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Werbeplakat für „Jefferson Airplane... at the Fillmore“, 1966 Bild: Wes Wilson

Ausstellung zur Protestkultur : Mutiges Aufbegehren über alle Grenzen

Das Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe dokumentiert den Protest von ’68. Der enorme Publikumserfolg beweist: Die Ausstellung ist vor allem für die Nachgeborenen eine aufrüttelnde Erfahrung.

          „The Times They Are A-Changin’“ – Bob Dylans Protesthymne aus dem Jahr 1964, das Fanal einer neuen Jugendbewegung, erklingt jaulend gleich am Eingang der Ausstellung, eine Endlosschleife: „There’s a battle outside, and it is ragin’“. Das berühmte Lied klingt wie eine Prophezeiung angesichts der Fotografien, die dort auf große Screens projiziert sind, Bilder, die ins kollektive Gedächtnis gehören, weltweit: die Leiche Che Guevaras 1967; die Attentate auf Martin Luther King und Robert Kennedy; Vietnamkrieg, Prager Frühling, Hunger in Biafra; der Mai ’68 in den Straßen von Paris; die in schwarzen Handschuhen gereckten Fäuste der afroamerikanischen Sprinter Tommie Smith und John Carlos bei der Olympiade in Mexiko.

          Rose-Maria Gropp

          Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

          Ohne Begriffe wie „Basis“ oder „Überbau“, „gesellschaftliche Relevanz“ oder „autoritärer Staat“ laut deklamieren zu müssen, führt „68. Pop und Protest“ die Museumsbesucher durch einen veritablen Multimedia-Parcours. Seine Sinnlichkeit in Film- und Theaterszenen – von „Easy Rider“ samt Sound bis hin zu Fassbinders Provinz-Tragödie „Katzelmacher“ – wird ergänzt von Mitschnitten damaliger Fernsehsendungen. Wie etwa einem Interview mit dem kurz danach bei einem Anschlag 1968 schwerverletzten Studentenführer Rudi Dutschke, dessen tiefe Ernsthaftigkeit berührt, seine Sprache, die Gedanken ausdrücken will, das Gegenteil von Gequatsche, egal wie man zum Inhalt seiner Sätze steht. Neben dem Monitor liegt aufgeschlagen in einer Vitrine die Ausgabe von Karl Marx’ „Kapital“, die Dutschke gehörte; die Anstreichungen bezeugen seine akribische Lektüre. Oder eine Diskussion zu Rosa von Praunheims Film „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt“, im Auftrag des WDR damals gedreht und ein initiales Dokument der Emanzipationsbewegung der Homosexuellen. Immer wieder gibt es derartige Begegnungen, sie brauchen Zeit, die gut investiert ist.

          Es ist die Abschiedsvorstellung von Sabine Schulze, die das Haus 2008 als Direktorin übernahm, es buchstäblich neu zusammengebaut und konsequent in den Erfolg geführt hat, über Deutschland hinaus. Sie hat die Schau selbst kuratiert, bei der es ihr um die Internationale einer kulturellen Revolution ging. Aus den bemerkenswerten Beständen des Museums hat sie dafür mit Augenmaß und Leidenschaft gewählt, um, so könnte man sagen, eine Energie sichtbar zu machen, die heute verschüttet scheint, ein eben doch auch mutiges Aufbegehren, über alle Grenzen hinweg.

          Deshalb ist die Ausstellung keine lustige Show, keine weitere Blütenlese mit ideologischen Scheuklappen, schon gar nicht blöde lächelnde Nostalgie, sondern die dichte Beschreibung eines Aufbruchs aus dem Abstand von fünfzig Jahren. An die Betrachter ist die Auseinandersetzung mit dieser Bewegung übergeben, Denkvermögen und eigene Urteilskraft werden ihnen zugemutet, vor allem zugetraut. Das allein wirkt gedankenbefreiend: „Alle reden vom Wetter. Wir nicht“ steht auf dem Plakat des „Sozialistischen Deutschen Studentenbunds“ von 1968. Eben – und abgebildet ist nicht die Deutsche Bundesbahn, sondern die Trias Marx, Engels, Lenin.

          Im letzten Teil der Schau wird es dann bunt. Dort findet die zügige Anverwandlung der Revolte durch den populärkulturellen Kommerz statt, nicht unbedingt zum Schaden der Menschheit. Auch die Reiseschreibmaschine „Valentine“ von Olivetti, entworfen von Ettore Sottsass und Perry A. King, war auf ihre Art eine Befreiung, die im Werbefilm durch den Orbit trudelt. Minikleidchen aus buntbedrucktem Papier erklärten ihre Unabhängigkeit von festem Stoff. Und Jane Fonda schälte sich punktgenau 1968 als „Barbarella“ aus ihren Astro-Hüllen – vielleicht doch nicht Frauchen, eher frühe Heroine. Die Welt erfährt im Lauf der Zeit mehr als nur eine Lesart, kann das durchaus heißen.

          „68. Pop und Protest“ läuft noch bis weit in den März 2019; auch „’68“ war ja nicht vorbei, im Jahr danach. Im Museum weht noch einmal ein Geist des Aufstands, von dem wir bis heute profitieren – gegen verkrustete Strukturen, gegen autoritäre Charaktere, gegen eine in den herrschenden Schichten zu Toleranz und Trauer unfähige Gesellschaft: Die Hieb-und Stichworte sind bis heute nicht falsch, auch wenn sie spätere radikale Exzesse in schlimmsten Misskredit gebracht haben. In Hamburg ist diese Atmosphäre dokumentiert: wie sie auf bürgerlichem Grund wuchs, mit Intelligenz, Theoriebeschäftigung und im neuen Selbstbewusstsein marginalisierter Gruppen erstarkte, auf fruchtbaren Boden fiel bei Schriftstellern, Filme- und Theatermachern.

          Der enorme Publikumserfolg der Ausstellung beweist, dass die Erinnerung an solche Momente vor allem für die Nachgeborenen eine aufrüttelnde Erfahrung ist. Keine Bevormundung, selbstbestimmtes Handeln, wir werden die Tugenden brauchen. Auch unsere Zeiten ändern sich, der Einfluss der Medien ist längst undomestizierbar, die Straße hat wieder Hochkonjunktur. Über die Denkungsart dort ist allerdings dringend zu entscheiden.

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