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Paris-Ausstellung in Berlin : Topographien der Gedanken

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Allen Ginsberg, wie Ulrike Ottinger ihn 1966 sah: als Puzzle Bild: Francis von Stechow

Ulrike Ottinger erinnert im Berliner Haus der Kulturen der Welt an ein versunkenes Paris. In ihrer Ausstellung „Paris Calligrammes“ lässt sie ihre sieben Jahre in der französischen Hauptstadt Revue passieren.

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          „Den Typus des Flaneurs schuf Paris“, schreibt Walter Benjamin, und den Flanierenden „leitet die Straße in eine entschwundene Zeit.“ Tatsächlich gibt es wenige Städte, in denen Namen und Spuren der Vergangenheit sich auf engstem Raum so sehr verdichten. Eine Straße wie die Rue du Dragon im Quartier Latin erstreckt sich über zweihundert Meter, aber zugleich führt sie den Passanten tief in die Vergangenheit. Das „Historische Wörterbuch der Pariser Straßen“ des Stadthistorikers Jacques Hillairet verzeichnet alles, was aus der Rue du Dragon überliefert ist: um 1770 lebte hier eine Mademoiselle Dubois, Schauspielerin der Comédie Française, daneben ein Stallmeister namens Boucher, dreihundert Jahre zuvor hatte der Emaillekünstler Bernard de Palissy hier sein Haus, und wenige Hausnummern weiter lebte am Beginn des neunzehnten Jahrhunderts für einige Monate Victor Hugo.

          Im Haus Nr. 15 befand sich über vierzig Jahre lang die deutsche Buchhandlung „Calligrammes“, die ihr Gründer Fritz Picard zum Treffpunkt für Künstler und Schriftsteller gemacht hatte. Hier verkehrten Raoul Hausmann und Tristan Tzara, Hannah Arendt und Hans Arp, Claire Goll und Paul Celan. Unter den regelmäßigen Besuchern war in den sechziger Jahren auch Ulrike Ottinger, die ihre Heimat am Bodensee verlassen hatte, um in Paris Kunst zu studieren. Der Erinnerung an ihre sieben Pariser Jahre widmet die Filmemacherin nun eine sehenswerte Ausstellung im Berliner Haus der Kulturen der Welt, und die kleine Buchhandlung in der Rue du Dragon dient dabei als Namensgeberin: „Paris Calligrammes – Eine Erinnerungslandschaft“.

          Die sechziger Jahre waren eine bewegte Zeit in Paris. Die Stadt war zur Heimat zahlreicher jüdischer und politischer Immigranten geworden, die ein einzigartiges intellektuelles Klima schufen. 1962 war der Algerien-Krieg zu Ende gegangen, wirkte aber bis in den Pariser Alltag hinein nach. Algerische Demonstranten, die auf ihre Lebensbedingungen in den Armenvierteln am Rande der Stadt aufmerksam machen wollten, wurden von Schlägertrupps der Polizei umgebracht. Als Jean Genet die Verbrechen des französischen Militärs während des Algerienkriegs in seinem Theaterstück „Les Paravents“ zum Gegenstand machte, stürmten ehemalige Mitglieder der Fallschirmeinheiten die Bühne und prügelten auf die Schauspieler ein. Am Ende des Jahrzehnts standen die Ereignisse der Studentenrevolte.

          Besucher sehen Ottingers persönliche Arbeitsproben

          Für Ulrike Ottinger waren diese Jahre zugleich eine Zeit der persönlichen und künstlerischen Orientierung. Sie studierte Radierung im Atelier von Johnny Friedlaender, hörte Vorlesungen von Claude Levi-Strauss, Louis Althusser und Pierre Bourdieu und durchstreifte die Viertel der Stadt. „Gehen und sehen wurde zu meiner aufregendsten Beschäftigung.“

          In der Ausstellung legen persönliche Fotografien, Zeitungs- und Filmberichte, Dokumente und Fotos befreundeter Künstler von all diesen Entwicklungen Zeugnis ab. Es sind eindrückliche Exponate darunter, wie etwa Fotografien Pierre Bourdieus aus seiner Zeit als Soldat in Algerien oder ein historisches Fernsehinterview, in dem der Regisseur Jean Rouch sein ethnologisches Interesse an Johnny Weissmüller in der Rolle des Tarzan erläutert. In einer Vitrine liegt das Gästebuch der Buchhandlung „Calligrammes“, darin die Widmung Paul Celans – „inmitten der Bücher, entsprechend eingeschüchtert und mithin nicht ganz kalligraphisch“. Manches Vergangene ist nicht zu sehen, aber durch die Beschreibungen doch lebhaft zu imaginieren, beispielsweise das rhythmische Klopfen der Pariser Polizeieinheiten, die zur Einstimmung auf ihre Attacken mit den Schlagstöcken auf das Straßenpflaster schlugen.

          Es ist eine Besonderheit der Schau, dass man beim Durchstreifen der Räume nicht darüber nachdenken muss, ob es eine historische Dokumentation oder eine Kunstausstellung ist – die Unterscheidung wird bedeutungslos, weil beides sich auf selbstverständliche Weise zusammenfügt. Das liegt auch daran, dass die Ausstellung Ottingers neueste Produktion begleitet, den Film „Paris Calligramme“, der in acht Kapiteln besondere Orte der Stadt aufsucht und bald im Kino zu sehen sein wird.

          Die Künstlerin selbst bleibt in Bewegung

          Zu einer „Erinnerungslandschaft“ gehört es, dass ihre Bestandteile in Bewegung bleiben und sich nicht zu Monumenten verdichten. In ruhigen Filmbildern zeigt Ottinger das Ineinander sedimentierter Zeitschichten: im Nachleben der Kolonialzeit im Pariser Stadtwald Vincennes, wo abseits der großen Boulevards die für die Soldaten der Kolonien errichteten Tempel und Denkmäler allmählich in die Tiefe der Zeit versinken oder im Alltag des afrikanischen Frisiersalons „Première Classe“ im Norden von Paris.

          Als Ottinger 2010 anlässlich der Verleihung des Hannah-Höch-Preises mit einer Ausstellung im „Neuen Berliner Kunstverein“ geehrt wurde, überraschte sie mit einer bis dahin völlig unbekannten Seite ihres Werks – mit bunten Siebdrucken der sechziger Jahre im Stil der Pop Art. Auch diese Bilder bringt die Berliner Erinnerungslandschaft wieder zum Vorschein, aber in veränderter Gestalt: ein Team des Museums hat die Serigrafien in Stoffbilder verwandelt. Am Abend der Eröffnung sah man im Abseits noch die Nähmaschinen stehen. Die klare grafische Form der Siebdrucke mit ihren popkulturellen Anleihen bei Comic, TV und Werbung kommt ihrer Umsetzung in das neue Medium entgegen.

          Der Beat-Dichter Allen Ginsberg trägt jetzt einen Bart aus Plüsch, Valeska Gert und Tristan Tzara begegnen uns in Bildnissen aus Baumwolle und Seide. 1969 verließ Ulrike Ottinger Paris und ging nach Deutschland zurück, um eine Galerie zu eröffnen und später Filmemacherin zu werden. Die Buchhandlung „Calligrammes“ existiert schon lange nicht mehr. Doch ist die Ausstellung kein Ort der Nostalgie. Sie hält das Vergangene in Bewegung – so wie auch Paris die Dinge im Gedächtnis behält und auch nach ihrem Verschwinden noch als Bild oder Name aufbewahrt.

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