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Alfred Kubin im Lenbachhaus : Echter Horror und ziemlich beste Freunde

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Ein Blick in die seelischen Abgründe: Das Münchner Lenbachhaus zeigt den Zeichner Alfred Kubin als visionären Proto-Surrealisten und Vorläufer der Graphic Novelists.

          Wenn Angst eine Gestalt wäre, könnte sie so aussehen: Ein unförmiges Monster, das bleischwer an den Füßen seines gestürzten Opfers hängt und es in den Abgrund zieht mit einem sich gummiartig dehnenden Klammerarm. Es sind solche frühen Zeichnungen von Alfred Kubin, die in unheimlichem Licht seelische Abgründe bloßlegen und damit zum Faszinierendsten zählen, was der 1877 im damals böhmischen Leitmeritz geborene Künstler geschaffen hat. Sorgfältig strichelt seine Tuschfeder absurde Vorgänge, die das Grauen albtraumhafter Visionen belegen: Menschlein, machtlos gigantischen hybriden Ungeheuern ausgeliefert, eklige, an nackten Leibern saugende Schlinger oder eine strenge schwarze Reiterin, deren Schaukelpferd auf scharfen Wiegemessern menschliche Körper kurz und klein schnitzelt. Desaster der Seele möchte man die drastischen Szenen betiteln, frei nach Goyas „Desastres della guerra“, an die sie manchmal erinnern.

          Die Surrealisten hätten ihre helle Freude an solchen Blättern gehabt, hatten sich aber in den Jahren um 1900 noch nicht formiert. Den Gedanken, Sigmund Freuds „Traumdeutung“ könnte hineingespielt haben, zerstreut der Nachweis, dass Kubin Werke des Vaters der Psychoanalyse erst viel später las. Nein, obwohl Kubin später berufener Illustrator großer Horrorliteratur wie der Edgar Allan Poes wurde, zeigen diese Frühwerke eigene Kopfgeburten, freigesetzt von Radierungen Max Klingers, die der abgebrochene Student der Münchner Kunstakademie 1899 sah. Sie lösten, so schrieb er, einen „Sturz von Visionen schwarz-weißer Bilder“ aus – gespeist von Trieb- und Ohnmachtsvorstellungen, peinigenden Erinnerungen an einen überstrengen Vater und das erste sexuelle Erlebnis mit einer Schwangeren, die ihn als Knaben verführte.

          Mit Kubins beklemmenden Gesichten beginnt im Münchner Lenbachhaus eine Ausstellung, die seine Verbindungen zum Künstlerkreis des Blauen Reiters untersucht und manche neue Erkenntnis auftischen kann: Vergessen war zum Beispiel, dass 1904 kein anderer als Kandinsky Kubin erstmals in München ausstellte, beim progressiven Künstlerverein Phalanx, mit positiver Wirkung, nicht zuletzt auf Käufer. Kubin trat in die Neue Künstlervereinigung München ein, und als deren avantgardistischer Zweig um Kandinsky und Münter unter Protest ausschied und den Blauen Reiter gründete, bekam der inzwischen verheiratete und nach Zwickledt in Oberösterreich übersiedelte Kubin umgehend Post mit der Bitte um Beitritt.

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          Sichtbare Gemeinsamkeiten sucht man fast vergeblich. Nur Paul Klee, der Kubin als noch fast unbekannter Künstler begeistert, hinterlässt bei ihm anhaltende stilistische Spuren – und ein bisschen auch Lyonel Feininger, den Kubin, auch das eine neue Erkenntnis, dem Blauen Reiter zuführte. Kubin experimentiert kaum mit Malerei, er bleibt der überzeugte Zeichner; schwarzweiß stechen seine Blätter von denen der Expressionisten-Freunde ab, die auch in Papierarbeiten die Potenz der Farbe als Ausdrucksträger forcieren und nach Vereinfachung der Form streben.

          Die Übereinstimmung drückte sich anders aus, was Kubin auch schriftstellerisch unterstrich. Im Jahr 1909 hat er mit seinem Roman „Die andere Seite“ aus dem Stand und in kürzester Zeit ein Hauptwerk der phantastischen Literatur hingelegt, Stefan Zweig war begeistert, Franz Kafka regte es zu mehreren Romanen an. Die bildgewaltige Geschichte handelt, nomen est omen, von einer verrückten Welt jenseits der Realität. Dass Kubin, wie der Blaue Reiter, an eine spirituelle Dimension, an das Geistige in der Kunst glaubte, machte ihre Nähe aus.

          Wie persönlich die Freundschaften waren und wie groß das gegenseitige Interesse an der Arbeit, zeigen Briefwechsel, die Vitrinen in der von Annegret Hoberg kuratierten Ausstellung füllen und im ausgezeichneten Katalog zum größten Teil erstmals publiziert sind. Das Lenbachhaus besitzt einmalige Archivbestände zu Alfred Kubin: erworben 1971 von dem leidenschaftlich jahrzehntelang unter Mithilfe des Künstlers sammelnden Hamburger Juristen und Apotheker Kurt Otte, summieren sie sich mit Zigtausenden Objekten an Kunst, Briefen, Fotos, Dokumenten, Texten und mehr zur größten Sammlung eines Künstlers in einem deutschen Museum. Fasziniert liest man, was Kubin im Mai 1910 hellsichtig an Kandinsky schreibt: „Lieber Freund Sie müssen sich im grossen und ganzen ja herrlich fühlen, denn nach der abstrakten Seite hin haben Sie ja eine ganz neue Kunstmöglichkeit erschlossen und stehen heute darin am weitesten, und ganz einzigartig da. Ich fühle in Ihren Arbeiten die urhaft längst vergangenen Dinge vermählt mit geheimnisvollen Vibrationen künftiger seelischer Möglichkeiten.“

          Alfred Kubin hatte wenig Anlass zu Selbstzweifeln; 1959 starb der Meister des Phantastischen hochgeachtet, viel gedruckt und ausgestellt, kommerziell erfolgreich und bis fast zuletzt zeichnend. Aber einmal, 1913 war es, schrieb er seinem Gönner Hans von Weber anlässlich einer Ausstellung in Herwarth Waldens Herbstsalon: „Und von mir selbst weiss ich nicht mehr bin ich mehr ein moderner oder älterer Meister.“ Im Kreis der Avantgarde fühlte er sich zunehmend unsicher. Er konnte ja nicht ahnen, dass man ihn heute als Mitbegründer des phantastischen Films, des Surrealismus und der Graphic Novel feiert.

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