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Anthonis van Dyck in München : Im Irrlicht seines Auges

Er war der berühmteste Porträtmaler des Barocks, aber er beherrschte auch das mythologische Großbild: Die Alte Pinakothek feiert Anthonis van Dyck.

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          Auch wenn die vielleicht berühmtesten van Dycks aus seiner Zeit als Hofmaler des englischen Königs Charles nicht in München zu sehen sind: Die Ausstellung in der Alten Pinakothek muss sich vor den anderen in dichter Abfolge eröffneten Großereignissen dieses Kunstherbstes nicht verstecken. Die Wittelsbacher konnten der Londoner Konkurrenz Paroli bieten, indem etwa Johann Wilhelm von der Pfalz und Max Emanuel von Bayern insgesamt 81 Gemälde van Dycks für imposante Summen erwarben. Ausgestellt waren sie unter anderem in einem eigenen Galeriebau in Düsseldorf, wo Johann Wilhelm residierte, der zusätzlich noch Statthalter in Brüssel und damit dem langjährigen Wirkungsort van Dycks in Antwerpen sehr nahe war.

          Stefan Trinks

          Redakteur im Feuilleton.

          Die Alte Pinakothek, in die auch viele der übrigen über Bayern verteilten Dependancen der Staatsgalerie wie Neuburg an der Donau oder Schleißheim Hauptwerke geschickt haben, ist in Deutschland somit der natürliche Ort für eine Schau zu van Dyck. Viele der rund hundert ausgestellten Werke wurden in den letzten zwei Jahren kunsttechnologisch untersucht. Die dabei gewonnenen Erkenntnisse werden auf Screens vor den Gemälden ausgebreitet, ohne dass der Genuss der Bilder gestört würde. Ein weinroter Hintergrund hebt die „Themenwände“ zusätzlich hervor.

          Heutzutage wird der früh verstorbene van Dyck (1599 bis 1641) häufig als schwächstes Glied in der Dreierkette mit Jacob Jordaens und Peter Paul Rubens wahrgenommen, oft gar nur als Werkstattmitarbeiter von Rubens, was er in jungen Jahren war. Zu Lebzeiten war das freilich anders: Wenn Rubens für seine Körper und Hautoberflächen gerühmt wird, dann darf man van Dyck für die Verlebendigung und individuelle Charakterisierung seiner insgesamt zweihundertachtzig Porträts bewundern – auch wenn das Münchner Doerner Institut festgestellt hat, dass er bei späteren Ganzkörperbildnissen die Köpfe oft als weiße Ovale stehen ließ, um sie erst bei Vertragsabschluss mit den Gesichtern der Auftraggeber zu versehen.

          Zwar zeigt sich im ersten Saal der Ausstellung das zähe Ringen der Lehrjahre bei Hendryck van Balen und im Atelier von Rubens mit teilweisen Schwächen. Zugleich treten aber eben auch unverwechselbare Eigenheiten und daher Alleinstellungsmerkmale auf dem harten damaligen Kunstmarkt hervor, welche die beiden Konkurrenten um die solventesten Auftraggeber nicht aufweisen. Van Dycks Serie von Apostelköpfen etwa scheint vor erdiger Bodenständigkeit der Kartoffelnasen zu dampfen und zu atmen – für den ätherischen Rubens undenkbar.

          Die Apostelserie war augenscheinlich gefragt, denn es sind Verkäufe mehrerer Kopien nicht zuletzt durch einen Gerichtsprozess der 1660er Jahre bekannt, in dem ein Kanoniker für seine Kirche einen Satz der Apostel von des Meisters eigener Hand bezahlte, aber seiner Meinung nach nur ein Werkstattstück bekam, weshalb er klagte. Überhaupt ziehen sich durch die Ausstellung die für die Barockmalerei zentralen kunstsoziologischen Fragen nach Vervielfältigung und Reproduktionstechniken in der Grafik, „Original“ oder Werkstattkopie sowie Organisation des Ateliers mit oft hohem Ausstoß an Bildern.

          Sehr gut ist in diesem Auftaktsaal auch zu erkennen, dass in Zeichnungen für den Werkstattbetrieb immer nur einige wenige Dinge vorbereitet wurden: Ein besonders bravourös gezeichnetes Blatt zeigt einen Mann mit der Hand auf der Brust, die in das Gemälde hinter der Vitrine mit der Zeichnung wie eine Intarsie eingesetzt wurde. Der „Kopf eines alten Mannes“ aus der Potsdamer Bildergalerie ist besonders in den Schultern und der Halspartie mit ihren stark hervortretenden Schlagadern minutiös ausgearbeitet, das Ohr hingegen besteht aus nicht mehr als drei Strichen in breiter Rötelzeichnung – es war offensichtlich in dieser Musterzeichnung für van Dycks Atelier nicht von Interesse. Das Ohr für den Apostel auf dem Bild dahinter stammt somit wiederum von einer anderen Zeichnung.

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