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Kulturgeschichte des Spiegels : Blick zurück in die Zukunft

Erkenne ein Selbst: Beim sogenannten Rouge-Test in der Psychologie wird Kindern heimlich ein roter Punkt ins Gesicht gemalt. Versucht das Kind den Fleck vorm Spiegel zu entfernen, gilt dies als Beleg für das Eigenerkennen des Individuums; bis zum achtzehnten Lebensmonat nehmen die meisten Kinder ihr Spiegelbild dagegen als Fremden war und versuchen es oft sogar zu bekämpfen. Bild: Museum Rietberg

Was Spiegel über uns erzählen und warum Selfies auch nur Spiegel mit anderen Mitteln sind: In Zürich werden fast zehntausend Jahre Kulturgeschichte verhandelt.

          Wenn Spiegel etwas nicht leisten, dann ist es das, was gemeinhin von ihnen erwartet wird – eine unveränderte Wiedergabe des Gegenübers zwecks objektiver Begutachtung.

          Stefan Trinks

          Redakteur im Feuilleton.

          Schon physikalisch verändert jede kleine Lufttrübung oder Lichtschwankung die „getreue“ Wiedergabe unseres Bildes. Erst recht war dies der Fall bei den alten, unebenen Spiegeln mit unregelmäßiger, ja fleckiger Quecksilberbedampfung: Bis endlich Mitte des neunzehnten Jahrhunderts Justus von Liebig durch die Beschichtung mit Silber annähernd perfekte Spiegel zu produzieren lehrte, die – Ironie am Rande – von der Bevölkerung anfangs gerade aufgrund ihrer ungewohnten und natürlich teureren Perfektion abgelehnt wurden. Immer aber blickt einen ein Bild aus einer Millisekunden zurückliegenden Vergangenheit an. Alternativ sehen die Betrachter angesichts ihres Spiegelbildes die Zukunft, räsonieren darüber, wie dieses oder jenes Detail des Gesehenen nach dem Make-up, übermorgen, in einem Jahr oder gegen Ende des Lebens aussehen wird. Das Sehen in den Spiegel ist mithin nie das Momentum eines Status quo, vielmehr immer ein Blick in die Vergangenheit oder die Zukunft.

          Mit dieser überraschenden Erkenntnis wartet eine der anregendsten Ausstellungen dieses Jahres in den reichen ethnologischen Sammlungen des Museums Rietberg in Zürich auf: Der Spiegel ist immer an Zeitlichkeit gebunden, er krümmt und dehnt diese; in jedem Fall ist er eigenaktiv.

          Eigenaktivität der Spiegelbilder

          Diese Janusköpfigkeit des in Vergangenheit und Zukunft zugleich blickenden Spiegels beginnt bereits mit dem ältesten gefundenen Exemplar. In der frühesten urbanen Siedlung der Menschheit, dem anatolischen Catalhöyük, lag vor über siebentausend Jahren ein blank polierter Spiegel aus Obsidian, also schwarzem vulkanischem Gesteinsglas, als Grabbeigabe einer Bestattung bei. Man könnte dies als banales Attribut der beerdigten Frau abtun, als eine ihrer Habseligkeiten; es ist jedoch mit großer Wahrscheinlichkeit der frühe Nachweis eines Blicks in die Zukunft, denn hätten sich die Bestattenden kein künftiges Weiterleben nach dem Tod vorstellen können, für das ein solches Schönheitsrequisit nötig wäre, ergäbe dessen Mitbestattung keinen Sinn, da er für die Hinterbliebenen durchaus noch gebrauchstüchtig war. In den etruskischen Gräbern des vorchristlichen Jahrtausends hat sich die Sitte der Spiegelgrabbeigabe in zahlreichen Fällen erhalten.

          Platonische Höhlengleichnisse der Seele: Auf Paul Delvauxs „Frau im Spiegel“ von 1936 blickt das Ebenbild in eine gänzlich andere Richtung

          Dabei läuft die Ausstellung an keiner Stelle in die Trivialitätsfalle eines rein weiblichen Beauty-Accessoires. Vielmehr stellt sie wiederholt klar, dass mindestens bis ins neunzehnte Jahrhundert beide Geschlechter und alle dazwischen sich gleichermaßen frequent bespiegelten. Grundmythos des eitlen und vergänglichen Selbstbespieglers bleibt Narziss, nicht Narzissa, und dass Ovid bei der Metamorphose des Hirten in die gleichnamige Blume ausnahmsweise keine Nymphe oder anderes weibliches Personal wählte, ist kein Zufall.

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