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Kulturgeschichte des Hundes : Vier Beine für ein Halleluja

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Sollte diese gouvernantenhafte Abfertigung stimmen – Putin bestritt später, von Merkels Hundeangst gewusst zu haben –, dann wäre die Revanche unvergleichlich eleganter ausgefallen, als es ein herkömmliches „Fass!“ hätte können. Es ist möglich, dass die Angst oder jedenfalls Vorsicht vor Hunden dazu führt, dass diese Angela Merkel größer erscheinen, als sie in Wirklichkeit sind. Der Unterfertigte erlebte es mit seinem eigenen Königspudel während eines Wahlkampfauftritts, wie die Kanzlerin nahe vorbeischritt, das nur mittelgroße Tier sah und sympathisch staunend sagte: „Oh, das ist aber ein großer Hund!“

Johann Georg Waxschlunger: Dogge mit Welpe

In einer der zwölf thematisch plausiblen Unterabteilungen begreifen wir, wie sehr der Mensch den Hund zu seinesgleichen gemacht hat. Wer von beiden der treuere Freund ist, kann man nicht immer ausmachen. Die dem Hund stereotyp unterstellte Anhänglichkeit oder die buchstäblich hündische Ergebenheit sind, wie jede Aussage über den Charakter eines Tieres, am Ende menschliche Projektionen, mit denen wir etwas umschreiben, was uns eben so vorkommt, wir aber nicht wissen. Beim so grauenhaft geendeten Münchner Modemacher Rudolph Moshammer war wahrscheinlich nicht nur Abhängigkeit von der Mutter, sondern in hohem Grade auch von Daisy im Spiel, die der Münchner Boulevard nach dessen Tod zeitweilig so behandelte, als wäre dieser Yorkshire-Terrier, die letzte Inkarnation von insgesamt vier Daisys, schon als Haupterbe eingesetzt worden.

Dass man den Hunden nicht in allen Ländern gleichermaßen zugetan ist, weiß man. In Italien ist man es zum Beispiel spürbar weniger als in Deutschland und vor allem als in Frankreich oder Amerika, wo man auf einen Hund in der Regel schnell und freundlich angesprochen wird. Besonders krass wirkt im Nationalmuseum eine aus Hundefell gefertigte, sehr schöne Jacke, die man als Leihgabe vom Zoll bezog und die in hiesigen Breiten zu tragen wohl niemand auf die Idee käme.

Seine Rolle hat der Mensch mit dem Hund oft und gerne, durchaus auch zum Zwecke der Provokation, meistens in irgendwie aufklärerischer Absicht, getauscht. Loriot tat dies in frühen, abgelegenen, teils gar nicht fertig gewordenen Cartoons sehr witzig und zu großer Verblüffung; die bildende Kunst überhaupt hält viele Beispiele parat, ein besonders markantes der künstlerische Aktivismus: Im Februar 1968 führte Valie Export den auf allen Vieren kriechenden Peter Weibel an der Leine vor nicht schlecht staunenden Passanten über eine Wiener Straße – ein aus heutiger Sicht vielleicht etwas plumpes, aber dank dem historischen Foto eben doch wirkungsvolles Exempel für die Unterdrückung zwischen den Geschlechtern.

Die Punk-Musiker, bei denen besonders martialisch anmutende Hunde hoffähig waren, verlagerten diese Auseinandersetzung auf die Ebene des Gesellschaftlichen überhaupt, bei den Rappern regredieren Hunde gleichsam zurück zu Statussymbolen oder, wie vielleicht bei Putin, Einschüchterungsmitteln ohne weltanschauliche Relevanz. Eines der spektakulärsten Exponate zeigt David Bowie mit einer jäh aufspringenden riesigen Dogge während der Fotosessions zum Album „Diamond Dogs“, das hoch aufragende Tier wirkt unendlich viel mächtiger, muskulöser als der schmale, bewundernswert Ruhe bewahrende Musiker, der es selbst in diesem aufregenden Moment nicht von der Leine lässt. Barack Obama ließ sich, mit seinem Wasserhund beschwingt laufend, von hinten ablichten, ein einnehmendes Zeugnis von Sportlichkeit, Dynamik, Lässigkeit, ja Lebensfreude.

Dass, wie jeder weiß, die mit einem Hund verbrachte Zeit besonders knapp bemessen ist, mag bei sensibleren Freunden dazu führen, dass deren liebevoller Blick auf ihr Tier von Anfang an melancholisch umflort ist. Oft fragt er sich, wie lange mag ich dich haben, du liebes Tier? Dieser vorauseilenden Trauer hat Hans Thum am Ende seines rührend menschlichen Buchs „Mein Freund der Pudel“ so ergreifend Ausdruck verliehen, dass man die Stelle als Pudel-Freund kaum ohne Tränen lesen kann. Dieser Gesichtspunkt ist weitgehend ausgespart in der großen Ausstellung – vielleicht wollte man niemandem die Freude daran trüben, indem man an die empfindlichste Saite des Hundefreundes rührt.

„Treue Freunde – Hunde und Menschen“. Bayerisches Nationalmuseum, München. Bis 19. April 2020. Der ausgezeichnete, von Frank Matthias Kammel herausgegebene Katalog kostet im Museum 25 Euro, im Buchhandel 29,95 Euro.

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