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Kulturgeschichte des Hundes : Vier Beine für ein Halleluja

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Treffen zwischen Angela Merkel und Wladimir Putin – und dessen Labrador Koni Bild: Picture-Alliance

Was Thomas Mann mit Wladimir Putin vereint: Eine Ausstellung in München gibt Einblicke in die Kulturgeschichte unseres besten Freundes.

          5 Min.

          „Ohne Menschen gäbe es keinen Hund“: Wenn es stimmt, was Frank Matthias Kammel, der Generaldirektor des Bayerischen Nationalmuseums, sagt und zur Voraussetzung der von ihm persönlich kuratierten Münchner Sonderausstellung „Treue Freunde – Hunde und Menschen“ gemacht hat, bedeutet das dann, dass der Hund vom Menschen abstammt, welcher ja wiederum vom Affen . . .? Man weiß, wie es gemeint ist. Kaum ein anderes Tier als der Hund verdankt seine gegenwärtigen Ausprägungen in dem Maße der Zähmung und Züchtung durch den Menschen wie er. Die ersten Spuren davon fanden sich bei Ausgrabungen im Heiligen Land und in Bonn-Oberkassel in Form von Knochenresten und sind zwischen 10.000 und 14.000 Jahre alt. Das erste jemals und seither wohl auch am häufigsten porträtierte Tier war ein Hund. Aus der antiken Mythologie und Literatur sind uns Zerberus, der Höllenwächter mit dem todbringenden Atem, und der Hund, der Odysseus bei dessen Wiederkehr nach zwanzig Jahren – er, der Hund, muss demnach recht alt geworden sein – wiedererkennt, überliefert.

          Edo Reents

          Redakteur im Feuilleton.

          Ja, die Geschichte dieser Freundschaft reicht wahrhaftig weit zurück; und die nicht etwa nur kunst-, sondern breit und wuchtig kulturgeschichtlich operierende Ausstellung wird ihr so gerecht, wie man das mit 220 Exponaten auf ungefähr 700 Quadratmetern nur kann. Zunächst ist man verblüfft oder hatte einfach vergessen, wer alles ein Hundefreund war: nicht nur Einschlägige wie Friedrich der Große (Windhunde), Richard Wagner (Neufundländer) und Loriot mit seinen Möpsen, ohne die das Leben zwar möglich, aber angeblich sinnlos ist, sondern auch Schauspielerinnen wie Grace Kelly oder Audrey Hepburn, beide den Pudeln zugetan wie Arthur Schopenhauer.

          Hinweise auf Prügelstrafen

          Vor einhundert Jahren veröffentlichte Thomas Mann eine seiner beiden Nach- und Zwischenkriegsidyllen, „Herr und Hund“, nicht seine bedeutendste Erzählung, jedoch das gewichtigste, konzentrierteste literarische Hunde-Zeugnis zumindest in deutscher Sprache, Hunderttausende Male verkauft. Dieses Jubiläum bildet den für München ja nur passenden Aufhänger und das Entree zu dem Parcours; Dirk Heißerer hat dem Katalog einen so bündigen wie instruktiven Essay zum Hund bei Thomas Mann beigesteuert, der ohne jede Betulichkeit auskommt. Denn bei diesem Schriftsteller hatte eben auch die zweifellos vorhandene Tierliebe zwei Seiten: Den Selbst- und den über diese eine Novelle weit hinausgehenden literarischen Zeugnissen sind Hinweise auf Prügelstrafen zu entnehmen, die eben in eine ganz andere Zeit gehören, aber heute ganz sicher keine Sympathiepunkte bringen.

          Thomas Theodor Heine: Hundeinvasion im Café Luitpold

          Die frühe Erzählung „Tobias Mindernickel“, Dokument eines schon pathologisch zu nennenden Herr-Knecht-, also Hass-Liebe-Verhältnisses, endet mit dem Abstechen eines Hundes – eine schauerliche, von der Forschung noch nicht ausgeschöpfte Szene, für die Thomas Mann sich nachgewiesenermaßen bis ins Detail von Schopenhauer inspirieren ließ, welcher wiederum seine Pudel, von Atma („Weltseele“) bis Butz (ohne höhere Bedeutung), „Mensch“ zu schimpfen pflegte, wenn die sich danebenbenahmen.

          Die Malerei vom fünfzehnten bis neunzehnten Jahrhundert ist vielleicht ein wenig zu üppig vertreten. Den Nachweis, dass der Besitz und die mal demonstrative, mal unauffällig-dekorative Präsenz von Hunden, je nach Epoche, Insignien von Macht, Reichtum, Liebhaberei, Sentimentalität, Aggressivität oder auch ganz nüchterner, heute nur noch rudimentärer Nutzbarmachungen (Jagd natürlich, Lastentragen, Zugtier und anderes) sind, hätte man auch mit weniger Exponaten erbringen können, dann aber auf eine ungewöhnlich farbenprächtige, reizvolle Evidenz verzichten müssen.

          Siegfried Thomas Theodor Heine Dießen am Ammersee, Öl auf Holz von 1921

          Man erzählt sich, dass die Bundeskanzlerin Angst vor Hunden hat, seit sie in ihrer Kindheit von einem gebissen wurde. Das eindrucksvolle Foto von ihr und dem russischen Präsidenten Putin in Sotschi vom 21. Januar 2007 mit dem im Vordergrund hockenden, recht stattlichen Labrador, für dessen Harmlosigkeit zumindest Angela Merkel ihre Hände nicht ins Feuer gelegt haben wird, ist schon aufgrund der beiden menschlichen Blicke nicht eindeutig zu interpretieren; ganz sicher aber deutet es (auch) auf einen für diesen Gesprächsanlass unpassenden Einschüchterungsversuch durch den machtbewussten Russen und hat, der Legende nach, folgenden Hintergrund: Putin nahm den Hund zu dem Termin mit, weil er sich dafür rächen wollte, dass Merkel ihm einst das angebotene „Du“ mit dem Hinweis verweigert hatte, sie stamme aus einem Kulturkreis, in dem dieser Schritt von der Frau auszugehen habe.

          Sollte diese gouvernantenhafte Abfertigung stimmen – Putin bestritt später, von Merkels Hundeangst gewusst zu haben –, dann wäre die Revanche unvergleichlich eleganter ausgefallen, als es ein herkömmliches „Fass!“ hätte können. Es ist möglich, dass die Angst oder jedenfalls Vorsicht vor Hunden dazu führt, dass diese Angela Merkel größer erscheinen, als sie in Wirklichkeit sind. Der Unterfertigte erlebte es mit seinem eigenen Königspudel während eines Wahlkampfauftritts, wie die Kanzlerin nahe vorbeischritt, das nur mittelgroße Tier sah und sympathisch staunend sagte: „Oh, das ist aber ein großer Hund!“

          Johann Georg Waxschlunger: Dogge mit Welpe

          In einer der zwölf thematisch plausiblen Unterabteilungen begreifen wir, wie sehr der Mensch den Hund zu seinesgleichen gemacht hat. Wer von beiden der treuere Freund ist, kann man nicht immer ausmachen. Die dem Hund stereotyp unterstellte Anhänglichkeit oder die buchstäblich hündische Ergebenheit sind, wie jede Aussage über den Charakter eines Tieres, am Ende menschliche Projektionen, mit denen wir etwas umschreiben, was uns eben so vorkommt, wir aber nicht wissen. Beim so grauenhaft geendeten Münchner Modemacher Rudolph Moshammer war wahrscheinlich nicht nur Abhängigkeit von der Mutter, sondern in hohem Grade auch von Daisy im Spiel, die der Münchner Boulevard nach dessen Tod zeitweilig so behandelte, als wäre dieser Yorkshire-Terrier, die letzte Inkarnation von insgesamt vier Daisys, schon als Haupterbe eingesetzt worden.

          Dass man den Hunden nicht in allen Ländern gleichermaßen zugetan ist, weiß man. In Italien ist man es zum Beispiel spürbar weniger als in Deutschland und vor allem als in Frankreich oder Amerika, wo man auf einen Hund in der Regel schnell und freundlich angesprochen wird. Besonders krass wirkt im Nationalmuseum eine aus Hundefell gefertigte, sehr schöne Jacke, die man als Leihgabe vom Zoll bezog und die in hiesigen Breiten zu tragen wohl niemand auf die Idee käme.

          Seine Rolle hat der Mensch mit dem Hund oft und gerne, durchaus auch zum Zwecke der Provokation, meistens in irgendwie aufklärerischer Absicht, getauscht. Loriot tat dies in frühen, abgelegenen, teils gar nicht fertig gewordenen Cartoons sehr witzig und zu großer Verblüffung; die bildende Kunst überhaupt hält viele Beispiele parat, ein besonders markantes der künstlerische Aktivismus: Im Februar 1968 führte Valie Export den auf allen Vieren kriechenden Peter Weibel an der Leine vor nicht schlecht staunenden Passanten über eine Wiener Straße – ein aus heutiger Sicht vielleicht etwas plumpes, aber dank dem historischen Foto eben doch wirkungsvolles Exempel für die Unterdrückung zwischen den Geschlechtern.

          Die Punk-Musiker, bei denen besonders martialisch anmutende Hunde hoffähig waren, verlagerten diese Auseinandersetzung auf die Ebene des Gesellschaftlichen überhaupt, bei den Rappern regredieren Hunde gleichsam zurück zu Statussymbolen oder, wie vielleicht bei Putin, Einschüchterungsmitteln ohne weltanschauliche Relevanz. Eines der spektakulärsten Exponate zeigt David Bowie mit einer jäh aufspringenden riesigen Dogge während der Fotosessions zum Album „Diamond Dogs“, das hoch aufragende Tier wirkt unendlich viel mächtiger, muskulöser als der schmale, bewundernswert Ruhe bewahrende Musiker, der es selbst in diesem aufregenden Moment nicht von der Leine lässt. Barack Obama ließ sich, mit seinem Wasserhund beschwingt laufend, von hinten ablichten, ein einnehmendes Zeugnis von Sportlichkeit, Dynamik, Lässigkeit, ja Lebensfreude.

          Dass, wie jeder weiß, die mit einem Hund verbrachte Zeit besonders knapp bemessen ist, mag bei sensibleren Freunden dazu führen, dass deren liebevoller Blick auf ihr Tier von Anfang an melancholisch umflort ist. Oft fragt er sich, wie lange mag ich dich haben, du liebes Tier? Dieser vorauseilenden Trauer hat Hans Thum am Ende seines rührend menschlichen Buchs „Mein Freund der Pudel“ so ergreifend Ausdruck verliehen, dass man die Stelle als Pudel-Freund kaum ohne Tränen lesen kann. Dieser Gesichtspunkt ist weitgehend ausgespart in der großen Ausstellung – vielleicht wollte man niemandem die Freude daran trüben, indem man an die empfindlichste Saite des Hundefreundes rührt.

          „Treue Freunde – Hunde und Menschen“. Bayerisches Nationalmuseum, München. Bis 19. April 2020. Der ausgezeichnete, von Frank Matthias Kammel herausgegebene Katalog kostet im Museum 25 Euro, im Buchhandel 29,95 Euro.

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