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Schloss Babelsberg : Liebesbrief in Blumenschrift

Sightseeing anno dazumal: „Blick von Babelsberg auf Schloss Glienicke“ von Carl Daniel, um 1838 Bild: Archiv KPM Land Berlin

Die Stunde der Ingenieure: Eine Ausstellung im Schloss Babelsberg feiert den Fürsten Pückler als Gartenkünstler. Ein Anwesen erwacht aus seinem fast tödlichen Dornröschenschlaf.

          3 Min.

          Der Hügel von Babelsberg thront über der Potsdamer Schlösserlandschaft wie ein Adlerhorst. Von hier aus kann man das preußische Arkadien nach allen Richtungen überblicken: Schloss und Park Sanssouci im Westen, das Marmorpalais, Cecilienhof, die Sacrower Heilandskirche und die Pfaueninsel gestaffelt im Norden und Nordosten, dazu im Vordergrund Schloss Glienicke und die berühmte Brücke, auf der im Kalten Krieg die Agenten ausgetauscht wurden. Der neogotische Schlossbau, der am Nordwesthang des Hügels ab 1840 aus einem adligen Landhaus herauswuchs, diente der nach Bismarck wichtigsten Figur der deutschen Einheitskriege des neunzehnten Jahrhundert als Sommersitz – dem Prinzen Wilhelm, später König von Preußen und ab 1871 Kaiser des wilhelminischen Reiches. Ein Ort der deutschen Geschichte, ein Gebäude, in dem historische Entscheidungen fielen.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Und doch hat Schloss Babelsberg von allen preußischen Prunkbauten im Umkreis das schlechteste Los gezogen. Nach 1945 wurde die Inneneinrichtung zerschlagen oder geplündert, später zog eine sozialistische Richterschule, dann die Hochschule für Film und Fernsehen der DDR und zuletzt ein Museum für Frühgeschichte in die leeren Räume ein. Der Bau, sein Fassadenschmuck und der umgebende Park verfielen, am Havelufer zu Füßen der Ruine verlief die Grenze mit Wachtürmen und Todesstreifen. Das Schloss, von Schinkel und Ludwig Persius erbaut, schlief einen tiefen Schlaf, und wäre die Mauer nicht gefallen, hätte es ihn nicht überlebt.

          Seitdem aber ist Babelsberg erwacht, ganz langsam, wie es sein Zustand gebot, doch unaufhaltsam. Die Säle mit ihren neugotischen Stuckdecken sind gerettet, die Fassaden, Terrassen, Brunnen und Skulpturen wiederhergestellt, und wenn der Masterplan der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten funktioniert, wird bis 2030 der komplette Bau erneuert sein.

          Schöne Aussichten: Besucher auf der Terrasse von Schloss Babelsberg.

          Vor allem aber ist der Park wiedererstanden: seine Wege, seine Beete, Wälder und Teiche. Nicht irgendein Garten – sondern die üppigste, ausschweifendste, romantischste der preußischen Landschaftsphantasien. Lenné hat sie entworfen. Hermann Fürst Pückler, der Schlossherr von Muskau und Branitz, hat sie vollendet.

          Die Ausstellung, mit der die Schlösserstiftung jetzt Pücklers Parkschöpfung in Babelsberg feiert, ist deshalb auch eine Zwischenbilanz: Bis hierher, bis zum Gotischen Garten, der Rosentreppe, den Beeten im Pleasureground und der Prunkterrasse mit der Blumenfontäne, sind die Restauratoren gekommen; die Sanierung der Innenräume, die endgültige Rückgewinnung des Werks von Schinkel und Persius steht noch aus.

          Die Kunst des Gartenbaus: Im Park von Schloss Babelsberg.

          Dafür wird in den Räumen im Hauptgeschoss, die statt mit Gemälden und Möbeln mit Vitrinen und Mediastationen gefüllt sind, die Geschichte des Parks ausbuchstabiert. Etwa die unschöne Tatsache, dass Pückler, als er 1843 die Leitung der Arbeiten übernahm, kein gutes Haar an der Arbeit seines Vorgängers ließ; viel mehr als ein Ingenieur, so der Fürst, sei Lenné nicht gewesen. Aber das vollmundige Urteil war wohl mehr für die Galerie gesprochen, denn Pückler ließ Lennés Konzeption fast unangetastet und begnügte sich damit, sie einfühlsam zu ergänzen.

          Dafür brauchte er vor allem Ingenieure. Bis 1845 entstand am Havelufer das von Persius erdachte Maschinenhaus, dessen Dampfpumpen den sandigen Schlosshügel mit Wasser für Bäume und Pflanzen versorgten. Hinter dem technisch-ästhetischen Sprung nach vorn stand ein politischer, denn seit 1840 galt Prinz Wilhelm als designierter Nachfolger seines kinderlosen königlichen Bruders Friedrich Wilhelm IV. Aber auch persönliche Beziehungen spielten bei Pücklers Berufung mit: Die Prinzgemahlin Augusta, die mit dem steifen Wilhelm eine süßsaure Ehe führte, und den Regenten von Muskau verband ihre überschwengliche Anglophilie.

          Pücklers „Briefe eines Verstorbenen“, die er zwischen 1826 und 1829 aus England an seine geschiedene Frau Lucie von Hardenberg schrieb, waren ein Bestseller ihrer Zeit und hatten den bankrotten Fürsten wieder flottgemacht. Für die „Gartendienste“, die er sporadisch, aber energisch ableistete, erwartete er dagegen keinen realen, sondern symbolischen Lohn.

          Sowohl den Titel „Durchlaucht“, den er ab 1861 führen durfte, als auch den Roten Adlerorden und andere Brustzierden verdankte der ehrsüchtige Pückler seinen Verbindungen zum preußischen Königshaus. Im Gegenzug war er bis zur Lächerlichkeit loyal. Als Preußen 1866 gegen Österreich Krieg führte, meldete sich der Achtzigjährige in Generalsuniform im Hauptquartier in Gitschin. Am nächsten Morgen ließ man ihn schlafen. Die Schlacht bei Königgrätz fand ohne Fürst Pückler statt.

          Die große Zeit von Babelsberg war damals schon vorbei. Die Königin, dann Kaiserin Augusta weilte nur noch selten auf ihren Sommersitz, da sie, wie es hieß, das feuchte Klima nicht vertrug. Dabei hatte Pückler eigens für sie die weiten Aussichten, die Balustraden, die Bauminseln und Blütenströme entworfen, die wie eine Galerie der Naturschönheit vor Augustas hohen Zimmerfenstern lagen. Kein gemaltes Porträt, schrieb er ihr in den vierziger Jahren in einem Brief, könne den Zauber ihres Wesens wiedergeben. Deshalb versuchte es der schwärmerische Fürst mit einer Spiegelung in Blumenschrift. Die Porträtierte war entzückt. Doch die Beglückung hielt nicht lange vor. Von der Arbeitsromanze zwischen Augusta und Pückler blieb nur der Babelsberger Park. Heute kann jeder in ihm sein eigenes inneres Preußen entdecken.

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