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Marcel Broodthaers in Kassel : Begehbare Gedichte im Fridericianum

Die Enkel arbeiten sich, anders als Broodthaers, kaum mehr an avantgardistischer (etwa surrealistischer) Vorgeschichte oder der Schwierigkeit ab, persönliche Sinnbilder für die Validierung des eigenen Tuns zu finden, die weder Privatkram noch Sinnhuberei sind. Sie greifen scheinbar weiter aus, sprechen vom Postkolonialismus, vom Neoliberalismus oder vom Geschlechterunrecht. Formal aber sind sie unter den gefährdeten Punkt gefallen, auf dem Broodthaers balancieren musste. Seine unmittelbaren Vorbereiter konnte man noch rein illustratorisch verstehen; sie zeigten Pfeifen, die keine waren, um sich an eine Welt zu wenden, die unter „Bebilderung“ verstand, dass man denen, die einen Text nicht kapieren, etwas Sichtbares dazugibt, das sich ihnen unmittelbar erschließt.

Nicht nur das sehen, was den Mächtigen gefällt

Heute, also chronologisch nach Broodthaers, nach Stuhlinstallationen mit Stühlen, Stuhlbildern und Stuhltexten, nach „Art & Language“ und Millionen semiotischer Mikroscharmützel auf Milliarden von Vernissagen im Foyer der Stadtsparkasse von Überallingen/Nordschwaben, hat sich die Sache nahezu allseits ins Gegenteil verkehrt: Die Texte und Begriffe machen nunmehr erst das Visuelle verständlich – es wird ihnen zugetraut, zwar nicht (wie früher die Erklärbildchen) unmittelbar (Unmittelbares gibt’s nicht mehr, das hat das World Wide Web gefressen), aber doch irgendwie weniger mittelbar aufs Publikum zu wirken als das, was es zu sehen gibt. Lies den Katalog, die Kritik oder wenigstens den Roman (im Hamburger Bahnhof zu Berlin kann man derzeit in „Moby Dick“ von Michael Beutler herumlaufen, einer Arbeit, die weder Dekor noch Museum ist, sondern Atelier), dann geht dir das Licht auf, das die Objekte beleuchtet, die wir dir hingestellt haben – wir, die Künste jenseits der Medieneindeutigkeit.

Wer lesen gelernt hat, nimmt ein Wort vielleicht ohne jedes Buchstabieren auf den ersten Blick als Einheit wahr. Es gibt eine anerzogene Unmittelbarkeit, an der sich allerdings auch politisch Problematisches festsaugen kann. Denn das, was man als selbstverständlich zu betrachten und auch bei oberflächlichem Hinschauen sofort zu erfassen gelernt hat, ist oft schlicht das, was den Mächtigen gefällt und was sie ihre Agenturen lehren lassen – und damit das, was es am allermeisten verdient, von den Sinnen und vom Verstand gerade nicht durchgewunken zu werden.

Werke sollen Schleusen sein?

Je selbstverständlicher – oder weniger freundlich gesagt: je unbedachter – die visuelle Kunst der Gegenwart das alte illustrative Prinzip einfach umkehrt (jetzt versteht man eben die Wörter schneller und die Optik später), desto erbarmungsloser macht dieses illustrative Prinzip seine didaktische Herkunft geltend. Im Ergebnis denkt die Laufkundschaft dann womöglich, sie habe nichts weiter erfahren als eine Meinung, mit der man sich sehen lassen kann. Nichts Ästhetisches jedenfalls, nichts, das mit gespaltener Zunge zischt, wie das die Schlange bei Broodthaers täte, wenn sie nicht hinterhältigerweise stumm bliebe.

Auf der Pressekonferenz zur Eröffnung der Broodthaers-Ausstellung und zur Vorstellung einiger erfreulicher Debattenaktivitäten, die Kassel sich aus gegebenem Anlass leistet, bescheinigte eine offizielle Stimme der Documenta, sie habe sich als Ort etabliert, durch den „vielfältige Formen des Denkens hindurchgeschleust“ worden seien. Das soll ein stolzer Verweis auf „gesellschaftliche Relevanz“ sein, nimmt aber das Politische wie das Künstlerische nicht ernster, als der biederste Akademismus des neunzehnten Jahrhunderts dies tat: Werke sollen Schleusen sein, Rohrpostanlagen, Kanonenrohre, durch die man die Menschheit mit dem Wahren, Schönen und Guten beschießt. Bei Broodthaers wird nichts irgendwo durchgeschleust. Im Gegenteil, viel besser: Es bleibt was hängen.

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