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Es prickelt in den Fingerspitzen: Baldungs Frankfurter Städel-Bild „Zwei Hexen“ von 1523 scheint in einem brodelnden Hexenkessel stattzufinden Bild: U. Edelmann

Baldung Grien in Karlsruhe : Der Nachtfalter der Renaissance

Er war der David Lynch der Dürer-Zeit: Hans Baldung Grien gibt mit seiner Malerei Rätsel auf. Die Kunsthalle Karlsruhe zeigt seine schönsten Werke.

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          Vor dem Eingang zur großen Landesausstellung „Hans Baldung Grien - heilig-unheilig“ in der Karlsruher Kunsthalle erwarten einen schon dessen wild ausschlagende Pferde mit ihren geblähten Nüstern und weit aufgerissenen Augen. Nachdem Picasso im Zentrum seines Jahrhundertbilds „Guernica“ diese ebenso zitiert wie die Einstürzenden Neubauten auf ihrem Cover zur Platte „Haus der Lüge“, muss es sich bei diesem Maler um einen wichtigen und aktuell gebliebenen handeln - und die vierzehn Kunsthallenssäle mit nahezu allen wichtigen Baldung-Gemälden und vielen seiner schönsten Zeichnungen vermögen das Bild des abseitigsten Künstlers der deutschen Renaissance nachdrücklich zu bestätigen.

          Stefan Trinks

          Redakteur im Feuilleton.

          Doch selbst nach langen Jahren intensiver Forschung ist kaum etwas über diesen eigenwilligen Maler bekannt. Geboren 1484 oder 1485 in Schwäbisch Gmünd, wo er keinerlei Spuren hinterlassen hat, ist über seine Ausbildung nichts greifbar. Angesichts der bestechenden Qualität des den Auftakt im ersten Raum bildenden „Selbstporträts“ mit Florhut auf gezielt tiefgrün eingefärbtem Papier, mit dem er wohl um 1503 knapp zwanzigjährig seinen Einstand in der Nürnberger Dürer-Werkstatt gab, die er 1505 ein Jahr lang als Stellvertreter des Meisters leitete, sollte es mindestens Bernhard Strigel gewesen sein. In der Werkstatt gibt Dürer ihm vielleicht auch wegen der drei anderen Hänse Schäufelin, Springingklee und Süß von Kulmbach, in jedem Fall aber aufgrund von Baldungs Faible für grüne Gewänder in den Bildern den Spitznamen „Grienhans“, was dieser souverän zu seinem Markenzeichen ummünzt - kaum ein Bild in den folgenden Jahren, in dem nicht gewissermaßen als Farbsignatur ein auffälliges Grün auftauchen würde, eine Farbe, die in dieser grellen Form keinesfalls unproblematisch war.

          Selfie in Grünblau: Das „Jugendliche Selbstbildnis“ Hans Baldung Griens von etwa 1503 auf grün grundiertem Papier eröffnet die Karlsruher Ausstellung

          Angesichts der gelehrten Komplexität seiner Bilder wirkt es, als male ein Akademiker magrittehaft vertrackte Rätselbilder. Das bedeutet nicht, dass Baldung malhandwerklich nicht perfekt wäre. In seiner Art einer bisweilen fast abstrakten, weil „wirklichkeitssuggestiven“ Darstellung von Dingen findet er einen Mittelweg zwischen dem oft fast ungebrochenen Hyperrealismus des nur zwölf Jahre älteren Gleichgesinnten Dürer und den surrealen Architekturen eines Albrecht Altdorfer. Gut zu erkennen ist das auf der Baseler „Anna Selbdritt“ von 1512, auf der das nackte Christuskind auf dem Schoß Mariens seiner Großmutter Anna einen tiefroten Apfel reicht. Das Ganze findet in einer Architektur statt, die wie eine Murmelbahn wirkt, die ein grobmotorisches Riesenbaby zusammengezimmert hat. Auf einer gewollt schiefen Säule (die auch schon auf der daneben hängenden Vorzeichnung schräg gesetzt ist) ruhen abenteuerlich wackelig Holzbohlen, die eine weitere Etage Steinsäulchen tragen. Auf dem vorderen Brett aber sind 37 Äpfel aufgereiht, so dass die Frucht der Ursünde, die Christus üblicherweise seiner Mutter als „neuer Eva“ zum Zeichen der Überwindung der Erbsünde reicht, hier karikiert wird - ist so viel konzentrierte Sünde in Gestalt der Äpfel je zu tilgen?

          Die Themen Alter und Fleischeslust haben ihn zeitlebens umgetrieben: Hans Baldung Griens „Der Tod und die Frau“, um 1520/25

          Beim Renaissance-Klassiker „Adam und Eva“ hingegen täuscht er die Erwartungshaltung; kein hochphilosophisches Abwägen der Schuldfrage beim Sündenfall stellt er hier vor, sondern viel nackte und primärreizende Haut, den schieren Trieb des Leibs, wie die Schau anhand des einzigartigen Stammelternpaars nach dem Koitus und an Baldungs Hamburger splitternackt frontaler „Eva“ ganz ohne Adam von 1510 zeigt. Alleingelassen mit der Entscheidung, hält sie den Apfel zwar schon in der Hand, hat aber noch nicht hineingebissen. Unsicher blickt sie aus dem Bild heraus, direkt auf uns. Wie so oft dreht Baldung den Spieß des bloßen voyeuristischen und damit unbeteiligten Blicks von Außen um und zerrt den Betrachter hinein ins Bildgeschehen.

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