun hat.

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