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Ausstellung zur „Polenaktion“ : Sie bauten sich eine eigene Stadt

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Durch den Fokus auf einzelne Familien ordnet die Ausstellung den strapaziösen Aufenthalt in Bentschen in den Kontext nationalsozialistischer Herrschaft ein und erzählt zugleich konkret, was die Flüchtlinge erwartete. Leo Adler wurde noch im September 1939 zusammen mit anderen Juden in der Kleinstadt Dynów von einer Einsatzgruppe der SS ermordet. Seiner Frau und den Kindern gelang die Flucht in den sowjetisch besetzten Teil Polens. Da sie aber die sowjetische Staatsbürgerschaft nicht annehmen wollten, wurden sie nach Sibirien deportiert. Sie überlebten, kamen nach Kriegsende als „Displaced Persons“ nach Kulmbach und konnten 1948 nach Israel ausreisen.

Im Begleitband zur Ausstellung setzen sich die Autoren kritisch mit den Begriffen Ausweisung, Abschiebung und Deportation auseinander. Sie verweisen darauf, dass in zeitgenössischen Berichten die Rede von Deportationen gewesen sei, die Lagerinsassen sich aber selbst oft als Flüchtlinge beschrieben. Gegen die Verwendung des Begriffs Ausweisung würde sprechen, dass es sich bei der „Polenaktion“ um einen systematisch vorbereiteten Akt handelte, der in aller Öffentlichkeit stattfand und mit erheblicher physischer Gewalt einherging. Doch mit Blick auf die späteren Transporte in die Vernichtungslager verbiete sich die Verwendung des Begriffs Deportation. Betrachtet man das Lager nicht allein im retrospektiven Schatten der Schoa, erteilt Bentschen noch eine wichtige Lektion: Flüchtlinge sind keine passive Masse von Opfern staatlicher Gewalt, sie haben selbst das Potential, ihre Situation zu verändern. Da das Lager in Bentschen nicht vom polnischen Staat eingerichtet wurde, sondern indirekt vom deutschen Staat erzwungen wurde, war es vor allem an den jüdischen Insassen, ihren Alltag selbst zu organisieren.

Polen als Staat beschränkte gezielt die Möglichkeit, Bentschen zu verlassen, so dass auch nach den ersten Wochen noch immer mehr als fünftausend Menschen bleiben mussten. Emanuel Ringelblum, der spätere Chronist des Warschauer Gettos, hat in mehreren Briefen von seinem zweimonatigen Einsatz als Freiwilliger Zeugnis abgelegt. Er koordinierte die Verteilung von Gütern der jüdischen Hilfsorganisation Joint. Am 6. Dezember 1938 schreibt er seinem Freund Rafael Mahler: „Innerhalb weniger Wochen haben wir eine ganze Stadt für die Flüchtlinge errichtet – dort gab es eine Versorgungsabteilung, ein Krankenhaus, eine Tischlerwerkstatt, Schneider, Schuster, Buchläden, Büros für juristische Beihilfe und sogar eine Migrationsabteilung, eine eigene Post mit 53 Mitarbeitern und ein Büro für Soziale Fragen, ein Organisationskomitee (...) sowie einen Reinigungsdienst und eine Sanitätsstation.“ Nur zwanzig von mehr als vierhundert Helfern seien nicht selbst Flüchtlinge gewesen.

Es wäre falsch, das Lager von Bentschen mit den geplanten Lagern gleichzusetzen, die bald überall im Süden der Europäischen Union entstehen sollen. Die Ausgewiesenen von 1938 waren trotz ihrer polnischen Staatsbürgerschaft zuvor Teil der deutschen Gesellschaft. Doch war die „Polenaktion“ ein Radikalisierungsschritt in der nationalsozialistischen Judenpolitik, die wenig später zum Holocaust führte.

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