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Ausstellung zum „kapitalistischen Realismus“ : Den Markt erobern, indem man ihn kritisiert

  • -Aktualisiert am

Krach in Düsseldorf: Die Kunsthalle zeigt eine Ausstellung, in der es nicht um die Werke als solche geht - sondern um die Frage, wie man Künstlerkarrieren inszeniert.

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          Die aktuelle Ausstellung in der Düsseldorfer Kunsthalle ist ziemlich frech und ziemlich kompliziert. Sie ist so frech und so kompliziert, dass sie den einen oder anderen Kritiker bereits gründlich verwirrt hat. Die wütenden Kommentare über das „Leben mit Pop. Eine Reproduktion des kapitalistischen Realismus“ gelten vor allem der Entscheidung der Kuratoren, statt der originalen Gemälde von Gerhard Richter, Sigmar Polke, Konrad Lueg und Manfred Kuttner einfach knapp fünfzig Reproduktionen auszustellen: posterähnliche Papptafeln, wie man sie in Museumsshops oder über dem Sofa im Wohnzimmer vorfindet. Für den Kritiker einer großen deutschen Tageszeitung stand fest: Die Kuratoren konnten es sich nicht leisten, die Originale ranzuschaffen, folglich musste selbst gebastelt werden. Eine unerhörte Sache, „eine ganz und gar belanglose Lösung“, hieß es.

          Tatsächlich könnte der Versicherungswert von Gemälden wie Richters „Onkel Rudi“ oder Polkes „Berliner (Bäckerblume)“, beide aus dem Jahr 1965, den Posterparcours in Düsseldorf begründen. Muss er doch das Budget einer gemeinhin unterfinanzierten Kunsthalle bei weitem übersteigen. Erklären aber kann er ihn allein nicht.

          Oberflächenglanz der Konsumwelt

          Im Zentrum der Ausstellung stehen vier Künstler und vier Jahre von 1963 bis 1966, in denen sie den Grundstein für den gegenwärtigen Versicherungswert ihrer Werke legten - und in denen sie sich in den Kunstbetrieb drängelten wie die Besucher in ihre Retrospektiven heute. Manfred Kuttner und Gerhard Richter waren gerade aus der DDR von der Dresdner an die Düsseldorfer Akademie gewechselt, wo sie auf Polke und Lueg sowie auf Professoren wie Joseph Beuys und George Maciunas trafen, die den Siegeszug der abstrakten Malerei bald gemeinsam beenden sollten. Statt, wie es in Westdeutschland üblich war, informell zu malen, ermutigte die Akademie die Künstler, den flüchtigen Alltag und das Publikum miteinzubeziehen.

          Richter, Polke, Lueg und Kuttner bedienten sich also am Oberflächenglanz der Konsumwelt, in der sich die Nachkriegsgesellschaft eingerichtet hatte, und entwickelten alsbald die deutsche Variante der amerikanischen Pop-Art. Neben Tischen, Schüsseln, Schokoriegeln und Autos setzten die Künstler exotische Urlaubsorte und in Bikinis bekleidete Damen, aber auch Verwandte in Wehrmachtsuniformen und Kriegsflugzeuge ins Bild. Die Frage war nur: wohin eigentlich mit diesem „kapitalistischem Realismus“?

          Trotz der Skepsis, die sich in ihren Werke gegenüber den Versprechungen des Marktes ankündigt, war es schließlich der Markt, der den jungen Künstlern das Leben und die Arbeit finanzierte. Nach einer bescheidenen Ausstellung in Fulda im Jahr 1962 blieb den jungen Künstlern der Zugang zum Establishment jedoch weiterhin versperrt, so dass sie sich kurzerhand entschlossen, die Karriereplanung selbst in die Hand zu nehmen.

          Die Düsseldorfer Kunsthalle dokumentiert insgesamt sechs Schauen, an denen die Künstler zwischen 1963 und 1966 beteiligt waren, ja die sie größtenteils mit gehörigen Marketingaufwand sogar selbst organisierten: Am 11. Oktober 1963 etwa luden Richter und Lueg das Kunstpublikum in ein Düsseldorfer Möbelhaus. Sie hängten jeweils vier Gemälde sowie einen Filzanzug von Joseph Beuys zwischen die Einrichtungsgegenstände und mischten sich selbst unter die Verkaufsartikel: Sie saßen auf Sessel und Sofa und schauten Fernsehen. Knapp ein halbes Jahr später, im Februar 1964, setzten Richter, Polke und Lueg ihre Kunst als Baumschmuck ein: Um die Aufmerksamkeit des Galeristen Rolf Jährling auf sich zu ziehen, stellten sie ihre Gemälde an einem Wuppertaler Wintertag einfach im Garten seiner Villa aus.

          Schaut man sich die Reproduktionen der damals ausgestellten Werke in der Düsseldorfer Kunsthalle nun im Spiegel der Fotos und Zeitungsartikel an, die den Möbelhaus- und Gartenauftritt der Künstler dokumentieren, muss man feststellen: Sie wirken so ganz und gar nicht wie eine belanglose Notlösung - eher wie eine mutige Reminiszenz an den ziemlich frechen Umgang mit der Kunst, den die Künstler selbst damals an den Tag legten.

          Was die ambitionierten Studenten Anfang der sechziger Jahre nämlich nicht ahnen konnten, ist: dass sich die Ironie ihrer Selbstinszenierung eines Tages im Kunstbetrieb verflüchtigen, ja dass er sie fünfzig Jahre später tatsächlich ganz und gar unmöglich machen sollte. Nichts zeigt das besser als die Reaktion von Kritikern, die den spielerischen Umgang mit den Originalen allein vor dem Hintergrund ihres Markt- und Versicherungswertes zu beurteilen wissen. Und niemand weiß das besser als die Düsseldorfer Kunsthalle.

          Reproduktionen als letzte Protestform

          Eigentlich sollte die Ausstellung „Leben mit Pop“, die noch bis Ende September läuft, mit einem Plakat beworben werden, auf dem die Logos und Namen all der Unternehmen und Stiftungen stehen sollten, die die Schau finanzieren. Eindeutig wollte die Kunsthalle damit den kapitalistischen Realismus in die Gegenwart überführen, also ein Bild schaffen, das die Abhängigkeit kuratorischer und künstlerischer Arbeit von der Wirtschaft thematisiert - ähnlich wie es Richter und andere in den sechziger Jahren versuchten. Der Entwurf des Künstlers Christopher Williams musste jedoch verworfen und durch knallrote, knallknackige Äpfel ersetzt werden, die offenbar weniger sündhaft auf die Sponsoren wirken als ihre eigenen Namen.

          In einer Zeit, in der Kunsthallen Sponsoren glücklich machen müssen, in der nicht mehr die Künstler die Unternehmen und Möbelhäuser aufmischen, sondern in denen Unternehmen und Möbelhäuser die Künstler einladen, um ihr Image aufzupolieren, dürfen die Reproduktionen, die Papptafeln, deshalb als letzte Protestform bewertet werden, die einer Kunsthalle im Jahr 2013 noch geblieben ist.

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