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Marcel Broodthaers in Kassel : Begehbare Gedichte im Fridericianum

Die Documenta erinnert an ein fintenreiches Vorbild und widmet Marcel Broodthaers eine Retrospektive im Museum Fridericianum. Hier werden Menschen aber nicht einfach mit Kunst beschossen. Es bleibt auch etwas hängen.

          5 Min.

          Vielleicht betrübt, vielleicht nur verstimmt über die misslichen Schicksale seiner Lyrik und Prosa, klebte der belgische Dichter Marcel Broodthaers 1964 einige Exemplare der Restauflage eines von ihm verfassten Bändchens zur Skulptur zusammen und war fortan bildender Künstler. In dem kurzen Dutzend Jahre, das ihm danach bis zu seinem Tod blieb, schuf er ein Werk, das an ästhetischer Pointendichte im Detail und gedanklicher Weite der Gesamtgestalt seinesgleichen gar nicht erst suchen sollte: In der Epoche nach den Avantgarden, die bis heute andauert, findet sich nichts Gleichwertiges.

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          In diesem Sommer, fast vierzig Jahre nach seinem Tod, kann man sich auf den Kasseler Friedrichsplatz stellen, der zu Documenta-Zeiten meist rettungslos vollgerümpelt und zugepublikumt ist, und sich am freien Blick auf die Säulen des Fridericianums freuen, die man vertikal mit dem Namen des Filmemachers, Raumerkunders, Begriffskünstlers und Sozialfallenstellers geschmückt hat. Drinnen, hinter weich versiegelten Fenstern, findet man seine Welt: Prägeschilder mit Aufschriften aus der Geistes-, Natur- und Zufallsgeschichte, surrende Filmprojektoren, die seine Geisterinitialen dabei beobachten, wie sie sich selbst schreiben, „M.B.“, und ein Kamel, das sich auf einen Ausstellungsbesuch vorbereitet, während ein Stockwerk höher eine mannshoch aufgerichtete Schlange lauert, umzingelt von mehr Ideen, als der ganze Apple Store fasst.

          Mit den Augen eines Filmemachers

          Eine Retrospektive, sagt das Konzept. Was meint dieses Wort hier? Erinnerungsparcours, Denk-Shop, Kapelle für aufgeklärte Andacht, Katakomben des alten Geraffels? Broodthaers selbst nannte seine begehbaren Gedichte, Aphorismen und Essays einmal (in keineswegs nur institutionskritischer Absicht) „Museum“ (samt Abteilung für Adler und Kinosektion), dann wieder „Dekor“. Krimskrams, Bastelei, Setzkasten: Für seine stets wie im Fluss begriffenen Raumfluchten gilt, was er in einem Gedicht über das Wasser gesagt hat – alles, was es umfasst, ist kleiner als es selbst. Auf Französisch ist das viel schöner und klingt weniger nach Logik oder Mengenlehre: „Tout ce qu’elle étreint est plus petit qu’elle.“

          Wohl weil er seine fließfähigen, zwischen Ebbe und Flut für den Sehsinn vermittelnden Bildfindungen mit dem Auge eines (wenngleich sehr idiosynkratischen) Filmemachers vornahm, fühlt man sich von den Juxtapositionen und optischen Engführungen, die man in den vorbildlich blicklenkend genutzten Kasseler Räumen und diversen eigens in sie eingebetteten Unterräumen neu aufgebaut hat, oft an Filmsets erinnert – solche von besonders raumkundigen Regisseuren wie Stanley Kubrick oder Benoît Jacquot vor allem.

          Witze im geziemenden Sicherheitsabstand

          Peter Hacks ist einmal aufgefallen, dass Filme erheblich mehr mit Romanen zu tun haben als mit dem Drama. Ans Theater denkt man bei Broodthaers nicht nur aus diesem Grund viel seltener als ans Erzählen, sogar ans auktoriale, inklusive Imperfekt und dritte Person. Ist er vielleicht auch als Visualist schlicht Schriftsteller geblieben? Die These geistert, nicht immer ganz explizit verraten, durch die Literatur über ihn. Sie hat ihr Verführerisches; aber wie alles Verführerische eben deshalb auch etwas leicht Unseriöses, ja Komisches.

          Komik? Sie ist ein weiteres Fach, in dem Broodthaers sich umgesehen hat, ohne sich darin bequem einzurichten: Der Papagei, der für den Wiederholungszwang des mit einer Manier erfolgreichen Künstlers steht, der Spiegel, der an der Schauwand hängt für alle, die von Kunst eine Reflexion erwarten, die sie im Leben nicht mehr zustande bringen – das sind Witze, die den geziemenden Sicherheitsabstand vom Schenkelklopfer wie vom Schmunzelfeinsinn halten: Buster Keaton als Marcel Duchamp in „Vis Comica 3D“ von Marcel Broodthaers.

          Persönliche Sinnbilder für die Validierung des eigenen Tuns

          Filmisch, literarisch, komisch: Was im Fridericianum als Broodthaers-Retrospektive immer auch die Selbstehrung der Documenta mitmeint, die in diesem Jahr ihr sechzigstes Jubiläum feiert und sich vernünftigerweise lieber diese Schau mit Arbeiten eines Mehrfachteilnehmers an ihrem Treiben geschenkt hat als irgendeine Greatest-Hits-Peinlichkeit, fordert den Vergleich heraus mit dem, was heute gerade bei Großveranstaltungen für Besuchermassen so an raumbesetzender Kunst geboten wird.

          Die Enkel arbeiten sich, anders als Broodthaers, kaum mehr an avantgardistischer (etwa surrealistischer) Vorgeschichte oder der Schwierigkeit ab, persönliche Sinnbilder für die Validierung des eigenen Tuns zu finden, die weder Privatkram noch Sinnhuberei sind. Sie greifen scheinbar weiter aus, sprechen vom Postkolonialismus, vom Neoliberalismus oder vom Geschlechterunrecht. Formal aber sind sie unter den gefährdeten Punkt gefallen, auf dem Broodthaers balancieren musste. Seine unmittelbaren Vorbereiter konnte man noch rein illustratorisch verstehen; sie zeigten Pfeifen, die keine waren, um sich an eine Welt zu wenden, die unter „Bebilderung“ verstand, dass man denen, die einen Text nicht kapieren, etwas Sichtbares dazugibt, das sich ihnen unmittelbar erschließt.

          Nicht nur das sehen, was den Mächtigen gefällt

          Heute, also chronologisch nach Broodthaers, nach Stuhlinstallationen mit Stühlen, Stuhlbildern und Stuhltexten, nach „Art & Language“ und Millionen semiotischer Mikroscharmützel auf Milliarden von Vernissagen im Foyer der Stadtsparkasse von Überallingen/Nordschwaben, hat sich die Sache nahezu allseits ins Gegenteil verkehrt: Die Texte und Begriffe machen nunmehr erst das Visuelle verständlich – es wird ihnen zugetraut, zwar nicht (wie früher die Erklärbildchen) unmittelbar (Unmittelbares gibt’s nicht mehr, das hat das World Wide Web gefressen), aber doch irgendwie weniger mittelbar aufs Publikum zu wirken als das, was es zu sehen gibt. Lies den Katalog, die Kritik oder wenigstens den Roman (im Hamburger Bahnhof zu Berlin kann man derzeit in „Moby Dick“ von Michael Beutler herumlaufen, einer Arbeit, die weder Dekor noch Museum ist, sondern Atelier), dann geht dir das Licht auf, das die Objekte beleuchtet, die wir dir hingestellt haben – wir, die Künste jenseits der Medieneindeutigkeit.

          Wer lesen gelernt hat, nimmt ein Wort vielleicht ohne jedes Buchstabieren auf den ersten Blick als Einheit wahr. Es gibt eine anerzogene Unmittelbarkeit, an der sich allerdings auch politisch Problematisches festsaugen kann. Denn das, was man als selbstverständlich zu betrachten und auch bei oberflächlichem Hinschauen sofort zu erfassen gelernt hat, ist oft schlicht das, was den Mächtigen gefällt und was sie ihre Agenturen lehren lassen – und damit das, was es am allermeisten verdient, von den Sinnen und vom Verstand gerade nicht durchgewunken zu werden.

          Werke sollen Schleusen sein?

          Je selbstverständlicher – oder weniger freundlich gesagt: je unbedachter – die visuelle Kunst der Gegenwart das alte illustrative Prinzip einfach umkehrt (jetzt versteht man eben die Wörter schneller und die Optik später), desto erbarmungsloser macht dieses illustrative Prinzip seine didaktische Herkunft geltend. Im Ergebnis denkt die Laufkundschaft dann womöglich, sie habe nichts weiter erfahren als eine Meinung, mit der man sich sehen lassen kann. Nichts Ästhetisches jedenfalls, nichts, das mit gespaltener Zunge zischt, wie das die Schlange bei Broodthaers täte, wenn sie nicht hinterhältigerweise stumm bliebe.

          Auf der Pressekonferenz zur Eröffnung der Broodthaers-Ausstellung und zur Vorstellung einiger erfreulicher Debattenaktivitäten, die Kassel sich aus gegebenem Anlass leistet, bescheinigte eine offizielle Stimme der Documenta, sie habe sich als Ort etabliert, durch den „vielfältige Formen des Denkens hindurchgeschleust“ worden seien. Das soll ein stolzer Verweis auf „gesellschaftliche Relevanz“ sein, nimmt aber das Politische wie das Künstlerische nicht ernster, als der biederste Akademismus des neunzehnten Jahrhunderts dies tat: Werke sollen Schleusen sein, Rohrpostanlagen, Kanonenrohre, durch die man die Menschheit mit dem Wahren, Schönen und Guten beschießt. Bei Broodthaers wird nichts irgendwo durchgeschleust. Im Gegenteil, viel besser: Es bleibt was hängen.

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